Einfache Botschaften

Unterhaltende Musik über die Jahrhunderte


(nmz) -
Der armen U-Musik haftet immer ein Hauch von Seichtheit an. Wenn man an die Retortenmädels vom Schlage einer Britney Spears, den No Angels oder an den überspannten Küblböck-Frosch denkt, dann müsste man es eigentlich mit der Angst zu tun bekommen. Bekommt man aber nicht. So etwas ist kein Kulturschaden. Das sind zwangsläufige Erscheinungen einer unerschöpflichen und vitalen Unterhaltungsindustrie. Diese Industrie verbraucht und gebiert ständig Futter. In immer wiederkehrenden Varianten verschlingen wir zeitgemäße Sensationen, die zwischen Exhibitionismus, Begabung, Zeitgeist und Gier angesiedelt sind. Solche Phänomene sind uralt. Kein Musiker würde behaupten, dass zum Beispiel Paganini eine Herausforderung für den Verstand wäre. Er beeindruckt mit aberwitzigen Dezimläufen und denkbar weiten Sprüngen den Kulturzirkus. Applaus. Im nächsten Jahr kommt einer, der es noch schneller kann. Ein anderer schafft es mit Liszt und Tücke. Art Tatum vollbrachte wahre Wunder mit seinen breiten Händen. Unnachahmlich ist seine Virtuosität, mit der er schlichte Boogies und Bluesnummern aufgedonnert hat. Aber auch hier wird die Geschwindigkeit oft zum Selbstläufer. Und es macht Spaß so etwas zu hören, ähnlich begeistern uns die Mitglieder vom chinesischen Staatszirkus. Ob rasante Chromatikläufe oder Tellerakrobatik, ob schrilles Outfit unter dem dünnen Stimmchen oder ein Affe, der schreiben kann, all diese Unterhaltung nimmt uns ein Weilchen fort vom Alltagsort.
Ein Artikel von Uli Führe

Es gibt ein offenes Geheimnis, das leider immer noch nicht in den Elfenbeinturm der hehren Hochkunst eingedrungen ist. Das ist nämlich das Phänomen der Fassbarkeit. Unser Hirn kann im Schnitt nur eine bestimmte Menge von Musikportionen aufnehmen. Wohldosierte Rhythmushäppchen, ausgeklügelte Melodiebögen, an die man sich auch noch nach fünf Sekunden erinnert, und Harmoniezusammenhänge, die unser Hirn sinnvoll zusammensetzt. Wenn man zuviel davon bekommt, dann ergibt sich schnell ein Völlegefühl. Und wenn die Informationen noch dichter werden, dann folgt Übelkeit. Viele E-Musik-Komponisten sind so einsam in ihren Stuben, dass sie längst vergessen haben, dass nicht jeder Mensch, und sei er noch so willig, sich tagtäglich mit seiner komplexen Partitur auseinandersetzen will. Angenommen, der Komponist bezieht sich vielsagend auf, sagen wir mal, Wagners Götterdämmerung, II Szene, 1.Takt nach Ziffer 43. Er setzt diesen Akkord aus geschichteten Terzen in Beziehung zum Djingle der Tagesschau (auch Terzenschichtung!) von 1968 und findet diesen Bezug höchst bedeutungsvoll. Daraus macht er ein Stück von zwölf Minuten, witzig, wenn man noch an die Instrumentierung denkt: Kontrafagott, 13 Streicher und einen Vietnam-O-Ton. Da hat sich dieser Mensch darüber ein ganzes Jahr Gedanken gemacht. Alles wurde verdichtet und dazu entstand ein sechsseitiger Begleittext und trotzdem kann unser kleines dummes Hirn das genauso wenig aufnehmen wie die ersten 100 Seiten aus dem Hamburger Telefonbuch.

Tüftler am Werk

Auf der anderen Seite gibt es solche Gemütsmenschen wie Bruce Springsteen, der gesagt hat: In einem Dreiminutensong habe er mehr gelernt als in drei Jahren auf dem College. So ist das nun mal. Jetzt macht er Unterhaltung mit Dreiminutensongs. Auch diese sind ausgetüftelt. Die Hooks sind griffig, die Akkorde schön sparsam und bloß keine Taktwechsel, damit es niemanden raushaut, wenn er mit dem Kopf dazu wackelt. Menschliches Sein benötigt, zumindest für die Mehrheit von uns, einfache Botschaften. Wenn Westernhagen am Brandenburger Tor „Freiheit“ singt und Tausende ziehen ihre Feuerzeuge aus den Taschen, dann spürt und versteht jeder, worum es geht.

