Einrichtung abgeschlossen, Zukunft offen

Zum Stand der Dinge bei den Landeszentren in Baden-Württemberg


(nmz) -
Über fünf Jahre ist es nun her, dass ein Erdbeben die baden-württembergische Musikhochschullandschaft erschütterte. Ausgelöst wurde es durch Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, die nach der Veröffentlichung eines Sparvorschlags durch den Rechnungshof ein umstrittenes eigenes Konzept vorgelegt hatte. Erst nach massiven Protesten und einem Machtwort des Ministerpräsidenten kam ein Diskussionsprozess in Gang, an dessen Ende 2015 unter anderem die Entscheidung stand, an jedem der fünf Standorte ein so genanntes „Landeszentrum“ zu installieren.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Der ursprüngliche Impuls für die Einrichtung der Landeszentren war also kein rein inhaltlicher, von der Sache Musikausbildung her gedachter, sondern war auch politisch motiviert: Die Ministerin sollte ihr Gesicht als Reformatorin der Musikhochschulen wahren und ihr ursprüngliches Ziel zumindest ein Stück weit als erreicht darstellen können. Dieses bestand darin, aus ihrer Sicht unnötige Mehrfachangebote der fünf Standorte einzusparen und stattdessen Schwerpunkte im Sinne von Leuchttürmen zu setzen. Dass Musikhochschulen so nicht funktionieren, wurde gerade noch rechtzeitig erkannt – was blieb, waren die Landeszentren. Knapp drei Jahre nach der grundsätzlichen Entscheidung, diese einzurichten, kann man sich allmählich einen Eindruck davon verschaffen, wie sie sich entwickeln.

Stuttgart: Campus Gegenwart

In Stuttgart hat man mit dem „Campus Gegenwart“, der Ende Juni seinen offiziellen Auftakt feierte, einen zeitgenössischen, spartenübergreifenden Fokus gewählt. Dr. Judith Siegmund, die im März ihre Professur für Gegenwartsästhetik angetreten hat und den Campus zusammen mit Prof. Dr. Jennifer Walshe, unterstützt von einem „Campus-Team“, leitet, geht davon aus, dass sich die Hochschule mit ihrer Berufung „kein klassisches universitäres Fach“ ans Haus holen wollte, sondern die Erwartung hat, „dass wir in zeitgenössische Diskurse hineingrätschen.“ „Es geht um die Selbstverständigung, um die Reflexion des künstlerischen Tuns in Bezug auf das, wovon es angeregt ist, wie es mit dem gesellschaftlichen Kontext zusammengeht“, so die Professorin, die zwei Aufgaben für den Campus sieht: die Vernetzung nach innen und die Kooperation mit der Akademie der Bildenden Künste. Die Forschung will der Campus mit Promotionen und postgradualen Projekten vorantreiben, für die künstlerische Forschung müssen noch die Voraussetzungen geklärt werden.

Was die Lehre betrifft, so soll zusammen mit der ebenfalls neu berufenen Jennifer Walshe ein Mas­terstudiengang „Performance Studies“ entstehen, dessen Gegenstand bereits im aktuellen Wintersemester mit der Vortrags- und Gesprächsreihe „Über Performance“ an der Hochschule präsent ist. „Der Performance-Begriff hat“, so Judith Siegmund, „in vielen Bereichen Karriere gemacht“, was sich an den verschiedenen Disziplinen ablesen lässt, von denen aus das Thema innerhalb der Reihe beleuchtet wird. Ziel des Campus sei es, so Siegmund, dass seine spartenübergreifenden Angebote sich mittelfristig in allen Studiengängen anrechnen lassen: „Ich kann noch nicht sagen, wer kommen wird, es wird sich als eine Angebotsstruktur entwickeln.“ Naturgemäß sei das Interesse der Kompositionsstudierenden groß, aber auch die Schulmusik sieht die Campus-Leiterin als ein Feld, „auf dem man viel machen kann“.

