Ein Flügel, fünfmal anders

51. Tonkünstlerkonzert in der Schwartzschen Villa


(nmz) -
Dezember 2019 – September 2021, zwischen diesen beiden Daten liegen Welten. Wie unbeschwert mag es sich in der Rückschau damals angefühlt haben, im Großen Salon der Schwartzschen Villa das Konzert zu genießen? Heute, mehr als eineinhalb Jahre später, liegt eine angespannte Vorfreude über Interpret*innen und Publikum, als Markus Wenz, Initiator und seit mehr als 25 Jahren Organisator der Konzert­reihe in der Villa, das anwesende Publikum in Präsenz begrüßt und allen einen angenehmen Veranstaltungsverlauf wünscht.
Ein Artikel von Adelheid Krause-Pichler

Auf dem Programm der rund einstündigen Veranstaltung stehen Werke des 19. und 20. Jahrhunderts sowie eine erst jüngst entstandene Komposition besonderen Formats. Der Flügel ist das verbindende Medium, er ist an jedem Vortrag beteiligt. Es ist erstaunlich mitzuerleben, wie unterschiedlich und jeweils überzeugend dasselbe Instrument unter den Händen der vier Pianist*innen klingt, eine der Überraschungen des Abends. Eröffnungsstück ist Maurice Ravels „Jeux d’eau“, mit dem der junge Komponist die Tür zum Ruhm selbstbewusst öffnete. Susan Wang zeichnet in ihrer Interpretation farbige Klangflächen und beeindruckt mit den stupenden technischen Anforderungen des Werks.

Im Herbst 2020 verstarb der Berliner Komponist Helmut Fenzl. Detlef Bensmann nahm dies zum Anlass, ihm und allen Opfern von Pandemie und Flucht eine „Trauermusik“ zu widmen, die als Solostimme über den langsamen Satz der Klaviersonate op. 10,3 von Ludwig van Beethoven gelegt ist, diesen jedoch nicht einfach ergänzt oder kopiert, sondern mit eigenständigen Motiven und ebenso starkem Ausdruckswillen wie die Klavierstimme die tiefe Melancholie und den Schmerz so individuell wie einst Beethovens Ausnahmestück einfängt. Detlef Bensmann am Altsaxophon und Markus Wenz am Flügel gelingt es, die Intensität des Augenblicks erlebbar zu machen und für einen Moment die seelischen Belastungen und schmerzvollen Erlebnisse vieler Menschen während der vergangenen Monate in den Vortragssaal zu projizieren.
Der ungarische Pianist András Hamary komponierte seinen Klavierzyklus „Der Kleine Prinz“ als programmatisches Gegenüber zur Erzählung von Antoine de Saint-Exupéry. Caspar Jörns stellt in seiner Interpretation voller Farbigkeit und Klarheit die gegensätzlichen Stimmungen der Vorlage zwischen „Notlandung“ und dem „Laternenanzünder“ plastisch dar und entlockt dem Flügel wieder andere, erstaunliche Klangfacetten. Die Textur der Vorlage mit modernen Klangeffekten meistert er mit Klarheit und Leichtigkeit.

Im Anschluss stellt Hans Josef Winklers „Hommages à Anonymus“ für Klavier zu vier Händen eigenwillige Referenzen an berühmte Komponisten vor. Während „Hommage à X“, die wie ein Rondothema zwischen den anderen Sätzen wiederholt wird, formal klar und linear gearbeitet ist und die Linien beider Klavierstimmen streng miteinander verknüpft, finden sich in den weiteren Hommages Anklänge an die Kompositionsstile von Brahms, Liszt oder möglicherweise Janácek. Frauke und Caspar Jörns überzeugen als eingespielte Interpreten der im Zusammenspiel nicht einfachen Satzfolge mit hoher Präzision und einem in allen Regis­tern des Instruments beherrschten Gefühl für Klang-Kontraste und -Nuancen.

Das Finale des Konzerts gehört Südamerika. Susan Wang schließt den Kreis der Werke mit Alberto Ginasteras „Danzas Argentinas“, in denen mit dem alten Schäfer, dem Donoser Mädchen und dem gesetzlosen Cowboy drei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten porträtiert werden. Das technisch hoch anspruchsvolle und an Effekten überbordende Werk gerät unter Susan Wangs kluger und strukturierter Interpretation zu einem Feuerwerk an Farben und witzigen Effekten, das das Publikum gut gelaunt in den spätsommerlichen Abend entlässt.

Konzerttipp:
Das 52. Tonkünstlerkonzert in der Schwartzschen Villa Steglitz ist ge­plant am Dienstag, den 16. November 2021.

 

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