Ein Monument für die Chormusik

In Utrecht erklingen 150 Psalmen in Vertonungen aus tausend Jahren Musikgeschichte


(nmz) -
Es ist noch herbstlich kühl morgens in Utrecht, aber vor dem Eingang des Tivoli Vredenburg hat sich bereits morgens um viertel vor neun eine mehr als fünfzig Meter lange Schlange angestaut. Das traditionsreiche Festival Oude Muziek hat treue Fans, aber zu so früher Stunde lockt nicht nur alte Musik in den großen Saal des multifunktionalen Baus, der den typisch niederländischen, nüchternen Charme des 21. Jahrhunderts ausstrahlt, sondern der Start eines Konzertmarathons, der sich über zwei Tage mit zwölf jeweils einstündigen Konzerten hinziehen wird. Das ist fast so viel Musik wie Wagners „Ring“, doch der lässt sich immerhin vier Tage Zeit.
Ein Artikel von Regine Müller

Alle 150 biblischen Psalmen erklingen in Vertonungen von 150 verschiedenen Komponisten, von uralten keltischen, armenisch orthodoxen und sephardischen Gesängen über Renaissance, Barock, Klassik und Romantik bis in die Gegenwart spannt sich das A-Cappella-Repertoire des Projekts, das sich vier Chöre in für jedes Ensemble drei Konzerten aufteilen. Anlass für das gewaltige Projekt, das später noch nach Brüssel und New York reisen wird, ist der 80. Geburtstag des niederländischen Kammerchors. Seit September 2015 leitet Peter Dijkstra das 24-köpfige Ensemble: „Es ging uns um diese uralten und doch so hoch aktuellen Texte, mit denen wir für das Festival ein Programm gestalten wollten. Dann wuchs die Idee zu diesem Riesenprojekt, und das war nur möglich durch die enge Kooperation mit den drei anderen Chören. Zu viert bestreiten wir nun tausend Jahre Chormusik. Und um die Programmatik stimmig zu machen, haben wir zwölf Themenfelder gebildet. Jedes Konzert kreist um ein Thema wie etwa Leiden, Freude oder Unterwerfung. Das Ganze verstehe ich als Monument für die Chormusik.“

Ein Musikwissenschaftler und ein Theologe waren involviert in die Planung. Der Theologe bündelte die 150 Psalmen zu zwölf Themenkreisen. Das enge Zusammenwirken beider dramaturgischer Stränge – Text und Musik – ergab für jedes Konzert ein musikalisch überaus heterogenes Programm. Genau das aber war beabsichtigt. Peter Dijkstra koordinierte dann die Spielräume, die jedem Ensemble eingeräumt wurden: „Wir haben besprochen, wer welches Programm nimmt. Und natürlich gab es auch die Möglichkeit, bestimme Stücke untereinander auszutauschen. Bei so einer strengen Dramaturgie besteht das Risiko, dass der Plan nicht aufgeht. Zumal bestimmte Psalmen in der Musikgeschichte ungeheuer beliebt waren, wie etwa Psalm 23 oder Psalm 150, andere dagegen so gut wie nie vertont wurden. Das gab uns dann wiederum die Möglichkeit, für diese Psalmen Kompositionsaufträge zu vergeben, um neue Beiträge zum Repertoire beizusteuern.“

Dijkstra und sein Team wählten bewusst drei weitere Chöre aus, die sich nicht im gleichen Klangspektrum bewegen wie der niederländische Kammerchor. „Gerade die unterschiedlichen Klangkulturen sind interessant für das Publikum“, sagt Dijkstra. Jeder Chor steht für eine spezifische Spezialisierung. Hier aber präsentieren alle Chöre die gesamte Bandbreite. „Die Gefahr war, dass man zu viel in Barock und Renaissance hängen bleibt. Manchmal habe ich auch gedacht, es ist schade, dass wir nur einmal Monteverdi oder Mendelssohn singen können, aber genau das war die Aufgabe und alle haben sich daran gehalten. Sonst sucht man in Programmen musikalisch eine Linie, hier haben wir das über die Texte versucht.“

