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Eine Kultfigur und ein Schrittmacher

Untertitel
Jazzneuheiten, vorgestellt von Marcus Woelfle
Publikationsdatum
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Um „Greatest Hits“-Alben mache man einen großen Bogen. Aber keine Regel ohne Ausnahmen. Wer Jazzer der 1920er- bis 1950er-Jahre mit einem Album abdecken will, liegt beim Label Retrospective goldrichtig, denn immer sind die biografischen Eckdaten dabei und ein Kommentar, was jede einzelne Aufnahme bemerkenswert macht.

Die diskografischen Daten werden mit erstaunlicher Ausführlichkeit präsentiert: selbst die Chartpositionierung und das Kompositionsdatum des Songs werden vermerkt. Die chronologische Anordnung lässt die Entwicklung des Künstlers nachvollziehen. Wer nach einem Kanon sucht, kann hier beginnen. Welcher ungemein swingende Altsaxophonist wurde in den 40ern zur Kultfigur, war Jugendidol von Sonny Rollins und wurde zum Wegbereiter musikalischer Entwicklungen der 1950er-Jahre? Obwohl jetzt 90 prozent der Leser auf Charlie „Bird“ Parker tippen, dessen 100. heuer gefeiert wird, ist von Louis Jordan die Rede. Jordan, das Synonym für „Jump’n’Jive“, der Vater des „Rhythm & Blues“ und Vorläufer des „Rock’n’Roll“ wurde in den 40ern so frenetisch gefeiert, wie er nach seiner Verdrängung durch seine „Kinder“ Haley, Berry & Co schmählich vergessen wurde. Wer nicht gleich zur 9-CD-Werk­ausgabe von Bear Family Records greifen will, findet unter dem Titel „Choo Choo Ch’Booge“ für die Jahre 1939 bis 1950 eine kluge Zusammenfassung, die alle Hits enthält. Allenfalls könnte man monieren, dass sie zu sehr auf das abhebt, was seinerzeit populär war und Nebenschauplätze ausblendet.

Die CD lässt nachvollziehen, wie der R&B sich organisch aus dem Swing entwickelte und dass seine Songs auch für den Pop- und Country-Markt geeignet waren. Jordan hatte eine Vorliebe für witziges Material und demonstrierte, was Blues alles (außer trüber Trauergesang) sein kann. Viel Boogie-Woogie ist zu hören; der Rhythmus entwickelt sich im Laufe der Jahre von federndem Swing zu kräftigem Jump. Die Ekstase aus mitreißender Rhythmik, kräftigem Bluesfeeling und wilder Saxophonraserei erhält mit „Choo Choo Ch’Boogie“ und „Caldonia“ prägende Muster. Man kann verfolgen, wie Jordans Saxsound bei schnellen Nummern immer schärfer und rauer wird, wie sich Mitte der 40er Jahre die Gitarren bemerkbar machen, um 10 Jahre später (im Rock’n’Roll) dem Sax den Rang abzulaufen. Ein Duett mit Bing Crosby unterstreicht Jordans Beliebtheit auch beim weißen Publikum. Ähnlich wie Louis Armstrong warf man auch Louis Jordan vor, er mache sich vor den Weißen zum Clown. Beide Louisse trafen sich 1950 zum Duett. Von köstlichem Humor zeugen die Duette mit Ella Fitzgerald. (Retrospective).

Auf zwei CDs wird unter dem Titel „Memphis Blues“ das Schaffen des Klarinettisten Buster Bailey der Jahre 1924 bis 1958 kondensiert, der in seiner Bedeutung kaum wahrgenommen wurde. Buster Bailey war das Bindeglied zwischen der New Orleanser Klarinettenspielweise eines Jimmie Noone und dem Swing à la Benny Goodman, der Bailey bewunderte und sogar den gleichen Klarinettenlehrer hatte. Solche Schrittmacher, ohne die eine Weiterentwicklung in der Musik kaum vorstellbar ist, werden oft übersehen oder vergessen. Das hat etwas mit Geschichtsschreibung und der üblichen Unterteilung in Stilepochen zu tun. Man unterteilt die Musik in Stile und greift immer einen überragenden Vertreter heraus. Die Musiker, die die Brücken zwischen den Epochen bauen, lässt man bei der Aufzählung der Großen der Einfachheit halber weg. Man sieht die, die auf der Brücke wandeln, übersieht jene, die die Brücke bauten. Bailey war, um nur eine von ihm gesetzte Wegmarke zu nennen, die man im „St. Louis Blues“ von 1942 hört, der erste Jazzklarinettist, der die Zirkularatmung meisterte. Ein Grund dafür, dass der glänzende Virtuose verhältnismäßig oft übersehen wird, wenn von großen Klarinettisten die Rede ist: Er war fast immer nur Sideman, hat selten Aufnahmen als Bandleader gemacht und hat als Komponist keinen Hit geschrieben. Insofern ist es von großem Interesse, dass hier nicht nur Juwelen aus der Zusammenarbeit mit Größen wie Louis Armstrong, Fletcher Henderson, Bessie Smith, Lionel Hampton und John Kirby herausgepickt wurden, sondern der Doppelsilberling viele Aufnahmen als Leader, ja sogar vollständig die eigene LP „All About Memphis“ von 1958 enthält. Der aufmerksame Hörer mag zum Ergebnis kommen, dass der Weggefährte der Großen selbst ein Großer war.

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