Bestätigt wird diese Einschätzung von Dominik Eisele vom AStA der Stuttgarter HMDK: „Gerade, dass es kein Pflichtstudienfach ist, sondern eine Art Pool, aus dem man sich das herausziehen kann, was einen interessiert, wird von den Studierenden sehr gut angenommen.“ Neben den Studierenden aus dem Bereich der darstellenden Kunst sieht Eisele ein großes Interesse aus den Bereichen Neue Musik, Komposition und Jazz, aber auch bei Gesangsstudierenden, was er auf den Schwerpunkt Performance zurückführt. Bei den Schulmusikern sind seiner Wahrnehmung nach die theoretischen Angebote des Campus besonders im Bereich der Nebenfächer interessant, zum Beispiel für Germanisten.

Trossingen: Musik–Design–Performance

In eine ähnliche Richtung scheint auf den ersten Blick das Trossinger Landeszentrum „Musik–Design–Performance“ zu zielen. Im Gespräch mit Dr. Philipp Ahner, Professor für Musikpädagogik und Musikdidaktik im Kontext digitaler Medien, wird allerdings deutlich, dass hier der Aspekt der Digitalisierung eine größere Rolle spielt. So erklärt sich auch der Gedanke des „Ateliers“, der hinter dem Trossinger Modell steht: „Digitalisierung wird hier als etwas verstanden, was in allen Musikbereichen präsent ist“, sagt Ahner. „Wir wollten deshalb kein abgeschlossenes Institut aufbauen, sondern ein Atelier, das seine Gedanken in die gesamte Hochschule miteinbringt und dabei eng mit nationalen und internationalen Partnern zusammenarbeitet.“

Entsprechend sollen die Themen des Landeszentrums in sämtliche Fachbereiche einwirken und alle Studierenden damit in Berührung kommen. Im Moment, so Ahner, sei dies vor allem schon im Bereich Musikdesign (gemeinsam mit der Hochschule Furtwangen), bei der Schulmusik und in den künstlerisch-pädagogischen Studiengängen der Fall, vereinzelt aber auch schon in der Alten Musik und im Bereich Musik und Bewegung: „Der Wahlpflichtbereich wäre der einfachste Weg, aber wir wollen stärker in den Pflichtbereich der Module kommen, zum Beispiel in der Musiktheorie, wo Formen des digitalen Musiklernens Berücksichtigung finden können.“ Zudem werden aktuell Masterstudiengänge mit einem Schwerpunkt im Bereich der Digitalisierung konzipiert.

2017 wurden alle sechs (jeweils halbe) Professuren im Rahmen des Landeszentrums angetreten, im Juni dieses Jahres hatte im Rahmen einer Werkschau die ganze Hochschule die Möglichkeit, Einblicke in dessen Arbeitsprozesse zu bekommen. Für die kommenden Monate sieht Ahner den Ausbau der Kooperationen, die Konzeption der Masterstudiengänge sowie die geplanten Veranstaltungen als wichtige Etappenziele: Am 10. Dezember findet wieder ein Ateliertag an der Hochschule statt (siehe auch Seite 8), und Ende Mai 2019 stehen erstmals Projekttage mit dem Thema „Extended Reality und künstlerische Identität“ im Sinne eines kleinen Symposiums an.

Freiburger Forschungs- und Lehrzentrum Musik (FZM)

Die Freiburger Musikhochschule baut mit ihrem Landeszentrum die bereits seit 2005 bestehende Kooperation mit der Albert-Ludwigs-Universität aus. Damals war das gemeinsame Institut für Musikermedizin gegründet worden, das nun ein wichtiges Element im neuen Freiburger Forschungs- und Lehrzentrum Musik (FZM) darstellt. Prof. Dr. Claudia Spahn, Prorektorin für Forschung und Internationales der Hochschule für Musik Freiburg, erklärt die Zusammenarbeit zwischen Musikhochschule und Universität so: „Jede Hochschule hat Standortbesonderheiten, und in Freiburg ist diese das Vorhandensein einer Musikhochschule und großen Volluniversität.“

