Dritte Tagung des Netzwerks Kultur und Inklusion

Von der allmählichen Veränderung der Bilder: Menschen mit Beeinträchtigung in Film und Fernsehen


(nmz) -
Bewusstseinsbildung ist das Thema des Artikels 8 der UN-Behindertenrechtskonvention. Damit verknüpft ist die Verpflichtung der Unterzeichnerstaaten, „um in der gesamten Gesellschaft, einschließlich auf der Ebene der Familien, das Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen zu schärfen und die Achtung ihrer Rechte und ihrer Würde zu fördern“ (Art. 8 a). Noch etwas abstrakt formuliert ist mit diesem Auftrag die Durchführung von Maßnahmen verbunden, die „eine positive Wahrnehmung von Menschen mit Behinderungen“ fördern (Art. 8 c). Sehr konkret wird es dann wenig später „Zu den diesbezüglichen Maßnahmen gehört „die Aufforderung an alle Medienorgane, Menschen mit Behinderungen in einer dem Zweck dieses Übereinkommens entsprechenden Weise darzustellen“ (Art. 8 Abs. 2c).
Ein Artikel von Irmgard Merkt

Die dritte Tagung des Netzwerks Kultur und Inklusion – das Netzwerk selbst ist Teil der Maßnahmen des Nationalen Aktionsplans NAP 2.0 der Bundesregierung und wird von BKM, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert – hat sich im Oktober 2017 genau mit in diesem Kontext relevanten Fragen befasst: Wie oft und vor allem wie werden Menschen mit Beeinträchtigung in den Medien dargestellt, wie stellen sich inklusive Projekte selbst dar, welches sind Barrieren für eine statis­tisch und inhaltlich angemessene Repräsentanz von Menschen mit Beeinträchtigung in den Medien?

Zu vielen der Themenfeldern aus dem großen Bereich Medien und Inklusion gibt es aktuelle Literatur von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Petra Anders, Ingo Bosse, Ute Ritterfeld und Peter Tiedeken, um nur einige zu nennen. Der Erfahrungsaustausch auf persönlicher Ebene von Vertreterinnen und Vertretern der Kulturproduktion, der Kulturreflexion, der Kulturpolitik und vor allem mit Künstlerinnen und Künstlern mit Beeinträchtigung selbst kann freilich nicht durch Lektüre ersetzt werden. Genau die Zusammenkunft aller Beteiligten war das tragende Moment der Netzwerktagung. Ja, es macht einen Unterschied ob mit Menschen mit Beeinträchtigung oder über Menschen mit Beeinträchtigung gesprochen wird. Ja, es macht einen Unterschied, ob im künstlerischen Rahmenprogramm der Tagung die Schauspielerin Jana Zöll oder „irgendjemand sonst“ einen Text ihres Schauspielkollegen Peter Radtke liest, in dem es über ihn heißt:  „P.R …. ist nicht rezensierbar“. Oder: „Theater darf viel. Das darf es nicht“. (http://www.peter-radtke.de/artikel/…).

Mag sich das Unvermögen, den Blick auf die künstlerische Leistung eines Schauspielers im Rollstuhl zu richten, heute nicht mehr so offenkundig zeigen – gelöst sind die Unsicherheiten des Berichtens und der Rezension dennoch nicht. Auch sonst bleiben mehr als genügend Themen: Welches sind die Gründe für oder gegen die Rollenbesetzung mit Künstlerinnen mit Beeinträchtigung? Warum spielen immer noch Schauspieler ohne Behinderung Menschen mit Behinderung? Wie möchten Künstlerinnen und Künstler mit Beeinträchtigung durch die Medien wahrgenommen werden? Ein Dilemma konnte im Rahmen der Tagung freilich auch nicht aufgelöst werden: Menschen mit Beeinträchtigung möchten als Künstlerinnen und Künstler jenseits ihrer Behinderung wahrgenommen werden. Allerdings: Behinderung ist ein Nachrichtenwert. Entfällt etwa bei einer Band wie Station 17 – auf eigenen Wunsch – der Verweis auf Inklusion und die Beteiligung von Menschen mit Behinderung, geht sofort auch die mediale Aufmerksamkeit zurück. Was also tun? Es ist nicht immer einfach mit der Innensicht und der Außensicht.

In Kürze erscheint auf der Homepage des Netzwerks Kultur und Inklusion die Dokumentation der dritten Tagung: Dort sind dann die ebenso differenzierten wie leidenschaftlichen Argumente für eine Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung als künstlerische Akteure und als interessierte Rezipienten nachzulesen: http://kultur-und-inklusion.net. Die Abschlussdiskussion „Künstlerinnen und Künstler mit Beeinträchtigung in Film und Fernsehen“ mit Vertreterinnen und Vertretern des ZDF, der Filmförderung, des WDR und der Direktorin der Akademie für Kulturelle Bildung des Bundes und des Landes NRW ist heute schon im Podcast des WDR nachzuhören: https://www1.wdr.de/radio/wdr3/prog…
  

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