Emotionale Zurückhaltung gefordert

Neue Notenausgaben für Violoncello solo, im Orchester und mit Klavier


(nmz) -
Johann Georg Christoph Schetky (1737–1824): Sechs leichte Duette op. 7 für Violoncello-Duo – Camille Saint-Saëns (1835–1921): Allegro appassionato op. 43 für Violoncello und Klavier – Joseph Reinagle (1762–1836): Sonatine für Violoncello und Klavier – Édouard Lalo (1823–1892): Konzert für Violoncello und Orchester d-Moll – Giovanni Battista Cirri (1724–1808): Sonata C-Dur für Violoncello und Klavier – Gaspar Cassado (1897–1966): Requie­bros für Violoncello solo
Ein Artikel von Fritz Zumkley

Gaspar Cassado (1897–1966): Requie­bros für Violoncello solo. Schott ED 1562, ISMN M-001-03375-6

„Requiebros“, zu deutsch „Komplimente, Schmeicheleien“, gehört zu den herausragenden Kompositionen des spanischen Cellisten Gaspar Cassadó, einem der prominentesten Schüler des unvergessenen katalanischen Cellisten Pablo Casals. Das Stück, 1934 komponiert, ist Leidenschaft pur und wirkt auf Spieler und Zuhörer gleichermaßen wie ein Kaleidoskop aus allem, was man gemeinhin mit Rhythmik und Melodik spanischer Folklore sowie schierer mediterraner Lebensfreude verbindet. Spieltechnisch verlangt es einem so manches ab – quer durch die Lagen geht es, bis hinauf in die höchsten Daumenlagen. Der Bass-Schlüssel taucht jedenfalls nur ein einziges Mal auf, für das Pizzicato ganz am Schluss, alles andere ist im Tenor-, zumeist aber im Violinschlüssel notiert. Zudem braucht man eine sehr gute Bogentechnik, dazu ein variables Vibrato sowie rhythmische Sicherheit. Alles an Bord? Na dann viel Spaß – und ein paar Gedanken mit auf den Weg: Das Werk ist seinem verehrten Meister gewidmet – „à mon très cher maître Pablo Casals“. Die beiden großartigen Cellisten verband eine tiefe Freundschaft miteinander, bis es zum tragischen Zerwürfnis kam – skizziert und nachlesbar in dem Buch „Große Cellisten“ von Harald Eggebrecht, erschienen im Verlag Piper, dessen Lektüre hiermit wärmstens empfohlen sei – ebenso wie die auf www.youtube.com abrufbare Aufnahme mit der Cellistin Teodora Miteva – ganz großartig.

Giovanni Battista Cirri (1724–1808): Sonata C-Dur für Violoncello und Klavier, Herausgeber Wolfgang Birtel, Rainer Mohrs. Schott Cello-Bibliothek CB 192, ISMN 979-0-001-14735-4

Von Giovanni Battista Cirri kennt man, neben diversen Cello-Konzerten und den Duetten op. 8, vermutlich am ehesten jene drei Sonaten, die von Hannelore Müller herausgegeben wurden und beim Verlag Heinrichs­hofen erschienen sind, allerdings ohne Angabe der Opuszahl. Die Sonaten in den Tonarten C-Dur, G-Dur und F-Dur, alle dreisätzig gehalten mit der Satzfolge Allegro – Adagio – Menuetto, sind melodisch allesamt sehr eingängig und bestens geeignet für den Anfänger­unterricht. Die vorliegende Sonate in C-Dur ist identisch mit der ersten der oben genannten Edition. Neben den grundlegenden Bogentechniken ist ein einigermaßen fundiertes Spiel im Lagenbereich 1 bis 4 einschließlich der weiten Lagen erforderlich. Die von Rainer Mohrs sparsam eingefügten Fingersätze sind dabei sehr hilfreich. Im Vergleich zur Ausgabe von Heinrichshofen fällt das deutlich klarere Notenbild ins Auge, ebenso der harmonisch reicher ausgesetzte Klavierpart. Neben der Klavier- und der Cello­stimme enthält die Ausgabe eine Basso-Continuo-Stimme ad libitum. Zu wünschen bleibt nur, dass neben den genannten Sonaten in G- und F-Dur noch weitere Werke von Cirri neu herausgegeben werden, ich denke dabei unter anderem an seine insgesamt sechs Cellokonzerte op. 14, seine Sonaten op. 16/1–6, seine zahlreichen Duette für Violine und Violoncello sowie diverse andere kammermusikalische Werke – verdient hätten sie es allemal.

Édouard Lalo (1823–1892): Konzert für Violoncello und Orchester d-Moll, Klavierauszug, Herausgeber Peter Jost. Henle HN 802, ISMN 979-02018-0802-4

Seit der Uraufführung am 9. Dezember 1877 durch den belgischen Cellisten und späteren Widmungsträger Adolphe Fischer, einem Schüler von Adrien-François Servais, gehört dieses überaus temperamentvolle und an Klangfarben so reiche Konzert zum festen Repertoire jedes ambitionierten Cellisten. Wenngleich in hiesigen Konzertsälen (leider) immer seltener zu hören, ist und bleibt es ein ganz wichtiger Meilenstein in der cellistischen Ausbildung. Sowohl im Vorwort als auch in den abschließenden Bemerkungen gibt der Herausgeber vielfältige Hinweise auf die Entstehungsgeschichte und verweist auf diverse Unterschiede zwischen dem Autograph der Klavierstimme (das Autograph der Partitur ist verschollen) und den Abschriften. Neben der Klavierpartitur enthält die Ausgabe zwei Cellostimmen, von denen die eine wohl dem Urtext entspricht, während die andere von Heinrich Schiff mit zahlreichen Fingersätzen und Strichen versehen wurde. Dabei ergänzte er an einigen Stellen Strichbezeichnungen, um Lalos Absichten zu verdeutlichen. Dort, wo er von Lalo abweicht, wurden die ursprünglichen Striche kommentarlos getilgt, was sicherlich der besseren Lesbarkeit dient. Im Zweifel kann man ja mit der Urtextversion vergleichen. Diese sehr gelungene Ausgabe dürfte schon bald zum festen Notenbestand eines jeden Cellisten gehören.