Wenn Pur schön schwäbisch ungefährlich vom Abenteuerland schwärmt, klinkt sich der Fan und die Fanin mit ein und verschwindet mit dem CD-Glider in den Schluchten vom Europapark Rust. Wenn Nena mit unerschütterlicher Teenigkeit immer wieder 99 Luftballons hochgehen lässt, dann hängen sich alle dran und genießen Höhenluft.

Riemann

„Unterhaltungsmusik, ein Phänomen, das sich seit dem 2. Drittel des 19. Jh. beobachten lässt. Als Terminus bezeichnet U. jenen Bereich musikalischer Produktion, der sich seit jener Zeit vor dem Hintergrund der verwandelten sozialen und technischen Verhältnisse als eine Subkultur von der offiziellen Musik sich abhebt, die zur U. als Kontrapost. mit „Ernste Musik“ bezeichnet wird. – Unterhaltsame Musik hat es zu allen Zeiten gegeben….“

Es gibt diese große Kluft zwischen dem Unterhaltsamen und dem edlen Rest. U-Musik hat in bestimmten Kreisen einen üblen Geruch. U-Musik fasst man nicht an. U-Musik ist minderwertig. Solche Kümmernisse hatten unsere Vorfahren nicht. U-Musik war einfach Musik. In der Kirche sang man fromm und draußen ging es mit der Pavane weiter.

Die Anfänge

Nehmen wir die Zeit um 1400. Oswald von Wolkenstein hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon mächtig durch die europäischen Landschaften geprügelt und geraubt. Gleichzeitig nahm er an Musik mit, was er nur bekommen konnte. Er benutzte größtenteils die bestehenden Kompositionen und textierte sie neu. Das diente seinem Vergnügen, aber auch seine Zuhörer werden ihre Freude gehabt haben, wenn er anhob:

„Frölich geschray so well
wir machen lachen
Swachen den zwar der
uns nicht gevellt
Junckfrow sind die ayr
noch gar gezellt…“

Der Text sprüht nur so vor erotischer Spannung. Alles bewegt sich zwischen Saufen, Fressen und anderen menschlichen Genüssen. Er fasste dies etwa in die damals modische Form eines Rondeau (a b a’ a a’ b a b), und setzte den Diskant und eine Tenorstimme dazu. Natürlich war Wolkenstein als adeliger Rabauke privilegiert. Er hatte seine Burg verloren, schwupp eroberte er sich mit seinem Brüderchen eine neue. Er hatte sein Geld verspielt, also presste er die Bauern aus, wie das im Adel so üblich war. Er bereiste die Welt und lernte sehr viel kennen. Und wenn es ihm diente, dann kungelte er mit den Großen. Man sieht ihn im Dienste von König Sigismund auf dem Konzil zu Konstanz um 1415.

Und genau in diesem Milieu, zwischen Hochadel und Volk, gediehen seine Lieder. Genial in der Form, waren sie völlig neu in der sprachspielerischen Textarbeit. Und alles dreht sich meistens um die drei grundständigen Bedürfnissen: Fressen, Saufen, V…! Nur als er älter wurde, mischtensich ein paar geistliche Lieder darunter. Er wollte wohl vorbauen.

Bei dem Kanon „her wiert uns dürstet“ entwirft Wolkenstein auf engstem Raum eine pralle Wirtshausszene. Die Stube ist voll besetzt, es riecht nach Braten und Wein. Die Stimmung ist erotisch aufgeladen. Die Männer pendeln zwischen Anmache und Aggression.

Strophe 3: Dass wir wie die Böcke ranzen. (Muss nicht übersetzt werden)
Strophe 6: Da Arschloch, schau nicht wie ein Blödel!

Und weil es in den Wirtshäusern nicht so ordentlich zuging wie in den Klöstern, schrieen die Leute wild durcheinander: „Bring her den Wein! Trag auf den Wein! Nun, schenk ein!“ Satztechnisch ist das so ausgetüftelt, dass jeder Ruf seinen eigenen Impuls hat, und aus dem Gewebe der Impulse entsteht die Wirtshausmechanik.

