Eine klingende Sammlung

Das Manuskriptarchiv des DTKV plant die Digitalisierung seiner Bestände


(nmz) -
Das 1980 gegründete Manuskriptarchiv des Deutschen Tonkünstlerverbandes e. V. in Siegburg bei Bonn – eine Einrichtung des Bundesverbandes – bietet DTKV-Mitgliedern einen besonderen Service: Komponistinnen und Komponisten können Werke, die (noch) nicht in einem Verlag publiziert wurden, hier einreichen.
Ein Artikel von Ines Stricker

Das so entstehende Angebot verschafft Musikerinnen und Musikern Gelegenheit, beim Manuskriptarchiv geeignete zeitgenössische Werke jeder Besetzung und Schwierigkeit für den eigenen Gebrauch oder für Schüler – etwa zum Einsatz beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ – zu finden. Auf diese Weise wird einerseits den neuen Werken und ihren Schöpfern der erste Schritt in die Öffentlichkeit erleichtert, andererseits erhält die Musikszene neue Impulse.

Das Manuskriptarchiv wird in Kooperation mit der 2004 gegründeten gemeinnützigen Engelbert-Humperdinck-Stiftung betreut. Seit Februar 2006 liegt das vollständige Manuskriptarchiv des DTKV daher nicht nur in der Bundesgeschäftsstelle des Deutschen Tonkünstlerverbandes e. V. vor, sondern auch in der Musikwerkstatt Engelbert Humperdinck in Siegburg.

Seit 2007 führt die Musikwerkstatt, organisiert vom DTKV, auch selbst Werke des Manuskriptarchivs in ihren Veranstaltungen auf und dokumentiert sie teilweise auf CD. Und seit 2008 gibt es neben dem Gesamtverzeichnis des Manuskriptarchivs eine regelmäßig aktualisierte Ergänzungsliste, beide können als PDF-Dateien heruntergeladen werden. Hier sind die Werke des Archivs nach Besetzung geordnet, und zu jedem Werk gibt es Angaben zu Schwierigkeit und Dauer.

Nun soll der gesamte Archivbestand digitalisiert werden. Darüber hat die neue musikzeitung mit Gotthard Kladetzky gesprochen. Der aus Köln stammende Pianist und Hochschuldozent ist seit 2017 Beauftragter des Deutschen Tonkünstlerverbandes für das Manuskriptarchiv.

neue musikzeitung: Herr Kladetzky, wie viele Werke umfasst das DTKV-Manuskriptarchiv derzeit?

Gotthard Kladetzky: Es sind zwischen 1.600 und 1.800 Werke. Wir haben immer etwas Fluktuation, da wir die Werke aus dem Verzeichnis herausnehmen, sobald sie verlegt werden; von diesem Moment an ist der Verlag für ihre Verbreitung zuständig. Aber es kommen immer wieder neue nach.
Einzige Voraussetzung für die Aufnahme einer Komposition ins Archiv ist, dass die Absenderinnen oder Absender Mitglieder im DTKV sind. Sie zahlen je eingereichtem Werk eine einmalige Gebühr von 25 Euro plus Mehrwertsteuer und schicken uns Kopien davon. Die archivieren wir, und anschließend aktualisieren wir unsere Bestandsliste im Internet.

Das Problem: Große Vielfalt, geringes Interesse

nmz: Für welche Besetzungen sind diese Werke geschrieben?

Kladetzky: Eigentlich für alle möglichen, das reicht von Werken für Soloinstrumente über Kammermusikbesetzungen bis hin zu Chor- und Orches­terwerken. In den meisten Fällen erhalten wir nicht nur die Partitur eines Werks, sondern auch die Einzelstimmen, das ist ja auch im Interesse der Komponierenden. Als ich das Archiv vor ein paar Jahren übernahm, war ich beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses überrascht über die Vielfalt. Es gibt sogar Arbeiten und Bücher über Musikpädagogik und Musiktheorie für Instrumentalschulen.

nmz: In welcher Form werden die Werke eingereicht?

Kladetzky: Wir haben unter den Einsendern viele Ältere, die ihre Musik ganz traditionell auf Papier notieren und trotzdem oftmals ein gestochen scharfes und sauberes Notenbild liefern. Die Jüngeren schicken uns eher Dateien, entweder eingescannte Handschriften oder mit der entsprechenden Software notierte Werke. Und es gibt auch bei der Notation selbst Unterschiede, von der herkömmlichen Notenschrift bis zur graphischen Notation mit ganz eigenen Vortragsbezeichnungen.

nmz: Ist das Interesse an den Werken groß?

Kladetzky: Nein, es ist leider immer noch viel zu gering. In den letzten zwei Jahren habe ich zwischen zehn und 15 Anfragen gehabt. Zum Teil waren es Komponierende, die für ein Konzert mit ihrer eigenen Musik noch andere Werke gesucht haben, zum Teil wurde Musik aus Anlass von Künstlerjubiläen angefragt.
Bisher habe ich dann immer die Noten herausgesucht und sie in der Musikschule Siegburg kopieren lassen. Diese Papierkopien hat die Musikschule oder die Musikwerkstatt dann versandt und je nach Umfang in Rechnung gestellt.

