Ein schönes und ein trauriges Gefühl

Das „Expat Philharmonic Orchestra“ (EPO) setzt auf Repertoirevielfalt


(nmz) -
Im September 2015 fand im Sendesaal Bremen das international viel beachtete und begeisternde Einstandskonzert des „Syrian Expat Philharmonic Orches­tra“ (SEPO) statt. Grund genug, gut ein Jahr später zu fragen, was aus der Initiative geworden ist.
Ein Artikel von Ute Schalz-Laurenze

Nein, sie ist nicht eingegangen, sie hat sich verdoppelt. Im Januar dieses Jahres wurde zusätzlich ein neues, ein größeres Orchester in Rostock gegründet, das dort inzwischen als eingetragener gemeinnütziger Verein ansässig ist und mit der Aufführung von Beethovens 9. Symphonie in der St. Nikolaikirche sein erstes Konzert gab. Ein spektakuläres Riesenereignis, zu dem der Rostocker Bürgermeister Roland Methling sagte: „Nicht nur beim gemeinsamen Musizieren verschwinden Grenzen und Vorurteile. Das Orchester zeigt uns auch exemplarisch, welche neuen Chancen für unser aller Zusammenleben entstehen und zu welchen herausragenden Leistungen wir gemeinsam fähig sind. Das Orches­ter fühlt sich in Rostock sehr wohl. Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit, die auch unsere Verantwortung für den weiteren Integrationsprozess unterstreicht.“

Das SEPO existiert mit ausschließlich syrischen Musikern nach wie vor, es hat in diesem Jahr erfolgreiche Gastspiele absolviert – etwa im Konzerthaus in Berlin – und setzt syrische Programmschwerpunkte. Das neue Orchester ist kein ausschließlich syrisches mehr, obschon nahezu alle Syrer aus dem Ursprungsorchester auch dort mitspielen. (Die Folge ist eine noch chaotische und verwirrende Internetpräsenz beider Orchester). Das neue Orchester heißt nun „Expat Philharmonic Orchestra“, oder auch kurz „EPO“, was leider für Orientierungslosigkeit bei Veranstaltern und Publikum sorgt. EPO ist offen für andere Nationalitäten – viele kommen aus arabischen Ländern, aber auch Osteuropa und Südamerika – und natürlich auch für Deutsche, die die Idee unterstützen wollen. „Das gibt natürlich musikalisch viel mehr Möglichkeiten“, so der Dirigent Martin Lentz, der sich schon seit Jahren mit den Arbeitsmöglichkeiten der Flüchtlinge beschäftigt und zu den Gründungsmitgliedern des SEPO gehört.

Unter der Leitung von Lentz und dem Deutsch-Algerier Julien Salem­kour, den Lentz in seiner Zeit als Assistent Daniel Barenboims in Israel kennen lernte, war das Orchester im vergangenen Frühjahr überaus aktiv: In Rostock im dortigen Barocksaal gab es ein hochprofessionelles Konzert mit Barockmusik und syrischer Musik. Solistin war die Geigerin, Chouchane Siranossian, die schon mit den Großen der historisch informierten Aufführungspraxis wie Jos van Immerseel, Marc Minkowski oder auch Thomas Hengelbrock zusammengearbeitet hat.

In Bremen gab es im August 2016 zu einem einwöchigen Festival über syrische Kultur eine große Kooperation mit den Bremer Philharmonikern und der Musikschule Bremen, in dem unter Lentz’ Leitung Musik von Mozart und Massenet sowie syrische Musik gespielt wurde, unter anderem von Shalan Alhamwy, der unter Lebensgefahr die Fahrt über das Meer überstanden hat und die erlebte Angst thematisiert. Aber auch eine den syrischen Kindern, den wahren Opfern des Krieges gewidmete „Rhapsodie pathétique“ für die arabische Zither Quanun und Orchester von Shaft Badreddin wurde uraufgeführt: Der Kompositionsstil, die Verbindung der arabischen Mikrotonalität mit den Klängen des europäischen Orchesters, darf durchaus als programmatisch für die Konzeptionen des EPO verstanden werden.

Im Juni spielte das Orchester in Berlin zusammen mit dem Bundesjugendorchester ein Konzert zum Tag des Gedenkens an die Opfer von Flucht und Vertreibung. Und im Juli wurde sogar in Bad Reichenhall eine konzertante Aufführung von Beethovens „Fidelio“ gestemmt, dem die Musiker/-innen das sie tief betreffende Motto vorgaben: „Wer du auch seist, ich will dich retten“, wie Leonore dem politisch Gefangenen Florestan versichert. Das Orchester arbeitet nun an drei weiteren Aufführungen im November: in Rostock, Schwerin und Kiel, die musikalische Leitung hat Julien Salemkour.

Verständlich, dass die Konzerte mit enorm hohen Emotionen verbunden sind, dass da viel mehr passiert als den gelernten Beruf auch ausüben zu können. So sagt die heute in Frankreich lebende Michella: „Ich kann kaum glauben, dass wir uns nach so vielen Jahren wiedergefunden haben. Während der Proben fühle ich mich, als wäre ich wieder in Damaskus. Das ist sehr berührend“. Der Cellist Ossama Altessini meint: „Wir kennen uns ja alle aus dem Orchester in Damaskus. Es ist ein schönes Gefühl, aber auch ein trauriges, das kann man gar nicht beschrei­ben.“ Ossama kam für das Master-Cellostudium nach Rostock, er unterrichtet und ist als Musiker gefragt. Der sehr gut deutsch sprechende Posaunist Raji Alkhazndar ar­beitet als Sozialarbeiter in der Flüchtlings­hilfe, er ist einer der „Fidelio“-Orga­nisatoren. So haben viele ihren Ort im Orchester gefunden. Zu weiteren Zukunfts­plänen über die „Fidelio“-Aufführungen im November hinaus „darf noch nichts verraten werden“ (Ossama Altessini). Nur so viel: 2017 wird auch Rostock die Reformation feiern und natürlich wird das Orchester dabei sein – wie auch immer.

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