Bleiben wir in dieser Zeit und werfen einen Blick nach Spanien. Um 1400 wurde dort das „Libre Vermell“ im Kloster Montserrat verfasst. Überliefert sind 137 Seiten mit geistlichen Liedern. Aber so geistlich waren die in der musikalischen Substanz gar nicht. Natürlich waren die Texte fromm. Doch die Musik war den Pilgern abgelauscht, die am Abend vor den Kirchen die Tänze und Gesänge ihrer jeweiligen Region feierten. Tanzmusik war also die Grundlage dieser kraftvollen Gesänge. Ermahnend schrieben die Mönche, dass die Lieder in „anständiger Weise und maßvoll verwendet werden sollen, damit diejenigen nicht gestört werden, die ihre Gebete und frommen Betrachtungen fortsetzen wollen.“

Er ist hübsch, der Trottel!

Um 1550 schrieb in Frankreich Pierre Certon sein „Je ne l’ose dire“. Auf engstem Raum inszenierte er eine Mischung aus Spott und Story. Zuerst zaudert der Chor vor sich hin „Ja, wir würden es ja gerne sagen, aber wir trauen uns nicht, aber, ja, es wird doch mal rauskommen,…“ Was denn? „Also gut: Bei uns in der Stadt lebt ein Mann. Voller Eifersucht, weil ihm seine Frau dauernd die Hörner aufsetzt. Und voller Argwohn tut er ihr alles zu Willen. Er ist hin- und hergerissen, dieser arme Kerl.“ Und schon geht es weiter mit dem Getuschel. Reine Unterhaltungsmusik für eine neue Schicht von gut situierten Bürgern. Das Geld war da, man konnte sich Musik leisten. Lustig auf andere Weise wirken diese Sätze heute, wenn sie im üblichen unten-schwarz-oben-weiß von den Chören dargeboten werden. Parallel dazu spielte Orlando di Lasso mit den edlen Formen der Satzkunst. Audite nova! Hört das Neueste! Ein Bauer hat eine fette Gans, die muss man rupfen, braten und essen, und dann kommt der Wein. Nach dem gelehrten imitatorischen Anfang, bei dem man denkt, aha, es kommt etwas Gebildetes, geht’s Ruck Zuck über in ein Sprach- und damit Klangspiel, und am Ende mündet alles im homophonen Packen, der die Leute mit den Gläsern in der Hand um die Tische bündelt.

Il est bel et bon

Und noch mal ein Hit, gleiche Zeit, gleiche Technik: „Il est bel et bon! Der gute Mann macht alles was ich will, “ freut sich die Frau. Irgendeine Urahnin von Alice Schwarzer hatte sich ihren Traum vom braven Mann schon längst verwirklicht. Eine Frau nahm sich ein Schaf von Mann, der brav die Hühner füttert. Dann ist er aus dem Haus, und die Dame vergnügt sich auf andere Weise. Imitation, Rezitationsrhythmik mit anschließendem Hühnerhaus „co co co co co co da! Petite coquette!“ So saßen damals die notenkundigen Bürger zusammen und inszenierten im Madrigale einen Hühnerstall. Dabei wechselten sie ihre Blicke: „He, guck mal, der Bass, der merkt es nicht. Seine Frau und Jean-Luc! Dummer Kerl – coco di, coco da!“ Das hat sicher Spaß gemacht.

Zu Telemanns Zeiten vergnügte man sich im Kantatenstil. Er verfasste eine Trauermusik eines kunsterfahrenen Kanarienvogels, der mit basso continuo und drei Streichern zu Grabe getragen wird. Wenn man nicht genau zuhört, dann denkt man, ein Fürst hätte das Zeitliche gesegnet. In einem anderen Falle inszeniert er eine Schulsituation, bei der die Schüler ihre hochgebildeten Lehrer mit einem „Ceciderunt in profundum“ verspotten. Die ganze Büffelei nutzt doch nichts, wenn selbst die schlauen Herren wie Aristoteles, Plato und Euripides zur Hölle fahren müssen.