Der Weg: schneller, leichter Zugriff auf Noten

nmz: Wie lange ist die Digitalisierung des Bestandes schon geplant?

Kladetzky: Der Plan dazu wurde über mehrere Jahre sowohl vom Präsidium des Bundesverbandes – besonders von Dr. Krause-Pichler – als auch von meinem Vorgänger im Manuskriptarchiv Jost Nickel vorangetrieben. Allerdings stellte sich zusammen mit der Frage des Arbeitsaufwandes und der damit verbundenen Organisation immer auch die der Finanzierung. Es gab viele Gespräche, aber ohne Ergebnis.
Nun hat der DTKV-Bundesverband die finanziellen Mittel für eine entsprechende Arbeitskraft zugesagt, und bei der Musikwerkstatt Engelbert Humperdinck hat sich jemand gefunden, der die Aufgabe nebenberuflich erledigen kann. Jetzt fehlt nur noch der Scanner, den wir – ebenfalls mithilfe des Bundesverbandes – kaufen oder leasen wollen.
Dann dauert es noch schätzungsweise gut zwei Jahre, bis der gesamte Bestand eingescannt ist.

nmz: Wie sollen Interessierte künftig an Noten kommen?

Kladetzky: Das steht noch nicht im Detail fest. Die Idee ist aber, dass es so läuft wie etwa in Universitätsbibliotheken: Es soll die Möglichkeit geben, Einblick in die Werke zu bekommen, das heißt einzelne Seiten sind zur Ansicht freigegeben. Das entsprechende Werk kann dann gegen eine vergleichsweise geringe Gebühr heruntergeladen werden. Bei diesem Vorgang werden die Benutzerdaten gespeichert. Das reduziert für uns den Arbeitsaufwand erheblich.

nmz: Was erhoffen Sie sich noch von der Digitalisierung?

Kladetzky: Vor allem hoffe ich, dass dieses wesentlich vereinfachte Bestell- und Downloadverfahren die Zahl der Interessierten steigen lässt. Wenn Musikerinnen und Musiker erst einmal gemerkt haben, dass der Weg an die Noten im Manuskriptarchiv viel unkomplizierter geworden ist, wählen sie vielleicht auch häufiger Stücke daraus.
Denkbar wäre außerdem, Aufnahmen einzelner Stücke als Video- oder Audiodatei ins Internet zu stellen. Auch darin liegt eine Möglichkeit, unser Angebot an sehr guter Musik bekannter zu machen – über Verbandsgrenzen hinweg, denn das Manuskriptarchiv steht ja allen zur Verfügung. Da sehe ich durchaus die Chance einer größeren Verbreitung.

Das Ziel: Interesse in den Ländern wecken

nmz: Was bedeutet das für die Zusammenarbeit mit den DTKV-Landesverbänden?

Kladetzky: Wir hatten in der letzten Zeit immer wieder Veranstaltungen, etwa in Berlin, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen oder Thüringen, und ich möchte unsere Aktivitäten unter anderem auf Hessen, Bayern und Baden-Württemberg ausweiten.
Aber zurzeit gibt es wieder ein finanzielles Problem: Wir bekommen jedes Jahr eine bestimmte Summe von der Engelbert-Humperdinck-Stiftung; davon konnten wir bisher fünf eigene Konzerte im Jahr finanzieren, zwei in Siegburg und drei in den Ländern. Allerdings stammt dieser Zuschuss aus den Zinsen des Stiftungskapitals. Aufgrund des dauerhaft niedrigen Zinssatzes hat sich die jährlich ausgezahlte Summe mittlerweile halbiert; und da die beiden Konzerttermine in Siegburg feststehen, bleiben uns nur noch Mittel für ein einziges eigenes Konzert pro Jahr in einem anderen Bundesland.
Daher ist unsere große Hoffnung, dass die Landesverbände von sich aus Kompositionen des Manuskriptarchivs aufführen, schon allein wegen des in Zukunft leichteren und schnelleren Zugriffs auf die Noten. Es stellt bereits eine Bereicherung dar, wenn im Konzert eines Landesverbandes ein oder zwei Werke aus dem Archiv zur Aufführung kommen.

nmz: Ihre Vorstellung ist also ein lebendiges, klingendes Archiv…

Kladetzky: Ja genau, auch weil wir gemerkt haben, dass sich Studierende und junge Künstlerinnen und Künstler sehr für diese Werke engagieren; da gab es ein paar besonders überzeugende Aufführungen. Diese Konzerte mit jungen Musizierenden werden wir in Siegburg fortsetzen, aber ich denke auch an Veranstaltungen etwa des Bundesverbandes.

Interview: Ines Stricker

Weitere Informationen: http://dtkv.net/ORG/leistungen/manu…

 

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