Ene, Mene, Benelux

Das 35. Jazzfestival Südtirol wird zum Hochamt des jungen europäischen Jazz


(nmz) -
Es war vielleicht das bezeichnendste Konzert des Südtirol Jazzfestivals: Nach der Premiere im vergangenen Jahr versammelten sich auch dieses Jahr mehr als ein Dutzend der besten jungen europäischen Jazzmusiker unter dem Titel „JazzLabs“ in der Messe Bozen, um in wechselnden, oft erstmals so zusammenspielenden Kombinationen, jeweils siebeneinhalb Minuten lang nach Herzenslust zu improvisieren. Bezeichnend deshalb, weil dieses Festival tatsächlich eine Art Messe des jungen europäischen Jazz geworden ist, und man es generell mit dem Titel „JazzLabs“ überschreiben könnte.
Ein Artikel von Oliver Hochkeppel

Im 35. Jahr seines Bestehens hat das Südtirol Jazzfestival damit konsequent den Weg weiterverfolgt, den Klaus Widmann vorgegeben hat, seit er vor gut 15 Jahren die Leitung übernommen hat: mutig Neues zu präsentieren, und dies an besonderen, oft spektakulären Veranstaltungsorten über ganz Südtirol verteilt.

Das schließt mittlerweile den Verzicht auf Zugpferde ein, wie sie nahezu alle anderen Festivals zu benötigen glauben, und der Altersschnitt der gut 150 Musiker bei den rekordverdächtigen 70 Konzerten – etliche Besetzungen überschnitten sich und manche Bands gaben mehrere Konzerte an verschiedenen Orten – war konkurrenzlos niedrig. Seit einigen Jahren bildet ein Länderschwerpunkt die Klammer, und ein ausgesuchter Musiker des Landes schlüpft als „Artist in Residence“ in eine Kurator-Rolle.

Dieses Jahr waren die Benelux-Länder an der Reihe, und der niederländische Gitarrist Reinier Baas war der Magnet, von dem unter anderem Saxophonist Ben van Gelder, Bassklarinettist Joris Roelofs, Drummer Onno Gevaert (alle aus den Niederlanden), Saxophonist Manuel Hermia, Holzbläser Joachim Badenhorst, Drummer Antoine Pierre mit seinem Oktett Urbex, die Trios De Beren Gieren und LAB der Pianisten Fulco Ottervanger und Bram de Looze (alle aus Belgien) oder das Klaviertrio Dock In Absolute von Jean-Philippe Koch, das Tentett des Multiinstrumentalisten Pol Belardi, das Trio Reis/Demuth/Wiltgen und Vibrafonist Pascal Schumacher (alle aus Luxemburg) angezogen wurden. Dazu kam als einziger „Alter Wilder“ der 75-jährige Freejazz-Veteran Han Bennink.

Baas spielte mit vielen von ihnen in diversen Kombinationen, von der Eröffnung mit seiner 2015 für das North Sea Festival in Rotterdam geschriebenen, hier auf Südtirol und seine ladinische Prinzessin Dolasilla zugeschnittenen surrealistischen Jazzoper „Rainier Baas vs. Princess Discombobulatrix XL“ über seine festen Duo- oder Trio-Besetzungen bis zu Sessions, Werkstattkonzerten und dem „Final Jam“. Es hätte aber dem Charakter des modernen Jazz als Weltmusiksprache, der Internationalisierung des Genres, wie dem Ansatz des Fes-tivals widersprochen, hätte man sich auf Benelux beschränkt. Wie immer klinkten sich viele französische, deutsche, österreichische und natürlich italienische Musiker ein und sorgten für manche Festival-Höhepunkte. Das reichte – mit Shake Stew, Kompost 3, Mario Roms Interzone und dem David Helbock Trio – von der Crème de la Crème der jungen österreichischen Bands über diverse Kombinationen der französischen Stimmartistin Leila Martial (das Konzert des Festivals war vielleicht ihr Auftritt im Quartett der Schlagzeugerin und Landsfrau Anne Paceo), des französischen Schlagzeugers Sylvain Darrifourcq und des italienischen Gitarristen Francesco Diodati bis zu international durchmischten Besetzungen wie Metromara, das Carate Urio Orchestra oder die vom Festival initiierte Euregio Jazzwerkstatt. Und traditionell war auch München gut vertreten – die Unterfahrt, das Kulturreferat und vor allem das Jazzinstitut der Musikhochschule sind seit Jahren enge Partner. Das Leo Betzl Trio, die Jazzrausch Marching Band des frisch gekürten BMW Welt Young Artist Jazz Award-Preisträgers Roman Sladek und das Bläserquartett Buffzack demonstrierten, dass auch der Nachwuchs an der Isar mit den stürmischen, genreverbindenden Entwicklungen im europäischen Jazz mithalten kann. 

Mag auch mitunter jemand ein Konzert mit dem klassischen Schlachtruf „Das ist doch kein Jazz“ verlassen haben, insgesamt trägt Widmanns langjährige Aufbauarbeit Früchte. Fast alle Vorstellungen waren gut besucht, von einem überdurchschnittlich jungen Publikum, das sich Widmanns Neugier wie die Offenheit der Musiker zu eigen macht.   

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