Ein neues Lied wir heben an?

Teil 2 des musikpädagogischen Streifzugs über die Musikmesse 2016


(nmz) -
Das Reformationsjubiläums- und Lutherjahr 2017 wirft auch bei der Betrachtung der musikpädagogischen Neuerscheinungen auf der diesjährigen Musikmesse seine Schatten voraus. Und so möchte man in diesem Jahr besonders kritisch hinterfragen, wieviel echte Erneuerung in den zahlreichen neuen Publikationen wohl stecken mag. Tatsächlich spielen immerhin das Neuerschaffen von Musik, das eigene Erfinden, das Live-Arrangement sowie der kreative und eigenverantwortliche Umgang mit dem Musiziermaterial und dem Instrument eine erkennbare Rolle, natürlich flankiert von einer Menge Spiel- und Lehrmaterial herkömmlicher Art, teils aber mit neuen Darbietungs- und Nutzungsarten und einigen interessanten Studienbüchern, die das Rad zwar auch nicht neu erfinden, aber doch Dinge neu ordnen und systematisieren können.
Ein Artikel von Renate Reitinger

Heterogene Gruppen

Angesichts der politischen Entwicklungen und dem Bekenntnis und der Notwendigkeit zu einer inklusiv verstandenen Musikpädagogik ist der Bedarf an binnendifferenzierbarem und barrierefreiem Musiziermaterial nach wie vor hoch. Dabei geht der Trend insgesamt weg von der Konzeption von Materialien für spezielle Zielgruppen hin zu möglichst flexibel umsetzbaren Stücken. Dennoch gibt es natürlich auch Zielgruppenspezifisches, etwa das neue Buch von Chris-toph und Waltraud Borries, „Hochbetagte und Menschen mit Demenz aktivieren. Lieder, Gedichte, Geschichten und Anregungen“ (Schott), das jedoch kein musikpädagogisches Konzept im engeren Sinne beinhaltet, sondern vor allem auf die Wirksamkeit von Musik in der Arbeit mit Demenzkranken abhebt und hierfür Anregungen gibt. Wenngleich eher für den Freizeitbereich (Feiern, Ausflüge etc.) konzipiert, eignet sich das von Stephan Schmidt und Anne Terzibaschitsch vorgelegte Paket aus Textbuch, Begleitheft für Klavier oder Gitarre und CD mit dem Titel „Singen hält jung. 100 Volkslieder und Schlager“ (Dux) durchaus auch als echte Liedersammlung für altersgemischte Gruppen oder die Arbeit mit Menschen im dritten und vierten Lebensabschnitt.

Für das Singen und Musizieren im Rock-/Pop-Bereich bietet sich die Kanonsammlung von Stefan Kalmer samt CD an. Unter dem Titel „Music with her silver sound“ (Bosse) hat er 30 Kanons zusammengestellt, die sich zum elementaren Musizieren und auch wirkungsvollen Aufführen in der Schule oder im Chor eignen. Für das Klassenmusizieren in der Sekundarstufe mit Body-Percussion, Stimme, Percussion und Bewegung bietet sich der Band „Circle Grooves 2. Rhythm & Blues, Rock, Pop, Funk, Hip-Hop für das Klassenmusizieren“ von Johannes Steiner (Universal Edition) an. Hinter der Stücksammlung verbirgt sich ein Weg zur Rhythmusschulung und zum Musizieren ohne Noten, der vom Warm-up bis zur durchaus anspruchsvollen Performance alles ermöglicht, sofern durch eine versierte Lehrkraft angeleitet. Zusatzmaterialien gibt es via YouTube-Link. Insofern ist dieses Lehrwerk (vor allem auch in Kombination mit dem ersten Band) durchaus breit einsetzbar. Für den Bläserunterricht in Klassen, Gruppen und Ensembles legt Jörg Sommerfeld mit „Addizio!“ 49 binnendifferenzierbare Spielsätze aus unterschiedlichen stilistischen Bereichen vor (Breitkopf).

