Dizzy Gillespie auf Reisen

Jazzneuheiten, vorgestellt von Marcus A. Woelfle


(nmz) -
100. Geburtstage – so der Dizzy Gillespies im Oktober – werfen ihren Schatten voraus. Grund genug, einige Neuerscheinungen mit seiner Musik näher zu behorchen. Nicht erst 1964, als er für die Präsidentschaft der USA kandierte, war er auch ein politischer Faktor. 1956 schickte das State Departement Dizzy als Kulturbotschafter durch Asien, Afrika und Osteuropa, in Zeiten des kalten Krieges als die Russen durch Ballett und klassische Solisten bestens vertreten waren, eine kluge Entscheidung. Er hatte in den 40ern den Bebop mit aus der Taufe gehoben, dann dessen großorchestrale Variante und mit ihr den Cubop. Nun begleitete ihn eine neue Big Band, die ohne staatliche Finanzierung nicht hätte bestehen können.
Ein Artikel von Marcus A. Woelfle

Diese Tournee, die den Jazz in Länder brachte, die kaum je zuvor nähere Bekanntschaft mit Jazz, geschweige denn mit Bop gemachte hatten, wurde ein so großer Erfolg, dass bald darauf Kollegen wie Ellington und Goodman mit ähnlichen Aufgaben betraut wurden. Alle offiziellen Alben jener Tournee, etwa „Dizzy In Greece“ entstanden in Wahrheit nicht auf der Tournee. Als „Complete South American Tour Recordings“ liegen die einzigen echten Livemitschnitte als Doppel-CD vor, mit herausragenden Solisten wie dem schwarzen Tenoristen Bennie Golson und dem weißen Altisten Phil Woods. Gerade die Gemischtrassigkeit sollte vom freien Geist Amerikas Zeugnis ablegen (was Gillespie nicht davon abhielt, den Rassismus im eigenen Land zu kritisieren).

Musikalisch war das Orchester nicht mehr so progressiv wie die Bebop-Band von 1946 bis 1948, sondern kam mit Balladengesang und dem R&B angenäherten Stücken einem breiteren Publikum entgegen. Kurioserweise machte Dizzy ausgerechnet in Lateinamerika wenig Gebrauch von seinem zündenden Latin-Repertoire, von dem sich immerhin die Dauerbrenner „Manteca“ und „Tin Tin Deo“ finden. Er hat auch keine Latin-Perkussionisten mehr dabei. Historisch interessant, da von Gillespies Entdeckerlust zeugend, sind die inspirierten Aufnahmen mit einer Samba-Gruppe und jene mit dem Tango-Orchester von Osvaldo Fresedo, für die allerdings mehr Vorbereitung gut gewesen wäre. Da bewegt sich Dizzy zu wenig auf die Klangwelt des Tangos zu, in den sich seine Bebop-Kaskaden kaum einfügen wollen. (SolarRecords)

„The Dizzy Gillespie Reunion Big Band 20th and 30th Anniversary“ knüpfte 1968 bei den Berliner Jazztagen mit Solisten wie James Moody und Curtis Fuller mit Stücken wie „Things To Come“ an jene Musik an, die 20 Jahre zuvor die modernste Orchestermusik des Jazz gewesen war, und dies ohne besagte kommerzielle Kompromisse. Schlicht eines der besten Gilles­pie-Alben der 60er-Jahre. (MPS)

Funky Rhythmen dominieren im Spiel mit Rodney Jones (g), Benjamin Brown (b) und Mickey Roker (d) „Dizzy Gillespie At Onkel Pö’s Carnegie Hall“ und das passt bestens zur Hamburger Kultstätte zwischen Jazz und Rock. Der besondere Reiz des Doppelsilberlings besteht in der Begegnung mit dem Gast-Altisten Leo Wright in der zweiten Konzerthälfte. 1959 bis 1962 Dizzys regulärer Altist und mittlerweile in Wien lebend. Als sie 1978 im Hamburg auftraten, war Gillespie kein „vollkommener“ Trompeter mehr. Seine Läufe, einst rasiermesserscharf phrasiert und klar durchacht, klangen schon etwas verwaschen und der einst strahlende, klare Klang war merklich eingetrübt. Doch was bedeutet das angesichts des umwerfenden Humors, der ansteckenden Lebensfreude und des belebenden Geistes, mit dem Gillespie uns zeitlebens erfrischte? (Jazzline NDR Info)

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