Überhaupt waren die Barockleute quickmuntere Kerlchen. Couperin verspottete mit seinem Cembalo die Musikerkollegen. Es gab damals eine Zunft, die sich unter dem Namen „ménestriers“ zusammengeschlossen hatte. Übrigens schon 1321!

Diese würdige Zunft versuchte ähnlich wie eine Gewerkschaft, Einfluss auf alle Organisten, Komponisten und Clavecinisten zu nehmen, und dazu hatten sie auch den Segen des Königs. Couperin widmete ihnen ein Cembalostück, bei dem er die ehrenwerten Herren durch den Kakao zieht. Schließlich im letzten Stück lässt er die Knüppel auf die Pfründebewahrer nieder fahren.

Oder der Gambenvirtuose Marin Marais: Ganz aufgeklärt schrieb er eine Suite über eine Gallensteinoperation. Auf solche Ideen muss man erst mal kommen. Und der Adel lauschte, wie der Patient sich hinlegt, wie er wimmert, wie das Blut sickert und wie dann schließlich der Stein in die Schale fällt. Die Genesung bildet den glorreichen Abschluss.

Klassik mit Beyfall

Mozart ist Unterhaltung pur, zumin-dest sehr oft. Sein Vater Leopold Mozart ermahnte ihn: „Vergiss das so genannte populare nicht…“. Am 28. Dezember 1782 schrieb er an seinen Vater: „ – um beyfall zu erhalten muß man sachen schreiben, die so verständlich sind, dass es ein fiacre nachsingen könnte,…“ (Dieter Bohlen wird sich bei seiner Arbeit kaum anderes denken.) Für einen Figaro brauchte man keine sechsseitige Gebrauchsanweisung. Der benötigte vielmehr eine Genehmigung der Geheimpolizei, beziehungsweise der Zensur. Nur zu gut verstand man, dass die letzten Stündchen des blutsaugenden Adels geschlagen hatten.
Der aufgeklärte Kaiser Joseph sah es mit vergnüglicher Duldung. Die Musik war damals noch nicht im weihevollen Stillhalte- und Applauskorsett eingeschürt. Wenn etwas gefiel, dann musste eine Arie halt fünfmal gesungen werden. Wenn nicht, dann zischte man, bis die Geigen einpackten. Neben den Konzerträumen befanden sich Spieltische und Erfrischungsstände, wo man nach dem Kopf und Herz den Magen vergnügen konnte.

Mozart und Clementi

Wenn heute eine Julliette gegen einen Alexander antritt, dann steht das in einer alten Tradition. Ich meine nicht einen Sängerwettstreit mit Hans Sachs und Konsorten in Wagner’scher Manier. 1781 arrangierte Kaiser Joseph II., dass der uneingeweihte Mozart auf einen Herrn Clementi traf. Dieser beschrieb anschließend die Begegnungder „Superstars des Rokoko“:

„Kaum einige Tage in Wien anwesend, erhielt ich von Seiten des Kaisers eine Einladung, mich vor ihm auf dem Fortepiano hören zu lassen. In dessen Musiksaal eintretend, fand ich daselbst jemand, den ich seines eleganten Äußeren wegen für einen kaiserliche Kammerherrn hielt; allein kaum hatten wir die Unterhaltung angeknüpft, als diese sofort auf musikalische Gegenstände überging und wir uns bald als Kunstgenossen – als Mozart und Clementi – erkannten und freundlichst begrüßten.“

Kaiser Joseph ließ die beiden über ein von ihm gestelltes Thema improvisieren. Ein erlesener Kulturkitzel für die höhere Gesellschaft. Lohn für Mozart 50 Gulden, gleich 225 Dukaten. Eine Dukate macht ungefähr umgerechnet einen Wert von heutigen 20 Euro, macht rückblickend 9.000 Euro. Geht doch.

Ein besonderes Beispiel für unterhaltsame Musik ist Mozarts parodistische Sinfonie: Ein musikalischer Spaß (KV 522). „Freilich ist dies ein bitterer Spaß, der unmusikalischen Dilettantismus recht unbarmherzig verspottet.“ (Braunbehrens)

Mozart macht sich lustig über die kompositionstechnischen Unzulänglichkeiten seiner Zeitgenossen. Schmerzhafte Parallelen und formale Ruppigkeiten stören genauso wie architektonisch verunglückte Melodien. Dem heutigen Normalhörer erschließt sich hier nicht unbedingt der Humor. Aber jeder Klassikfreak kann sich auch heute noch an diesem Späßchen ergötzen.

