Edles von Kurt Edelhagen

Jazzneuheiten, vorgestellt von Marcus A. Woelfle


(nmz) -
Um es gleich klar heraus zu sagen: An Kurt Edelhagens „The Unreleased WDR Jazz Recordings 1957–1974“ kommt keiner vorbei, der sich für die Geschichte des Jazz in Deutschland, nein, in Europa interessiert. Es ist wohl ein verspätetes, wohlverdientes Denkmal, das zum 100. Geburtstag im vergangenen Jahr erscheint.
Ein Artikel von Marcus A. Woelfle

Edelhagen hatte nach dem Krieg das perfekteste deutsche Jazzorchester geschaffen, das zunächst beim Bayerischen Rundfunk eine Heimstadt fand, um dann beim Südwestfunk als deutsche Antwort auf Stan Kenton gefeiert zu werden. Als moderner Klangkörper fuhr es mehrgleisig, begleitete ebenso die junge Caterina Valente wie es bei den Donaueschinger Musiktagen Third Stream-Musik von Rolf Liebermann spielte. Jahrzehntelang wetteiferte das Orchester Edelhagens, der 1957 zum WDR nach Köln wechselte, mit jenem von Erwin Lehn beim SDR um den Ruf als beste deutsche Jazz-Bigband. In Köln wurde es ein international hochkarätig besetztes All-Star-Orchester.

Auf drei CDs werden hier Kostproben ausgebreitet die es in sich haben, mit hauseigenen Solisten wie dem Jugoslawen Dusko Goykovich oder dem Amerikaner Jiggs Whigham, Gästen wie Philly Joe Jones oder Maynard Ferguson und Arrangements und Kompositionen von Francy Boland bis Carla Bley. Der Begleittext steht unter der Überschrift „Disziplin und Präzision“, die seit je als spezifisch deutsche Tugenden Edelhagens hervorgehoben wurden. Es stimmt ja auch: Manche Passagen hört man sich immer wieder an, um die genaue Satzarbeit, die Balance unter den Stimmen, die in Intonation und Time perfekte Maschinerie zu bewundern.

Doch das tut man auch bei anderen Bands, ohne daran irgendetwas Teutonisches zu erblicken. Edelhagen wäre bedeutungslos, wäre er nur ein preußischer Zuchtmeister gewesen, der seine Musiker in schier endlosen Proben drillte bis die Lippen bluteten und Musiker gnadenlos ausmusterte, wenn sie den hohen Anforderungen nicht entsprachen. Er schuf die Voraussetzung für die swingende, kreative Entfaltung von 16 Individualisten, und dies mit Herzblut, Geschmack und offenen Ohren für die jeweils neuen Entwicklungen im Jazz, obgleich er zugleich immer auch Tanz- und Unterhaltungsmusik zu liefern hatte – ein Spagat, der manch anderen überfordert hätte.

Die Besetzung der Band wird nur für 1957 und 1967 angegeben und ist für die einzelnen Aufnahmen auch nicht überliefert. Das ist schade, schließlich handelte es sich um eine Formation mit enormer Fluktuation. Die Solisten werden genannt (wobei man auf sein Vorwissen zurückgreifen muss, ob es sich um einen Gast oder ein Bandmitglied handelt). Doch jeder einzelne spielt so gut, dass man sich fragt, wer ist der 1. Trompeter, ist Charly Antolini am Schlagzeug, ist Günter Lenz am Bass? Diese Namen und die einiger anderer Edelhagen-Sidemen werden nicht genannt. Eine kleine Auflistung, wer alles möglicherweise zwischen Jahr x und y noch mit von der Partie sein könnte, wäre von historischem Interesse gewesen.

Manche fast schon vergessenen Solisten kommen besonders häufig zum Zug, etwa die Saxophonisten Derek Humble, Karl Drewo und Wylton Gaynair und rufen sich dadurch als große Könner in Erinnerung.

Warum man Kurt Edelhagens Vertrag nicht verlängerte geht aus dem Begleittext der 3-CD-Box nicht hervor. Es soll eine Einsparmaßnahme gewesen sein. Man staunt. Edelhagen war 1972 mit der Musik zum Einzug der Nationen zu den Olympischen Spielen, die ihm sogar das Bundesverdienstkreuz einbrachte, auf der Höhe seines Ruhms, wenn auch nicht für seinen riesigen Jazz-Beitrag, zu dem zum Beispiel auch die Einrichtung einer Jazzklasse an der Musikhochschule Köln gehört. Bei seinem Flaggschiff einsparen? Wäre man auf die Idee gekommen, das WDR-Sinfonie-Orchester oder das Gürzenich-Orchester aufzulösen, den Kölner Dom für Besucher zu sperren? Im Archiv des WDR schlummern noch viele solcher Schätze.

Auf der Webseite des Senders kann man noch bis 1. Juni Edelhagen-Konzerte mit Don Byas, Stéphane Grappelli und der damals frisch entdeckten Inge Brandenburg hören, um nur drei Größen hervorzuheben, die es nicht in die Box geschafft haben.

Keine Frage, man sollte mehr von Kurt Edelhagen veröffentlichen. (Jazzline)

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