„Du bist zwar verrückt, aber wir machen das“

50 Jahre Musikförderung im besten Sinne – das Bundesjugendorchester feiert Geburtstag


(nmz) -
Mit gleich drei fulminanten Konzerten in Köln, Leipzig und Berlin feierte das Bundesjugendorchester Ende April sein Jubiläum. 175 Musiker waren bei Varèses „Amériques“ und Strauss’ „Eine Alpensinfonie“ auf der Bühne, davon 70 Ehemalige aus zahlreichen Kulturorchestern, aber inzwischen auch ganz anderen Berufssparten.
Ein Artikel von Verena Düren

In den letzten 50 Jahren haben rund 3.500 junge Menschen die Förderung im Bundesjugendorchester durchlaufen. Zum Auftakt der Jubiläums-Konzerte hatte es ein großes Fest der Ehemaligen im Gürzenich in Köln gegeben – ein Tag voller Wiedersehensfreude, Musik und Feierlichkeiten in jeder Form, zu dem über 400 Ehemalige des Orchesters den Weg nach Köln gefunden hatten. Für den Präsidenten des Deutschen Musikrats, Prof. Martin Maria Krüger, waren diese Tage Grund zur Freude und natürlich auch Anlass, Dank zu sagen: „Das Bundesjugendorchester hat seinen Gründungsgedanken ausgefüllt und mehr als nur ausgebaut.“ In seiner Festrede im Kölner Gürzenich betonte er die Bedeutung des Orchesters im nationalen und internationalen Kontext, aber auch die Bedeutung für jeden Einzelnen, die vor allem beim Tag der Ehemaligen wieder einmal deutlich wurde. „Das Bundesjugendorchester spielt eine wichtige Rolle als Botschafter für Orchestermusik und die immense Bedeutung einer musikalischen Ausbildung“, so Krüger.

„Du bist zwar verrückt, aber wir machen das“ – mit dieser Zusage des Dirigenten Volker Wangenheim, das Bundesjugendorchester zu leiten, fing vor 50 Jahren alles an. Eigentlich noch ein paar Jahre früher, nämlich im Jahr 1966. Damals wurde der Musikpädagoge und Orchesterleiter Peter Koch zu einem Kongress in die USA eingeladen, bei dem er erstmals ein großes, international besetztes Jugendorchester hörte. Schlagartig wurden ihm die Grenzen der deutschen Schul- und Jugendorchester bewusst. Das musste sich ändern! Koch wollte ein bundesweites Jugendorchester, das in sich die musikalische Elite, die Besten der Besten aus ganz Deutschland vereinte. Denn abgesehen von dem Wettbewerb „Jugend musiziert“ gab es in Deutschland keine nennenswerten Musikförderprogramme in Deutschland. Die Gründung eines solchen Förderinstituts entsprach auch keineswegs dem Zeitgeist der 68/69er-Jahre, galt klassische Musik doch vor allem als elitär.

Den ersten Schritt tat Peter Koch auf der Landesebene: 1968 gründete er mit dem Niedersächsischen Jugendsinfonieorchester (NJO) das erste der Landesjugendorchester, das zur Keimzelle des bundesweiten Orchesters wurde. Bereits nach einem halben Jahr erwies sich dieses als so erfolgreich, dass Koch vom Verband deutscher Schulmusikerzieher (VDS) damit beauftragt wurde, ein Bundesjugendorchester „aus dem Boden zu stampfen“. Genauso muss es sich für ihn auch angefühlt haben, denn die Organisation der ersten Arbeitsphase barg so einige Hindernisse: Progressive Kreise der Musikerziehung sahen in Kochs Idee eine unnötige und überholte Sache, das Zusammenstellen eines ersten Orches-ters gestaltete sich als recht schwierig, da man ihm auch die erbetene Lis-te der „Jugend musiziert“-Preisträger verwehrte, kurzfristig musste ein neuer Ort für die erste Arbeitsphase gesucht werden und auch die Finanzierung stand auf wackligen Beinen. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz konnte vom 28. Juli bis 8. August 1969 die erste Arbeitsphase des neuen Bundesjugendorches-
ters in Eichstätt stattfinden, geleitet vom damaligen GMD in Bonn, Volker Wangenheim, der das Orchester über 15 Jahre hinweg prägen sollte.