UF-da-da

Schubert sagte zwar, er kenne keine lustige Musik, dafür gab es aber immer lustbringende Musik. Im 19. Jahrhundert kam das Wort Unterhaltungsmusik auf die Welt. Schon viele hundert Jahre kroch sie durch die Gehörgänge, aber erst jetzt klebte man ein Etikett auf eine bestimmte Art von Musik. Musik, zu der man sich bestens unterhält. Musik, schön verpackt, die nicht wehtut, die niemanden bilden will und auch sonst keine größeren Ansprüche stellt. Und oft war die Musik motorisch so anregend, dass man sich von seinem Sitz erhob und losstürmte.

Wenn man heute im Fernsehen das Neujahrskonzert mit Walzermusik hört, dann hat das mit den Ursprüngen nichts mehr zu tun. Die artigen höheren Töchter und Pelzmantelträgerinnen mit den dicken Klunkern unterm Doppelkinn würden staunen, welche Kraft der Walzer, beziehungsweise Dreher früher hatte. Der Walzer war eine subversive Erotikmusik. Neben ihm erscheint der heutige Tango als keusche Bewegungsübung. Beim Tanz gehörte der Griff zwischen die Schenkel zum Bewegungsrepertoire, der allerdings polizeilich verfolgt wurde. So heißt es bei Ernst Moritz Arndt (1804): „…und so ging das Gedrehe in den unanständigsten Stellungen fort; die haltende Hand lag hart auf den Brüsten und machte mit jeder Bewegung kleine lüsterne Eindrücke. Bey den Umwälzungen auf der abgewandten Lichtseite gab es dabei keckere Eingriffe und Küsse. .. ich begreife nun sehr wohl, warum man hie und da im Schwaben- und Schweizerland den Walzer verboten hat.“ Preußen wurde in diesem Punkte wieder einmal seinem Ruf gerecht. Dort war es eindeutig verboten, den Walzer linksherum auszuführen. Man belegte diese Tanzrichtung mit einem Polizeiverbot. Das alles hat natürlich nichts mehr mit den telegenen Aufführungen eines André Rieux zu tun, der mit seinem Karnevalsorchester durch die Kanäle walzt. Aber eines muss man ihm lassen. Die große Mehrheit sieht endlich einmal wieder eine Geige in Großaufnahme.

Sach-Lexikon Popularmusik

„ Unterhaltungsmusik: kaum eindeutig festlegbare Form von Hintergrundmusik, die sich ausschließlich funktional, als Hintergrund für Unterhaltung, definiert. Was da jeweils ist oder sein kann, hängt sehr von den konkreten Bedingungen ab und entsprechend unscharf ist der Begriffsgebrauch. …Unterhaltungsmusik wurde (so) bis in die 50er-Jahre zu einem Oberbegriff für alle im Rundfunk gesendeten oder produzierten Formen populärer Musik.“

„ Und der Haifisch, der hat Zähne…“, das entdeckte 1928 der menschliche Naturforscher Brecht und Weill gab den Zeilen Klangfleisch. Wer kennt sie nicht, die Moritat? Dieser Song wurde einer der wenigen Exportschlager deutscher Popularmusik. Tausendfach vereinnahmt, umgestaltet und weitergeführt. Jedes Lied, das zum wahren Volkslied wird, ereilt das gleiche Schicksal: Es wird einfach benutzt, bis zur Unkenntlichkeit. Im Original von 1930 meckert Kurt Gerron die Moritat in das Mikrofon. Die knarzige Stimme mit dem Berliner Unterton klingt wie ein akustisches Otto-Dix-Bild.

Vor kurzem erschien von Robbie Williams auf „Swing when you’re winning“ seine Version. Der Haifisch ist nun hochglanzverpackt, alles Eckige ist flachpoliert, die besungenen Morde verschwinden in einer aalglatten Werbeästhetik. Elegant wie ein zahnloser Tiger einer Disney-Produktion, gepaart mit der ganzen Routine ausgebuffter Rückungsharmonik tänzelt nun Mackie Messer leichtfüßig übers Parkett. Immerhin lernt so die Zahnspangengeneration Nummer 15 alte Musik kennen.