Dem „Nederlands Kammerkoor“ unter Dijkstras Leitung gehört dann – als Gastgeber – das erste, frühe Konzert um halb zehn im Grote Zaal, der 1.700 Plätze fasst und so steil ansteigt wie ein Hörsaal. Bei schummrigem Licht hebt das edel timbrierte Ensemble unter dem Motto „A State of Mankind“ an mit Bachs Motette „Lobet den Herrn, alle Heiden“ (Psalm 117) und beeindruckt umgehend mit seinem transparenten, weichen Klang und plastischer Textverständlichkeit. Von Bach springt das Programm ins 21. Jahrhundert zur Uraufführung von Mohammed Fairouz’ Vertonung des 14. Psalms und so geht es weiter in großen Sprüngen von Hans Leo Hassler über Monteverdi zur zweiten Uraufführung des Morgens: Michel van der Aas „Shelter“, einer Vertonung des 5. Psalms. Auf der Bühne ist das Ensemble ständig in Bewegung, mal sind nur sechs Stimmen gefordert, dann zehn oder acht. Bereits im ersten Konzert dämmert die Erkenntnis, dass die Zeitsprünge bei diesem Genre von Musik gerade nicht die stilistischen Unterschiede herausmeißeln, sondern dass im Gegenteil so etwas wie eine gemeinsame DNA dieser Musik hörbar wird. Ein Tonfall, der sich zwischen Meditation, Betrachtung, Klage und gemessener Freude bewegt und über tausend Jahre bis in die Gegenwart reicht. Und spätestens im zweiten Konzert eine Art Flow erzeugt, der die Zeit vergessen lässt.

Um elf Uhr betritt „The Choir of Trinity Wall Street“ aus New York die Bühne und präsentiert eine völlig andere Ästhetik: Während Dijkstra im schmalen Anzug mit schwingend lockeren Bewegungen für transparenten Klang sorgte, tritt Julian Wachner im schwarzen T-Shirt auf und arbeitet ungleich muskulöser am Klang. Entsprechend druckvoller, körperreicher und kompakter klingen die wiederum 24 Stimmen, die sich unter dem Motto „Leadership“ durch zwölf Psalmvertonungen arbeiten. Sie beginnen bei Thomas Arnes Psalm 2 über englische Kompositionen, die in Strophenform fast schon Gassenhauer-Charakter haben – mitreißend. Dann folgt zur Mittagszeit „Det Norske Solistkor“ aus Oslo unter dem Motto „Gratitude“ – erneut 24 Stimmen, die Damen in feuerroten Gewändern und ihre Chefin Grete Pedersen im smarten Gehrock. Die Norweger organisieren ihre Umstellungen fließend und lassen häufig die Psalmvertonungen attacca ineinander übergehen. Was für besonders frappierende Effekte sorgt, wenn etwa Beethovens Psalm 19 „Die Himmel rühmen“ nahtlos in die sephardische Vertonung von Psalm 29 und diese wieder in Rachmaninows hinreißenden Psalm 104 übergehen. Die Norweger kultivieren ihrerseits einen transparenteren Klang als die New Yorker, auch sie sind perfekt, klangschön und ungemein stilsicher. Der vierte Chor im Bunde schließlich tritt mit nur 10 Stimmen auf: „The Tallis Scholars“ unter der Leitung von Peter Phillips sind zu Recht legendär und eine Klasse für sich. Sie treten am Abend unter dem Motto „Faith“ auf, beginnen mit Haydn (Psalm 41), setzen einen deutlichen Schwerpunkt in der Renaissance, einzig mit Franz Schubert (Psalm 92) und Nico Muhly (Psalm 63) als Ausreißer. Die Perfektion der Briten ist atemberaubend, allein, wie sie Töne verklingen lassen und lupenreine Einsätze ohne jedes Ansatzgeräusch produzieren, ist famos. Und in Sachen Intonation hat man den Eindruck, dass die Stimmen wie auf Schienen laufen, ohne jede Irritation. Nach diesem letzten Konzert des ersten Tages tritt eine Art Euphorie der Erschöpfung ein. Fazit: Ein bemerkenswertes Projekt, dessen scharf kalkulierte Dramaturgie auf allen Ebenen auf verblüffende Weise aufgeht.

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