Sie betont außerdem die inhaltliche Erweiterung, die das FZM nun mit seinen Kernfächern Musiktheorie, Musikwissenschaft, Musikphysiologie/Musikermedizin sowie Musikpädagogik für diese Kooperation darstellt (siehe auch Seite 18). Damit sind dem Zentrum nicht weniger als 19 Professuren zugeordnet. „Die Zusammenarbeit in der Forschung“, so Claudia Spahn, „lässt sich dabei vergleichsweise einfach organisieren und sie findet auch schon in umfangreichem Maß statt.“ Komplizierter sei die Einführung einer Major-Minor-Struktur, mit der die Hochschule eine Kompatibilität mit den Studiengängen der Universität herstellen möchte. Diese hat nun die Hochschul-Gremien durchlaufen, so dass es Studierenden in Zukunft möglich sein wird, ein Nebenfach an der jeweils anderen Institution zu belegen.

Mannheim: Landeszentrum für Dirigieren

Mit seinem Landeszentrum für Dirigieren, das am 21. Oktober seinen „AUFTAKT!“ feierte (unser Titelbild) hat die Mannheimer Musikhochschule einen zentralen Ausbildungsbereich gestärkt und inhaltlich erweitert. Gleichzeitig wurde das Landeszentrum mit allen Hochschulabteilungen verknüpft. Man kann sich dort nun nicht nur in den Bereichen Sinfonie-Orchester, Chor und Oper ausbilden lassen, sondern auch in der Leitung von Avantgardeensembles sowie Blas- und Jazzorchestern, wobei Letzteres kürzlich mit der Berufung Jörg Achim Kellers möglich geworden ist, der auch das Jazz-Orchester der Hochschule leiten wird (siehe das Interview auf Seite 14). Die Studienstruktur sieht dabei vor, dass man einen Dirigier-Bereich als „Major“ (Schwerpunkt) und in der Regel mehrere andere Spezialisierungen des Dirigierens als „Minors“ belegt. Die Lehrangebote sind entsprechend vernetzt.

Prof. Rudolf Meister, der Präsident der Hochschule, sieht die Stärken des neuen Angebots vor allem in der Breite und Flexibilität der Studienmöglichkeiten: „Studierende werden in ungewöhnlich umfassender Weise auf den Beruf des Dirigenten vorbereitet, sie können sich – nach eigener Wahl – aber auch immer wieder sehr intensiv und in besonderer Tiefe mit spezifischen Themen auseinandersetzen.“

Karlsruhe: Musikjournalismus und Musikinformatik

In Karlsruhe vernetzt das Landeszentrum zwei Institute, die es schon seit 30 Jahren (Musikinformatik) beziehungsweise seit über 20 Jahren (Musikjournalismus) an der Musikhochschule gibt. Inhaltliche Verbindungen sieht Prof. Jürgen Christ, Leiter des Instituts für Musikjournalismus und des Landeszentrums, unter anderem im Bereich der Musikrezeption: „Marc Bangert, den wir für das Landeszentrum berufen konnten, wird im Wintersemester sein Thema der kognitiven Neurowissenschaft um den Bereich der Wahrnehmungspsychologie ergänzen. Das ist dann auch für die Journalismus-Studierenden interessant, für die es ja um die Frage der Informationsvermittlung in den verschiedenen Medien geht.“

Durch das Landeszentrum sieht Christ außerdem die Videoausbildung im Musikjournalismus gestärkt, wo Maximilian Richter nun die Grundlagen lehrt und Michael Wende (von ihm stammt der Dokumentarfilm „Der Taktstock“) für den kreativen Bereich zuständig sein wird. Für die Einrichtung neuer Studiengänge sieht Christ keine Veranlassung: „Wir wollen dem treu bleiben, was wir machen, denn damit sind wir sehr erfolgreich, was unter anderem unsere Vermittlungsquoten in die verschiedenen Berufszweige beweisen.“