Die ganze Schamlosigkeit der U-Musik wird hörbar in der Aufnahme eines Konzertmittschnitts von Frank Sinatra mit einer Big Band in Japan. Dieser Prostitutionspatriot ist völlig hemmungslos: Bekannt ist er für sein New York, New York! Doch genauso stadtwappenträchtig schmalzt er für Chicago und L.A. Hauptsache, es wohnen dort Käufer. Und zwischendurch klemmt er sich eine Zigarette zwischen die Lippen, nippt am Glas und macht einen auf verrucht. Mackie Messer nimmt Gestalt an in dem Entertainer mit mafiösem Dunst, und er entfaltet einen neuen Zauber. Dieser Sinatra besetzt jeden Raum mit seinem Ego und überzeugt. Seine leicht überreizte Stimme von viel zu langen Nächten und Alkohol dirigiert eine ganze Horde von Haifischen, und das Volk applaudiert wie ein Heringschwarm – mit Recht. In dieser Schamlosigkeit der Anbiederung liegt genauso viel Wahrheit, wie zum Beispiel in einem Gutmenschenlied im Stile von „Universal soldier“.

„ Und der Haifisch“ war nur einer von vielen Schlagern, die in der Blüte der 20er- und 30er-Jahren in Deutschland entstanden. Leider wurden diese Höhen so nicht wieder erreicht.

Boulez und Enterprise

Kleiner Seitenblick, 50er-Jahre. Nehmen wir etwa Pierre Boulez’ „Poésie pour pouvoir“ (1958). Dem geübten Kinogänger und TV-Konsumenten kommt an dieser Komposition überhaupt nichts ungewöhnlich vor. Alles klingt nach Raumschiff Enterprise oder wie eine Suche nach den letzten Sauriern im Dschungel von Borneo. Einen wichtigen Unterschied gibt es. Boulez benötigte einen hochsubventionierten Orchesterapparat und heute macht das alles ein einziger Filmmusiker mit seinem Keyboard, Sequenzerprogramm und einer Unmenge von Samples. Ja, oftmals findet man in den trivialsten Streifen wunderbare Musik, Klangkollagen und keiner hört es. Würde man Auszüge davon in Donaueschingen aufführen, bekäme man erlauchten Applaus.

Rock dich reif

Wie eine Explosion wirkte der Rock’ n’ Roll, der seit den 50er-Jahren die jungen Leute mitriss. Endlich hatte eine neue Generation, die nicht mehr in die vorfertigten Lebensentwürfe der Eltern hineinschlüpfen wollte, ihre ureigene Musik. Zwischen James Dean und Bill Haley konnte man seine pubertären Seile aufspannen, und in einer Versichertengesellschaft über Abgründe balancieren. Und laut musste es ein, damit man auch wirklich merkte, dass man lebte. Das hat sich bis heute nicht mehr verändert. Die ganze Rotzlöffeligkeit einer menschlichen Entwicklungsphase bekam ihren entsprechenden Ausdruck, und die Kassen klingelten (und klingeln) in Profit-Dur. Innerhalb dieser Tonart tummelten sich ganz neue Kreativprozessoren, wie man sie bis dahin nicht kannte. Nehmen wir die Beatles. George Martin über die Arbeitsweise der Newcomer: „Selbst ich habe das anfangs nicht verstanden. Schon als ich sie zum ersten Mal traf, fiel mir auf, dass bei ihnen keiner das Sagen hatte. Es redeten immer alle, einer nach dem andern. Ich ging nach Hause und wunderte mich, wer von ihnen sich wohl als Star entpuppen würde. Mein Denken war so geprägt durch Leute wie Cliff Richard und Tommy Steel, dass ich mir einfach nicht vorstellen konnte, wie eine Gruppe als Gruppe hätte erfolgreich sein können. Ich dachte, am Ende wird einer im Vordergrund stehen… Ich hatte unrecht.“ Nicht nur er. Die vier sprühten nur so vor Schöpferkraft. Und das alles ohne ein sprödes Notenkorsett. McCartney konnte sie nicht lesen und er will es auch nicht. Auch eine Art, Musikgeschichte zu schreiben.