Stilistisch noch breiter geht Wolfgang Rüdiger in seinem neuen Buch „Ensemble und Improvisation“ (ConBrio) vor. Es beinhaltet „20 Musiziervorschläge für Laien und Profis von Jung bis Alt“ und eignet sich für instrumentenhomogene und gemischte Gruppen, für Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen. Die Modelle bewegen sich klanglich vielfach im Bereich der sogenannten Neuen Musik, laden zum Experimentieren, freien und tonal gebundenen Musizieren und Performen ein und stellen daher eine wertvolle Sammlung und Ergänzung zum üblichen Unterrichts- und Konzertrepertoire dar. Den Hinweisen und Beschreibungen merkt man an, dass die Materialien vielfach und in den unterschiedlichsten Kontexten erprobt sind. Eine weitere Sammlung mit Ideen für das eigene Erfinden von Musik findet man in Rainer Kotzians Buch „Musik erfinden mit Kindern. Elementares Improvisieren, Arrangieren und Komponieren“ (Schott). Hier finden sich Stundenbilder und umfangreiche Materialien (inkl. CD) für die produktive Arbeit mit (Grundschul-)Kindern ab zirka fünf Jahren. Vieles ist aber auch mit Jugendlichen und Erwachsenen denkbar, etwa die Vorschläge zum Songwriting oder die eher groove-orientierten Beispiele. Ein Buch, das Lehrkräften Lust machen kann, sich selbst wieder auf die Suche nach Neuem zu machen. Apropos Songwriting: Der Liedermacher-Wettbewerb „Dein Song“, der in einer weiteren Staffel im Kinderkanal KIKA lief, bestückt nun die Kinder- und Jugendzimmer auch mit dem entsprechenden Notenmaterial. Die „Gewinner-Songs“ samt Play-Alongs für Gitarre, Klavier und Singstimme sind nun erschienen (Christine Musics) und auch wenn hier eine gewisse Kommerzialisierung nicht von der Hand zu weisen ist, zeigt das Konzept doch auf, wie groß der Wunsch nach eigenem Ausdruck und Anleitung hierzu bei vielen Kindern und Jugendlichen ist. Warum also nicht die musikpädagogischen Chancen aufgreifen, die hier zweifellos liegen?

Robert Wagner, Musikschulleiter und Inklusionsspezialist, legt nun endlich sein langjährig erprobtes Lehrwerk „Max Einfach – Musik Gemeinsam von Anfang an“ (ConBrio) vor. Das Spielheft sieht auf den ersten Blick wie ein ganz normales „Liederbuch“ aus, bei genauerer Betrachtung und Zuhilfenahme des Lehrerbandes wird jedoch schnell deutlich, dass in den Leadsheets aus allen Genres viel mehr steckt. Allesamt garantieren sie beispielsweise durch spezielle Aufteilung, Notationshilfen und Übersichtlichkeit ein barierrefreies Musizieren. Sie lassen Freiraum für beziehungsweise fordern das Live-Arrangement, ausgehend von einfacher „Buchstabenbegleitung“ bis hin zu komplexen Begleitfiguren, Melodiespiel und Improvisation. So können alle selbstbestimmt mitmusizieren, egal ob singend, mit Body-Percussion, im Gruppenunterricht, in der Band oder im kunterbunten Ensemble.

Wie jedes Jahr gibt es eine Menge spiel- und aufführenswerte Sammlungen für Anfänger und (sehr) Fortgeschrittene, hier einige Beispiele: Tilmann Dehnhards Buch zum „Flutebeatboxing“ (Universal Edition), in dem er diese, inzwischen durch Online-Videos populär gewordene, Spieltechnik schrittweise erläutert; zehn recht virtuose Geigenstücke von Aleksey Igudesman, die er unter dem Motto „Fasten Seatbelts“ zusammengefasst hat (Universal Edition), während er in „A Fishsummer Night’s Dream“ leichte Geigenduette mit Illustrationen von James-Bond-Darsteller Roger Moore herausgibt. Sehr vielseitig einsetzbar wiederum ist das von Quadro Nuevo und Chris Gall zusammengestellte Tango-Album „Tango for Two“, in dem sich zwölf Tangos für Solo-Instrument und Klavier (bzw. Play-Along-CD) finden (Dux).

Apps und mehr

Beim Gang durch die Messehallen überwiegen (noch) die Printausgaben. Aber der Trend zu digitalen Notenbibliotheken ist unverkennbar. Nachdem Bärenreiter mit dem Study Score Reader und Carus mit der Choir App vorgelegt hatten, stellt dieses Jahr Henle seine Library-App vor, in der man bereits einen stattlichen Anteil der beliebten Urtext-Ausgaben auch stimmenweise und mit etlichen zusätzlichen Features und individuellen Einrichtungsmöglichkeiten online kaufen und nutzen kann. Es bleibt dennoch abzuwarten, wie sich die Apps und die entsprechenden Endgeräte (Tablets, Halterungen sowie Umblätterhilfen) im Praxistest bewähren. Für Proben und Unterricht eröffnen sich hier ganz neue Möglichkeiten, bei der Nutzung im Ernstfall, sprich auf der Bühne, sind doch viele noch skeptisch.
Für die breite Masse an Lehrenden und Lernenden dürfte auch die Vorstellung eines reinen Online-Unterrichts noch gewöhnungsbedürftig sein. Und doch sprießen auch hier die Angebote und neben wildem oder autodidaktischem Lernen via YouTube kann man inzwischen auch ganz regulären Instrumental- oder Gesangsunterricht bei einer echten Lehrkraft am anderen Ende der Republik per Video-konferenz buchen. Auch hier bleibt abzuwarten, ob das wirklich der Musikunterricht der Zukunft wird oder sein soll …

Lehr- und Studienbücher

Wieder gibt es zwei Überarbeitungen bei den VdM-Lehrplänen zu vermerken. Den Lehrplan für Klarinette sowie für Musiktheorie und Komposition gibt es nun im neuen Design und mit erweiterten Inhalten (Bosse). Für Unterricht, Selbststudium oder zum Nachschlagen hat Clemens Kühn das neue „Lexikon Musiklehre“ mit zahlreichen Kompositionsbeispielen bestückt (Bärenreiter). Mit den sogenannten (unkünstlerischen) Randthemen des Chorleitungsgeschäfts befassen sich Reiner Schuhenn und seine Co-Autoren in „Das alternative Chorleitungsbuch“ (Schott), ein nützliches Praxishandbuch für alle (angehenden) Chorleitenden in der freien Szene.