Das Auswahlverfahren

Bereits die ersten Konzertprogramme mit Kompositionen aus verschiedenen Epochen verdeutlichten den pädagogischen Gedanken: Die jungen Musikerinnen und Musiker sollten nach Möglichkeit umfassend Einblicke in das Repertoire von Barock bis zur Zeitgenössischen Musik erhalten – bei der dritten Arbeitsphase stand die erste Auftragskomposition für das Bundesjugendorchester auf den Pulten. Wer zu Beginn noch nicht im Boot war, war der Deutsche Musikrat, der zunächst die Trägerschaft abgelehnt hatte. Nach den anfänglichen Schwierigkeiten Kochs, ein vollständiges Orchester für die erste Arbeitsphase zusammenzutrommeln, vereinfachte sich auch dieser Vorgang, denn zu Beginn des BJO durften alle Gewinner des Wettbewerbes „Jugend musiziert“ automatisch mitspielen. „Heute sehen wir das anders und haben ein Auswahlverfahren“, so Sönke Lentz, der das Bundesjugendorchester seit 2003 managt und laut Krüger ein absoluter Glücksfall für das Orchester ist. „Das hat sich als sehr sinnvoll herausgestellt, denn nicht jeder, der bei ‚Jugend musiziert‘ in einer Solo-Wertung gewinnt, ist automatisch als Orchestermusiker geeignet.“ Mittlerweile spielen jährlich etwa 220 Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren in Frankfurt und Berlin vor.

Wie auch immer die Auswahl in den Anfangsjahren aussah – der Wunsch, die Besten der Besten in einem bundesweiten Jugendorchester zu vereinen, ging von Anfang an auf. Schon kurz nach der Gründung überschlugen sich Vertreter der Politik und der Presse vor Lob, erste Preise wie beispielsweise die Herbert-von-Karajan-Medaille für die beste Interpretation eines zeitgenössischen Werkes (1970) wurden vergeben und auch die Spielstätten des Orchesters wurden rapide namhafter und internationaler. Namhafte Dirigenten haben seitdem am Pult des Orchesters gestanden, unter ihnen Herbert von Karajan, Kurt Masur, Gustavo Dudamel und Sir Simon Rattle, der seit 2018 Ehrendirigent des Orchesters ist. Seit 2013 sind die Berliner Philharmoniker Patenschaftsorchester; gemeinsame Arbeitsphasen und Konzerte stehen dabei regelmäßig auf dem Programm. Das BJO arbeitet mit namhaften Solisten zusammen und verzichtet bewusst auf einen festen Dirigenten, um möglichst viel von wechselnden Spezialisten lernen zu können. Die Ausflüge in alle Musikstile und -genres führten zu Zusammenarbeiten mit dem Bundesjazzorchester ebenso wie mit dem Weltstar Sting sowie regelmäßigen Opern- und Ballettprojekten.

Längst ist das Orchester nicht mehr nur national unterwegs, sondern macht jedes Jahr auch Konzerttourneen ins Ausland, die die jungen Musiker in den letzten Jahren unter anderem nach Indien, China, in die Türkei oder auch in die Mongolei führten. Während die Konzerte innerhalb Deutschlands trotz renommierter Säle wie der Berliner Philharmonie oder auch der Elbphilharmonie eine gesunde Balance halten zwischen kleinen und großen Häusern, ist es bei den auswärtigen Zielen oft recht ausgefallen – und auch das hat Konzept. „Für die Auslandsreisen wählen wir nicht die typischen Urlaubsziele, die die Jugendlichen im Familienurlaub erleben können, sondern Länder, die eine wirkliche kulturelle Bereicherung für sie bedeuten und etwas abseits des Radars liegen. Voraussetzung für die Touren ist, dass die Jugendlichen einen wirklichen Einblick in eine andere Musikkultur erhalten – wir machen keine reinen Konzerttourneen.“ Der Austausch ist beidseitig, denn seitdem das Bundesjugendorchester regelmäßig die Campus-Projekte des Bonner Beethovenfestes mitgestaltet, bietet sich auch die Möglichkeit, die besuchten Orchester zu einem Gegenbesuch nach Bonn einzuladen.