Umgekehrte Suppenteller

Seit 30 Jahren blüht auf der Musikwiese die lodengrüne volkstümliche Musik. Die Menschen hocken in ihren Betonhäusern im siebten Stock, an der Wand die selbst gestickte Carmen, auf dem Tisch das Erdinger Weißbier und im Herzen die Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören. Statt im eigenen Vorgarten zu sitzen, halten sie sich von Sende- zu Sendezeit an die zwei Wildecker Herzbuben, jene „ lustigen, prall aufgepumpte Gartenzwerge… in bunten Westchen mit umgekehrten Suppentellern auf dem Kopf…“ Das ist Gestalt gewordene Hemmungslosigkeit, für die es das immerwährende, uralte Menschengesetz gibt – und das heißt Gier. Oder wenn der gelernte Bäcker Heinz Georg Kramm alias Heino „Blau, blau, blau blüht der Enzian“ dröhnt, dann muss man sich der erbarmungslosen Gemütlichkeit ergeben. Übrigens hat der Herr 35 Millionen Schallplatten verkauft. Wolfgang Rihm weiß vermutlich gar nicht, wie viele Nullen so etwas hat. Er ist ja auch keine. Trotzt allem: Volkstümlichkeit hilft. Diese Großverdiener bedienen mit ihren durchsichtigen Schablonen die emotionalen Grundbedürfnisse der Menschen. Wie heilsam sind doch die Botschaften vom Enzian und Herzilein, wenn man kaum den Fahrkartenschalter an der S-Bahn bedienen kann. Wer darüber spottet, sollte zuerst einmal die Fahrkartenschalter ändern.

Höhepunkt der Unterhaltung ist aber, wenn sie sich selbst bestens unterhält. Elvis Presley sang Ende der 60er-Jahre wieder einmal „Are you lonesome tonight“, vermutlich kam er zu spät oder gar nicht zur Probe. Seine Manager hatten ihm eine Band hingestellt mit den üblichen background vocals. Offensichtlich waren ihm nicht alle vertraut. Denn diesmal sang eine neue Sängerin ihr „uuh“ und Elvis konnte ihr nicht standhalten. Das Lächerliche dieser perfekt geführten Stimme (man hört leider die Ausbildung) nahm ihn in die Zange und er musste zuerst kichern. Ganz Profi fiel er immer wieder in die ausgeleierten Bahnen des Songs zurück, die „Uh- und Ah“-Dame warf ihn aber immer mehr aus der Bahn. Presley bemühte zwischenzeitlich den lieben Gott, „oh Lord“! Der half aber auch nicht weiter und die Lachnummer bekam ihr Crescendo. Selbst ein Korrekturschlag des Schlagzeugers – he Bursche, jetzt reiß dich zusammen – fruchtete nichts mehr. Presley lachte ein Lachen über den eigenen Kult. Für diesen Augenblick wird er greifbarer Mensch und die Aufnahme gelang zu einem Dokument der Unmittelbarkeit. Die Glitzerwelt und die schnellen Gefühle fielen herunter wie ein überdimensionierter Mantel und es erschien das große Spiel der Wahrheiten und Hilfslügen, die das Leben erst erträglich machen. Übrig blieb eine musikalische Situationskomik, wie es sich kein Regisseur hätte besser ausdenken können. Unterhaltung in Höchstform.

U-Musik und Musikpädagogik

Jahrelang galt Debussys Cakewalk als großzügige Geste des Lehrers gegenüber seinem Schüler: „So, jetzt spielen wir mal etwas Unterhaltsames. Das macht doch Spaß, nicht?“ Mittlerweile sind die Pianisten gut bedient, wenn es um Boogies und jazzige Sätze geht. Da ist ein neuer Mikrokosmos entstanden. Ähnlich geht es den Gitarristen.

Sie können sich aus dem Fundus des letzten Jahrhunderts prächtig bedienen. Leider lernen die Gitarristen an den Hochschulen in dieser Hinsicht fast gar nichts. Liedbegleitung, Schlagtechnik, Stilarten und Improvisation bleibt immer Eigenbau. Zum Glück sind Gitarristen mit ihren Bands vielseitige Heimwerker. Die Orgel ist ein relativ U-musikfreies Gebiet genauso wie die Geige. Was wäre man ohne Piazzolla? Die Blechbläser haben historisch bedingt eine reichere Auswahl als die Holzbläser. Ein „John Browns Body…“ klingt naturgemäß auf dem Saxophon modriger als auf der Sopranflöte. Das ist aber nicht das Problem.