Mit dem Thema Üben aus physiologischer und kinesiologischer Sicht hat sich die Flötenpädagogin Furugh Karimi in ihrem neuen Buch „Music Gym“ (Breitkopf) auseinandergesetzt. Sie gibt anhand von Fotos und vielen Anleitungen nicht nur neue Ideen für die Unterrichtsgestaltung, sondern auch konkrete Hilfen für effektives Üben. Mit einer „Geographie des Übens“, wenn auch aus ganz anderer Perspektive, befasst sich Martin Widmaiers Publikation. In seinem Buch „Zur Systemdynamik des Übens. Differenzielles Lernen am Klavier“ (Schott) untersucht er unter anderem Schriften und Musikalien des 19. und 20. Jahrhunderts und stellt Ansätze aus der Sportwissenschaft und ihre Übertragbarkeit auf das instrumentale Üben vor. Klavierdidaktisch im engeren Sinne ist die Veröffentlichung von Karin Wagner und Anton Voigt zum EPTA-Jubiläum. Hier ist mit „notations 1985–2015 – Text zur Klavierdidaktik, Werkgeschichte und Interpretation“ ein Kompendium gelungen, das insbesondere durch die inkludierte CD mit Konzertmitschnitten als Studienbuch dienlich sein dürfte (Universal Edition).

Mit „Grundwissen Instrumentalpädagogik. Ein Wegweiser für Studium und Beruf“ legt Barbara Busch mit einem Team von einschlägigen Autorinnen und Autoren, unter anderem aus Neurowissenschaften und Elementarer Musikpädagogik, das lange angekündigte und sehr umfassende Studienbuch vor. Schade ist, dass die durchwegs sehr substanziellen Inhalte im Layout so wenig ansprechend wirken. Umso nachdrücklicher sei es allen Instrumentalpädagoginnen und -pädagogen ans Herz gelegt. Als berufskundliche Ergänzung eignet sich der bei Helbling erschienene erste Band der „Wiener Beiträge zur Musikpädagogik“. Unter dem Titel „Musikschule gibt es nur im Plural. Drei Zugänge“ entwerfen Natalia Ardila-Mantilla, Peter Röbke und Hanns Stekel das (Ideal-)Bild einer musikalischen Lern- und Lebenswelt Musikschule aus empirischer, systematischer und historischer Perspektive, in der alle Schülerinnen und Schüler selbstbestimmt lernen und individuell gefördert werden können. Zum Thema Inklusion dürfte der von Natassa Economidou Stavrou und Mary Stakelum herausgegebene Band 4 der „European Perspectives on Music Education“ mit dem Titel „Every Learner Counts. Democracy and Inclusion in Music Edu-cation” ebenfalls spannend sein, gibt er doch mit Beiträgen aus zehn europäischen Ländern den Blick frei für alternative Praxis- und Denkmodelle.

Zurück zu Luther: Volker Luft legt gleich zwei Neuausgaben der Luther-Lieder vor. Unter dem Titel „Martinus Luthers Saitenspiel“ veröffentlicht er alle Lieder Martin Luthers jeweils in einer Fassung für Gitarre solo und Liedbegleitung mit Gesang (Acoustic Music Books), Versionen für Flöte beziehungsweise Gesang und Gitarre gibt er unter dem Titel „Ein neues Lied wir heben an – Alle Lieder Martin Luthers“ (Zimmermann) heraus. Von Klaus Hofmann ediert, sind 30 Bach-Choräle nach Liedern von Luther für vierstimmigen Chor unter dem Titel „Johann Sebastian Bach: Luther-Lieder“ (Carus) erschienen. Voraussichtlich im Juni kommt von Uli Führe und Hellmuth Wolff dann noch das passende Musical für Kinder von 7 bis 14 Jahren heraus, gedacht für die Aufführung zum Beispiel mit Schul- oder Gemeindechören, für ein- bis zweistimmigen Chor, gesungene und gesprochene Solorollen, aufführbar mit Klavier und/oder Instrumentalensemble: „Wenn einer fragt. Martin Luther – Ein Singspiel“ (Carus). Damit sollte man dann auf jeden Fall für das kommende Jubiläum auch musikpädagogisch gerüstet sein.

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