Totale Hingabe, leichtes Durchdrehen

So zeichnet sich das Bundesjugend­orchester nicht nur durch höchste künst­­lerische Qualität aus, sondern gibt den Jugendlichen ein einmaliges Netzwerk mit auf den Weg, das sie ein Leben lang begleitet. Eine Studie von 2013 belegt, dass 83 Prozent der ehemaligen BJOler später Berufsmusiker werden, unter den Ehemaligen finden sich Namen wie Christian Tetzlaff, Sabine Meyer, Nabil Shehata, Gustav Rivinius oder Tabea Zimmermann. Letztere, inzwischen eine der weltweit führenden Bratschistinnen, war Anfang der 80er-Jahre im Bundesjugendorchester und erinnert sich gerne an jene Zeit zurück. „Viele wichtige Handgriffe für das Spiel im Orchester hatte ich schon im Landesjugendorchester gelernt, aber im BJO habe ich sinfonische Werke kennengelernt, viel Kammermusik gelesen und Blatt-Spiel gelernt. Das war eine prägende Zeit, in der auch Freundschaften für’s Leben entstanden sind. Mit Christian Tetzlaff und Daniel Sepec bin ich zum Beispiel bis heute noch eng befreundet. Meine damalige Pultnachbarin ist bis heute meine beste Freundin.“ Auch von dem ein oder anderen Streich kann sie erzählen, so von einem Konzert in der Tonhalle Zürich, bei dem sich die Musiker abgesprochen hatten, den Dirigenten konsequent zu ignorieren. „Wir waren teilweise schon schlimm, aber es war auch die Mischung aus totaler Hingabe zur Musik auf der einen Seite und leichtem Durchdrehen auf der anderen Seite. Wir waren einfach eine Masse an Extrembegabungen.“ Bei ihren Engagements als Solistin hat sie bisher noch in jedem Orchester bekannte Gesichter früherer BJOler getroffen.

Dass neben der künstlerischen Qualität auch die Atmosphäre innerhalb des Orchesters eine ganz besondere ist, zieht sich durch die 50-jährige Geschichte und ist Sönke Lentz auch heute noch besonders wichtig: „Das Orches­ter muss für die Jugendlichen wie eine zweite Familie sein, denn im lokalen Kontext sind sie oft Außenseiter. Insofern werden Dinge wie Ernsthaftigkeit, Aufrichtigkeit, Achtung und Wertschätzung bei uns bis heute großgeschrieben.“ Auch Nabil Shehata, früherer Solo-Kontrabassist bei den Berliner Philharmonikern, inzwischen Professor und gesuchter Dirigent, denkt gerne an das BJO zurück. „Dort hat man mir vieles auf den Weg gegeben: Verhaltensregeln im Orches-ter beispielsweise oder auch die richtige Herangehensweise an ein Werk. Man lernt, was man alles aus einem Stück machen kann, ohne dass der Dirigent jede Kleinigkeit sagen muss.“ Gerade als Dirigent merke er schnell, wie gut die Musiker vorbereitet sind. „Im Bundesjugendorchester haben wir so genau gearbeitet, sind so sehr in die Werke eingestiegen, wie man das als Profi später gar nicht mehr kann.“
All das bilden auch die Aktivitäten während des Jubiläumsjahres ab, das im Januar mit einer Tour mit Kirill Petrenko, dem designierten Chef der Berliner Philharmoniker, eingeleitet wurde. Die große Auslands-Tournee geht in diesem Jahr nach Südafrika: „In diesem Jahr feiert das Land den 100. Geburtstag von Nelson Mandela sowie 25 Jahre Demokratie“, so Lentz. Den Abschluss des Jubiläumsjahres bildet im September die Einweihung der Tauber-Philharmonie in Weikersheim.

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