Ohne Sachmittel, mit Befristungen

Jürgen Christ spricht aber auch die problematischen Seiten des Konstrukts Landeszentren an: „Dass keinerlei Sachmittel vorgesehen sind, ist für uns natürlich schwierig, denn wir sind massiv von Entwicklungen in der Technik abhängig.“ Auch die Vereinbarung, dass jede Hochschule zwei W3-Professuren in einen imaginären Pool abgeben, gegebenenfalls also für das Landeszentrum umwidmen musste und die zusätzliche Professur und Mittelbaustelle auf fünf Jahre befristet ist, sieht Christ kritisch: „Das ist eine Schwäche der Konstruktion. Es macht wenig Sinn, überhaupt zu befristen. Entweder man macht es oder man lässt es. Wenn man es machen will, muss man auch die Zeit geben, damit es sich entwickeln kann.“ Dies gelte besonders für Kooperationen mit anderen Institutionen und für die Außenwirkung über Fachkreise hinaus.

In Mannheim, wo die Umwidmungen den Bereich Klavier und Musiktheorie betrafen, hat man sich dafür entschieden, die ursprünglich vorgesehene Stelle für die „Leitung von Avantgardeensembles“ nicht zu besetzen, ein Bereich, den Stefan Blunier, Professor für Orchesterleitung Sinfonik, nun mit übernimmt. Hochschulpräsident Rudolf Meister begründete dies im nmz-Interview im April des Jahres so: „Die fünf baden-württembergischen Musikhochschulen haben ja die zusätzlichen Stellen nur befristet bis zum Sommer 2021 bekommen. Wir werden sehr darum kämpfen, dass sie unbefristet verstetigt werden, aber dafür gibt es bislang keine Zusagen. Wir müssen also schlimmstenfalls damit rechnen, wieder auf unseren früheren Stellplan zurückgeworfen zu werden. Deshalb haben wir uns entschieden, die vorhandene halbe Professur für das Dirigat von Avantgardeensembles nicht auszuschreiben. Wenn man Stellen nicht besetzt, kann man im Gegenzug Mittel vom Land erhalten. Diese investieren wir in den Bereich Fremdensembles, damit die Studierenden so viel wie möglich dazu kommen, auch tatsächlich mit Orchestern und Chören zu arbeiten. Das kann nicht von den Hochschulensembles allein abgedeckt werden.“

Die Bereitstellung von Sachmitteln sieht auch Claudia Spahn vom FZM als eine wichtige Voraussetzung für die weitere Entwicklung der Landeszentren an: „Unser Zentrum in Freiburg braucht ein Gebäude. Wir haben absolute Raumnot und können für Lehre und Drittmittelprojekte kaum die Leute unterbringen.“ Mit diesem Stichwort spricht die Freiburger Prorektorin eine Chance an, die auch an anderen Landeszentren gesehen wird, nämlich deren Bündelung von Kompetenzen für die Einwerbung von Drittmitteln zu nutzen. In Sachen Verstetigung der befristeten Stellen setzt Spahn große Hoffnungen in die Verhandlungen mit dem Ministerium. Es sei inhaltlich folgerichtig, dass das Ministerium auch den nächsten Schritt geht: „Man kann nicht erwarten, dass kleine Hochschulen, wie es Musikhochschulen sind, alles aus dem eigenen Etat schöpfen.“ Sie hält außerdem den Zeitraum von fünf Jahren für zu kurz, „um schon nachhaltig Erfahrungen zu haben“.

Zu einer möglichen Entfristung der entsprechenden Stellen verwies das Ministerium im Sommer lediglich auf die Verhandlungen zum nächsten Hochschulfinanzierungsvertrag. Auf die Frage nach einer Einschätzung der bisherigen Entwicklung bei den Landeszentren wiederholte die Pressestelle per Copy-and-paste-Verfahren die Formulierungen von Ende 2015.

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