Düster, lässig und laut

Neuveröffentlichungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Aktuelles von Nick Cave & the Bad Seeds, Jennifer Rostock, Jennifer Rostock, Allen Toussaint, und den Beginner + Spotify-Playlist.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Skeleton Tree von Nick Cave & the Bad Seeds ist das 16. Album, das sich gekonnt orientierungslos durch die Düsternis schleppt, torkelt und sich dort suhlt, wo andere ein Taschenlämpchen brauchen. Mag man beim ersten Song „Jesus Alone“ noch kurz skeptisch bleiben, was das denn soll und wohin es gehen mag, ist man doch bereits bei „Rings of Saturn“, dem zweiten Song, vollends verloren. Meine Güte ist das ein Song. Nick Caves Stimme war eventuell nie besser als hier. Selten trafen sich Dunkelheit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit so passgenau. Gänsehaut. Die sich fortsetzt. Ohne Erbarmen durch unser Leben mäht. Plötzlich Räume schafft, die Cave mühelos, aber bitter bezahlend öffnet („Distant Sky“). Das Album fungiert auch im Film „One More Time With Feeling“ als Soundtrack. Wird unendlich schwer für den Film (Bad Seed Ltd.).

Jennifer Rostock haben sich als eine der wenigen deutschen Bands endlich mal laut gegen die AfD geäußert und dagegen gehalten. Bezeichnender Weise nennt sich das Album „Genau in diesem Ton“. Und auch der Ton des Albums gefällt. Vielleicht sollte man dazu wissen, dass Jennifer Rostock nicht gerade die Lautsprecher und den deutschsprachigen Rockbands sind. Und längst nicht so viel Aufmerksamkeit generieren wie andere Bands und Künstler, die ja teils mehr in TV- Shows und auf roten Teppichen zu sehen sind. Könnte auch Glück gewesen sein. Denn so blieb Zeit, sich zu entwickeln, immer wieder gute Alben zu schreiben und 2016 verdammt gute Rocksongs zu präsentieren („Baukräne“, „Leuchtturm“, „Wir sind alle nicht von hier“ oder „Deiche“). Warum die Songs gut sind? Weil sie nicht drüber sind. Genau richtig. Nichts klingt gewollt, gekünstelt oder hindrapiert. Und dazu haben Jennifer Rostock noch eine eigene Meinung. Starke Karriere, die ohne großes Getöse auskommt. Kann man nur gratulieren (Four Music).

Keine Freundin großer musikalischer Gesten ist auch Synje Norland. „Who says I can’t“ mag zwar als Albumtitel etwas klapprig klingen, doch was zählt ist ja innen drin. Und das überzeugt auf ganzer Line. Diverse Gründe dafür: Synje Norland geht stur ihren musikalischen Weg. Songlandschaften, die sich aufbauen, aber auch sehr gekonnt zusammenfallen. Wie eine geplante Sprengung. Nur schöner. Kein Blümchenpop, keine wolkigen Botschaften. Raue, gar nicht liebe Songs, die erst mal  nicht so sehr unser Freund sein wollen. Die sich auch so ein wenig wehren, possierlich zu werden. Die sich nicht verspielt ins Ohr schleichen, sondern gefälligst darauf warten, erobert zu werden. Und das macht man gerne. Sich diese Songs hinbiegen, für sich gewinnen und sie zu verstehen. Denn dafür scheinen sie gemacht zu sein. Großartig: „Riverside“, „Escape“ und „Let it go“. Schlüssig und schon verdammt gut (Norland Records).

Etwas länger zurück, dennoch erwähnenswert, liegt die Veröffentlichung „American Tunes“ des im vergangenen Jahr verstorbenen, legendären Allen Toussaint. Man muss seiner Karriere als Komponist, Musiker, Produzent oder Arrangeur wenig hinzufügen. Das Album wurde einerseits mit Produzent Joe Henry Allen in Toussaints Studio zu New Orleans aufgenommen, andere Teile fanden ihren Weg auf Band mit Toussaints Begleitmusikern Jay Bellerose, David Piltch, Bill Frisell, Greg Leisz oder Rhiannon Giddens. Auszug des Infozettels: „Das Album enthält Solo-Performances von Professor-Longhair-Songs und Arrangements von Songs von Toussaint, Duke Ellington, Fats Waller und Paul Simon“. Zeitlos cool (Warner).

Generell schon sensationsverdächtig. Beginner sind zurück. Gefühlte 50 Jahre nach „Blast Action Heroes“ geben sich DJ Mad, Denyo und Eizi Eiz die Ehre zurückzukehren. Und zwar derart lässig, dass selbst dem härtesten Rocker Angst und Bange wird. Ob Reifeprozess, Lehrjahre oder einfach nur wieder Bock, wieder miteinander zu arbeiten. Es war so was von gerechtfertigt. Dieses Album. Begleitet auch von Dendemann, Megaloh oder Haftbefehl. Nur so gibt es eben dann Songs wie „Es war einmal…“, „Schelle“, Rambo No. 5“ oder „Nach Hause“. Da bricht sich der Nachwuchs die Pfötchen ab, solche Songs zu erfinden. Beginner können das. Schon immer (Vertigo Berlin). 

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