Ein Gurgeln wandert durch alle Register

Das Ensemble Mosaik feiert sein 15-jähriges Bestehen


(nmz) -
Es sind vor allem Experimentierfreudigkeit und Multimedia-Affinität, mit denen sich Ensemble Mosaik, das 1997 von jungen Berliner Musikern und Komponisten gegründet wurde, in Deutschland und im Ausland einen Namen gemacht hat. Konzerte in herkömmlicher Form gibt es von Mosaik eher selten zu erleben, und wenn, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie von spektakuläreren Konzertprojekten aus der Erinnerung verdrängt werden. Denn neben Portraitkonzerten und einzelnen Musiktheaterproduktionen hat das Ensemble vor allem mit seinen thematischen Konzertprogrammen und -serien von sich reden gemacht. Meist liegt ihnen eine künstlerische Auseinandersetzung mit aktuellen Phänomenen zugrunde, wie etwa die Auswirkung digitaler Technik auf Komposition und Interpretation. Alte Modelle des Komponierens, Darbietens und Rezipierens werden oft hinterfragt, in einem Reflektions- und Rechercheprozess auseinandergenommen und versuchsweise neu gestaltet. Während eines dreijährigen Projekts etwa experimentierten die Ensemblemitglieder mit partizipatorischem Komponieren. Konzeption und Umsetzung profitieren dabei von einer skrupulösen Rigorosität, die dem Ensemble eigen und für die stets verlässliche künstlerische Qualität der Auftritte verantwortlich ist. Dass das Ensemble als eingespielter, einheitlicher Klangkörper wahrgenommen wird, ist sicher nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass die meisten Mosaik-Mitglieder schon seit der Ensemblegründung dabei sind und in demokratischer Manier mitkonzipieren und -gestalten, während die künstlerische Gesamtleitung in den Händen der Flötistin Bettina Junge liegt.
Ein Artikel von Barbara Eckle

Nun feiert das Ensemble sein fünfzehnjähriges Bestehen, und dies mit einem über zwei Tage verteilten Programm mit dem Titel „perspective matters“ im Berliner Club Berghain – natürlich zu einer Uhrzeit bevor dort das wirkliche Leben losgeht. Mit „perspective matters“ bleibt das Ensemble seinem bewährten Profil treu, neue Konzertformen zu erforschen und auszuprobieren, diesmal jedoch unter Einsatz des von der Digitaltechnik erfolgreich verdrängten, guten, alten Celluloid-Films: in Kollaboration mit dem brasilianischen 16 mm-Filmemacher-Duo „Distruktur“ (Melissa Dullius und Gustavo Jahn) und dem Regisseur Thomas Fiedler wird dabei anhand von Werken von Hector Parra, Orm Finnendahl, Brigitta Muntendorf, Raphaël Cendo, Iris ter Schiphorst und Eduardo Moguillansky mit unterschiedlichen Hörperspektiven experimentiert.

Nur zu deutlich wird bei diesem Jubiläums-Konzertprojekt, wie vereinnahmend für die Gesamtwahrnehmung die visuelle Komponente ist. Eine Referenzperspektive – sprich: der klassische „Frontalunterricht“ zwischen Künstler und Publikum – versteht Mosaik&Co mit allen Mitteln zu unterbinden. Publikumswanderungen durch die Stockwerke dürfen da nicht fehlen. Und dass das Medium des gelenkten Blicks sich zu diesem Zweck anbietet, liegt ebenfalls auf der Hand. Aber das Ohr lässt sich nicht gar so bereitwillig manipulieren. Wie Standort- und Richtungswechsel daran etwas zu verändern vermögen, ist die Frage, die hier im Raum steht und auch relativ bald eine Tendenz an den Tag legt: Nicht jeder optische Perspektivwechsel bringt auch eine signifikant unterschiedliche Hörerfahrung.

Im Zentrum des zweiten Konzertabends steht Eduardo Moguillanskys Komposition „zähmungen no. 2 bogenwechsel“, bei der das Instrument so präpariert ist, dass der Bogen die Geige spielt. Der Klang wird elektronisch amplifiziert und auf eine Weise verzerrt, dass er mit einem Streichinstrument kaum mehr in Verbindung zu bringen ist: ein Gurgeln wandert durch alle Register und wird immer wieder von erratisch aufflirrenden Geräuschstrukturen durchkreuzt. Die Superimposition der konkreten, schnell geschnittenen, filmischen Bildwelt wirkt auf die Hörperspektivauflösung wenig unterstützend. Relativität und Subjektivität unserer Wahrnehmung vermittelt die Musik allein auf wesentlich kunstvollere, weil abstrakte Weise. Der selbstbezogene Inhalt des Filmmaterials wirkt dagegen erschütternd banal und ästhetisch fragwürdig. Immer wieder kehrt der filmische Fokus zum Dirigenten Enno Poppe zurück, den man in grobkörniger Filmoptik von allen Seiten, in Nah- und Weiteinstellung auf nach allen Seiten ausgerichteten Leinwänden präsentiert bekommt, während er real mit höchster Konzentration und Präzision das Ensemble durch das komplexe Werk navigiert. Aber Komposition und Interpretation werden von den Filmsequenzen und raffiniert inszenierten Wechselmanövern weitgehend verschluckt, momentweise geradezu zum Soundtrack degradiert. Die Wahrnehmung veränderter Hörperspektiven ordnet sich gemäß der Hierarchie der Sinne den optischen Reizen unter. So will es die Natur. Eine Balance herzustellen, die eine künstlerische Wechselwirkung von Gehörtem und Gesehenem zulässt, ist in der Tat keine kleine Herausforderung. 

Neue Konzertformen zu erproben ist ein beliebter Trend in der Neuen Musik. Doch ob die aktuellsten Strömungen tatsächlich multimedial immer am adäquatesten reflektiert sind, ist eine Frage, die sich in diesem Kontext zu stellen sicherlich lohnte. Direkte Assoziation mit den wachsenden technischen Möglichkeiten und ihren Implikationen für unser Dasein gehört jedoch zum Profil des Ensembles. Es verleiht dem Transportmittel eine Signifikanz, die nicht immer in einer angemessenen Proportion zum transportierten musikalischen Gegenstand steht, ihn konzeptionell manchmal sogar usurpiert. Doch auch dies kann letztendlich als ein wirklichkeitsgetreuer Spiegel des medialen Zeitalters verstanden werden.

Die von einer gespenstisch, aber wirkungsvoll inszenierten Kindfrau rezitierten Ausschnitte aus Descartes „Meditationes de prima philosophia“ leiten zumindest den Gedanken erfolgreich durch eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Perspektive auf abstrakter Ebene – ein effektiver roter Faden durch einen künstlerisch hochambitionierten Abend, der mit zu viel Konzept und zu vielen Mitteln wohl auch zu viel erreichen will.

Auch wenn im direkten Anschluss an das Programm DJ Stefan Goldmann noch ein Stündchen auflegt, bevor die gigantischen Räumlichkeiten um Mitternacht wieder ihrem designierten Zweck zugeführt werden, muss man sich wieder einmal alt fühlen, wenn man beim Verlassen des Gebäudes an Schlangen aufgedrehter Partygänger entlangspaziert. Was die große Euphorie in der Neuen Musik betrifft, wird man sich, trotz Mosaiks innovativer Bemühungen, offenbar noch unbestimmte Zeit gedulden müssen.

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