Es sind die Hochschulen, die mit beiden Beinen fest im 19.Jahrhundert stehen. Dort sind Menschen, Lehrer und Studenten, die seit ihrer Kindheit hauptsächlich mit E-Musik aufgewachsen sind. Sie haben Tausende von Stunden einer musikalischen Prägung hinter sich, für Raab und Rap blieb kaum noch Zeit. Und diese hochgeschulten Hochschullehrer vollbringen Höchstleistungen einer Reproduktivkunst, bei der Einseitigkeit der Preis dafür ist.
Man kann nicht auf allen Hochzeiten spielen. Problem ist nur, dass die dummen Schüler aus einer anderen Musikwelt kommen. Sie merken ziemlich schnell, dass der Oboenlehrer nicht weiß, wer Celine Dion ist. Und übrig bleibt der Kampf der Welten, beziehungsweise die Kenntnislosigkeit verschiedener Musikstile. Das muss man sich mal vorstellen. Es gibt eine Musikerelite, die 90 Prozent der gegenwärtigen Musik nicht zur Kenntnis nimmt! Und wenn, dann nur mit einem müden Lächeln. Gut, von den 90 Prozent kann man getrost einen Großteil der Gnade des schnellen Vergessens anvertrauen. Aber es gibt immer noch so viel Innovatives, was unser aller Leben eigentlich bereichern könnte. Hier ein paar Richtungsschilder: Björk, Abba (die Unterschätzten), Abou Khalil, Joao Bosco, Nora Jones und die Dixie Chicks. Alles Hochkaräter! Alles erstklassige Musiker und Musik!

Doch so schnell wird sich an dieser Weltenteilung nichts ändern. Auf der einen Seite bleibt der riesige Pool der U-Musiker, und auf der anderen Seite steht die edle Kaste der Rekreationskünstler wie etwa der Lautenist, der nur Barocklaute spielt. Und dort am liebsten Leopold Weiß. Aber so etwas regelt sich durch das tägliche Brot.

Bofinger: „…, dass der Gehalt eines Kunstwerks menschlich bedeutungsvoll sein und der Ausweitung des fühlenden Vorstellens und überhaupt des geistigen Lebens dienen müsse” und „dass eine künstlerische Form nur dann eine Daseinsberechtigung hat, wenn sie von einem entsprechenden Gehalte erfüllt ist.”

Das waren noch Ideale. Musik als Bildungszuchtmeister. Das kann zum Glück niemand mehr wollen. Man täte dem Menschen unrecht, wenn man ihn auf einen ewig Strebenden reduzieren wollte. Die U-Musik gehört zum Leben einer Medienzeit, bei der Gefühle tatsächlich über Kanäle gesteuert werden. Wehe wenn MTV ausfällt und der 15-Jährige will gerade das gucken.
Unterhaltungsmusik hat etwas mit einem gemachten Bett zu tun, in das man sich zu jeder Zeit hineinlegen kann. Sie hat etwas zu tun mit Ketchup. Passt zu allem, ist süß und salzig, aber beides moderato, und die Farbe erst! Dieses Rot! Unterhaltungsmusik tut einfach gut. Wer will immer auf den harten Stühlen der E-Musik sitzen, da lob ich mir doch die Hängematte. U-Musik, die Unkomplizierte und die Unmittelbare, ist ein wunderbares Gleitmittel, um durch den Alltag einer komplexen Welt zu kommen. Selbst für diejenigen, denen das alles nicht gefällt, hat sie die perfekte Lösung: Let it be!

Uli Führe, 1957 in Lörrach geboren, Kursleiter in den Bereichen Stimmbildung für Musikerzieher, Lehrkräfte und Chorsänger, Chorleitung und Popularmusik, Liedpädagogik; Lehrauftrag an der Musikhochschule in Freiburg für Improvisation und Stimmbildung. Vielseitige Veröffentlichungen, bekannt ist Führe im süddeutschen Raum für sein Kleinkunstprogramm, unter anderem Kleinkunstpreis des Landes Baden-Württemberg, diverse Cds.

 

 

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