Eine große Zeit für die Musik

Dem Dirigenten Hans Drewanz zum Achtzigsten


(nmz) -
Runde Geburtstage werden im journalistischen Alltag gern als Pflichtübungen behandelt. Im Falle des Dirigenten Hans Drewanz kommt man dieser „Pflicht“ aber mehr als „gern“ nach, weil sich mit der Feier seines achtzigsten Geburtstages am 2. Dezember 2009 die Erinnerung an eine lange, wunderbare, immerwährende Feier der Musik verbindet.
Ein Artikel von Gerhard Rohde

Am 16. August 1963 kam der Kapellmeister Hans Drewanz als Generalmusikdirektor an das Landestheater Darmstadt, ein Amt, das er erst einunddreißig Jahre später zurücklegte. Die heute fast unwirklich anmutende Treue zu einem Orchester, einem Operntheater, einer Stadt entsprang nicht der Bequemlichkeit, sondern aus der Einsicht, dass Kontinuität und innere Ruhe für eine produktive künstlerische Entwicklung unabdingbar sind. Drewanz gewann aus dieser Ruhe eine weit gespannte Kraft, die dem Darmstädter Musikleben drei Jahrzehnte hindurch Spannung und Glanz verlieh.

Was hat Drewanz nicht alles in Darmstadt aufgeführt: Alles von Mahler, den er komplett präsentierte als Mahler noch nicht Mode war, alles von Bartók. Schostakowitsch bildete einen weiteren Schwerpunkt in den Konzerten. In der Oper gab es eine ungewöhnliche Titelsammlung, die Darmstadt sicher zum Opernhaus des Jahres erhoben hätte, wenn es seinerzeit schon dieses Prädikat gegeben hätte: Henzes „Prinz von Homburg“, Schoecks „Penthesilea“, Rimski-Korsakows „Goldener Hahn“, Strawinskys „The Rake’s Progress“, Brittens „Tod in Venedig“, die Opern Wolfgang Fortners, – das waren alles glänzende Beweise für Drewanz’ Dirigierkunst, gespeist aus Musikalität und intellektueller Kontrolle. Drewanz war und ist ein ungemein temperamentvoller Musiker, aber äußerst beherrscht im Vortrag. Er war früher Assistent bei Georg Solti, arbeitete auch bei Bruno Walter und Hans Rosbaud. Von diesen Vorbildern gewann er wohl das sichere Gefühl für die Balance zwischen Spiritualität und Expression.

Als Drewanz nach Darmstadt kam, spielte das Theater noch im Nachkriegsprovisorium der Orangerie. An jene gloriose Zeit erinnerte kürzlich noch einmal ein Symposium in Darmstadt bei der Akademie für Sprache und Dichtung. Wer die Arbeit von Hans Drewanz durch die Jahre verfolgt hat, steht fast fassungslos vor der unüberschaubaren Fülle von Werken aus vierhundert Jahren Musikgeschichte, die er in Darmstadt aufgeführt hat: Von Monteverdis „Vespro de la Beata Virgine“ bis zu Strawinskys „Psalmensinfonie“, von Marc-Antoine Charpentiers „Magnificat“ bis zu Hans Ulrich Engelmanns „Stele für Georg Büchner“.

Nach seiner Darmstädter Zeit hat Hans Drewanz vor allem am Berner Theater zahlreiche Aufführungen geleitet. An der Oper Frankfurt half er bei einer der üblichen Theaterkrisen zwei Jahre lang als Musikchef aus. In einer Zeit, in der wieder einmal über die Existenz unserer Theater und Musikinstitute diskutiert wird, kann das Vorbild eines Hans Drewanz quasi ein Wertemaßstab sein: für die Wichtigkeit, in unseren Städten eine bürgerlich geprägte und für die Menschen existentielle Lebensform zu erhalten. Der Musik fällt dabei eine entscheidende Aufgabe zu.

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