Joseph Reinagle (1762–1836): Sonatine für Violoncello und Klavier. Herausgeber Rainer Mohrs. Schott Cello Bibliothek CB 223 (2010), ISMN 979-0-001-17202-8

Joseph Reinagle war Schüler des Cellisten Johann Georg Christoph Schetky, erhielt vielfältige und wesentliche Anregungen für das eigene Komponieren aber von Joseph Haydn. Er wirkte auch als Cellolehrer und veröffentlich­te um 1800 eine Anleitung zum Violoncellospiel, die eine Sammlung von 30 progressiv angeordneten Lektionen enthält. Diese „Thirty Progressive Lessons“ in Form von Duetten für zwei Violoncelli wurden zuletzt 1982 vom Verlag Grancino herausgegeben, sind inzwischen aber (leider) vergriffen. Die drei Sätze der vorliegenden Sonatine Allegro – Andante – Presto entstammen dieser Sammlung, sie entspre­chen den Lektionen 10, 7 und 9 und sind allesamt in der 1. Lage spielbar, lediglich in zwei Takten wird die erhöhte 1. Lage weit verlangt. Die angenehm sparsame Klavierbegleitung wurde von Jens Schlichting auf der Grundlage der Basso-Stimme für Klavier­ ausgesetzt, dynamische Angaben sind vom Herausgeber als Anregung für den Unterricht ergänzt. Die Sonatine nimmt einen besonderen Stellenwert im Unterricht ein, da es ansonsten immer noch sehr wenig leicht spielbare Literatur für diese Besetzung aus der klassischen Periode gibt.

Camille Saint-Saëns (1835–1921): Allegro appassionato op. 43 für Violoncello und Klavier. Herausgeber Christine Baur. Urtext Bärenreiter BA 9047, ISMN 979-0-006-53844-7

Dieses Konzertstück, komponiert im Jahre 1873 und dem französischen Cellisten Jules-Bernard Lasserre gewidmet, einem Schüler Auguste Franchommes, erfreut sich bis heute ungebrochener Beliebtheit, geeignet ab der oberen Mittelstufe. Nicht zuletzt dank der vorliegenden Edition dürfte sich daran auch künftig wohl nichts ändern.

In ihrem Vorwort führt die Herausgeberin in Entstehungsgeschichte, Ästhetik, Aufführungs- und Editionspraxis ein. Höchst interessant ist unter anderem ihr Hinweis, dass der Titel „appassionato“ oftmals dahingehend missverstanden wird, das Werk besonders leidenschaftlich und ausdrucksstark spielen zu müssen. Dies sei aber gar nicht im Sinne des Komponisten, der eher emotionale Zurückhaltung forderte.

Auch bezüglich der Wahl des Tempos gibt es eine klare Ansage: „Die derzeit herrschende Manie, zu schnell zu spielen, […] zerstört die musikalische Form und macht aus der Musik ein wirres und für den Zuhörer belangloses Getöse. Was bleibt, ist die Bewegung, und das ist nicht genug.“ Wie wahr! Neben dem Klavierpart findet man zwei Cellostimmen vor, die eine gänzlich unbezeichnet, die andere mit sehr brauchbaren Fingersätzen und Strichen versehen von der Cellistin Margaret Edmondson. Anders als beim Vorwort, sind die im Appendix enthaltenen kritischen Hinweise nur in englischer Sprache gedruckt, ein kleines Manko, das in Anbetracht des hervorragenden Gesamteindrucks dieser Ausgabe aber kaum ins Gewicht fällt.

Johann Georg Christoph Schetky (1737–1824): Sechs leichte Duette op. 7 für Violoncello-Duo. Herausgeber Rainer Mohrs. Schott Cello-Bibliothek CB 163, ISMN M-001-12101-9

Johann Georg Christoph Schetky war Cellist und erhielt seinen Kompositionsunterricht bei Johann Samuel Endler, seines Zeichens Kapellmeister an der Hofkapelle zu Darmstadt, bis zu dessen Tod im Jahre 1762. Schetkys im Jahre 1780 zuerst veröffentlichten zwölf Cello-Duette op. 7 sind für den Unterricht gedacht und aufgrund ihrer ansprechenden Melodik und leichten Spielbarkeit dafür auch ganz hervorragend geeignet.

Beiden Spielpartnern werden gleichberechtigte Aufgaben zugeteilt. Dabei gab Schetky seinen Schülern die Anweisung, beide Stimmen zu üben, da sie erst durch bessere Kenntnis des ganzen musikalischen Satzes imstande seien, die Oberstimme adäquat interpretieren zu können. Die Duette sind durchweg zweisätzig, erfordern ein sicheres Spiel in den Lagen 1 bis 5 sowie eine fortgeschrittene Bogentechnik einschließlich Spiccato sowie Aufstrichstaccato. Auch sollte der Spieler den Tenorschlüssel sicher beherrschen.

Über einen langen Zeitraum vergriffen, sind sie, nicht zuletzt aufgrund des persönlichen Engagements des Herausgebers, nunmehr endlich wieder zugänglich – herzlichen Dank dafür!
  

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