Es gibt keine richtige oder falsche Chorliteratur

Die neue musikzeitung im Gespräch mit Wolfram Kössler, Generalsekretär des Arbeitskreises Musik in der Jugend (AMJ)


(nmz) -

Singen scheint das Einfachste von der Welt zu sein und auch das Schwierigste. Einfach, weil man nichts weiter als seine Stimme braucht, schwierig, weil viele sich des Singens schämen und oft auch kaum noch Repertoirekenntnisse haben. Abhilfe kann in beiden Fällen der Arbeitskreis Musik in der Jugend – AMJ – schaffen. Über die Geschichte des AMJ, aktuelle kulturpolitische Herausforderungen und über die Renaissance des Singens sprach Susanne Fließ mit dem Generalsekretär des AMJ, Wolfram Kössler.

Ein Artikel von Susanne Fließ

neue musikzeitung: Der AMJ – Arbeitskreis Musik in der Jugend – wurde 1947 gegründet und ist damit ein echtes Kind der Nachkriegszeit. Musste das gemeinsame Singen damals bereits gerettet werden?
Wolfram Kössler: Gegründet wurde der AMJ als ein Netzwerk von musikinteressierten Menschen in Hamburg, damals noch unter dem Namen „Musikantengilde“. Das Liedgut sollte aus dem ideologischen Sumpf des Nationalsozialismus‘ gezogen und von allem „Völkischen“ befreit werden. Man wollte das Singen in den Dienst einer neuen Zeit stellen und Brücken zu anderen Ländern schlagen. Die Gründung des AMJ hatte also kulturpolitische Ursachen. Anhand unserer Mitgliedszahlen in den einzelnen Bundesländern kann man übrigens deutlich sehen, dass in Hamburg bis heute der größte AMJ-Landesverband ansässig ist. Der Schwerpunkt sollte jedoch von Anfang an auch auf der Ausbildung künftiger Musikerzieher liegen. Als der AMJ dann 1978 vom Verlagshaus Möseler Räumlichkeiten angeboten bekam, zog die Geschäftsstelle nach Wolfenbüttel um. Seitdem arbeiten wir dort mit vier festen Mitarbeitern als eingetragener Verein. Vor kurzem wurde eine Stiftung gegründet, deren Ziel es ist, die Arbeit des AMJ langfristig zu sichern. Wir wollen mit diesem Schritt Weichen stellen, um nachhaltig wirken zu können. Jeder Spender ist uns willkommen. Nähere Informationen hierzu finden Sie unter www.amj-musik.de

nmz: Wann haben Sie denn das erste Mal vom AMJ gehört?
Kössler: Ich komme ursprünglich aus der Verlagswelt. Nach einer Ausbildung zum Verlagskaufmann, einem Studium der Verlagswirtschaft und meiner Tätigkeit in der Öffentlichkeitsarbeit beim Musikverlag Schott in Mainz sowie meiner Selbständigkeit als Inhaber einer Künstler- und Konzertagentur bin ich nun seit einem Jahr Generalsekretär beim AMJ. Den Verband kenne ich seit vielen Jahren, weil ich leidenschaftlicher Chorsänger bin. Jahrelang habe ich bei Heinz Hennig im Knabenchor Hannover gesungen, es folgten einige Jahre beim Kammerchor „I Vocalisti“ in Lübeck und beim Dresdner Kammerchor. Da der AMJ zwei größere Chorfestivals organisiert, die Internationale Jugendkammerchorbegegnung auf Usedom und den EUROTREFF in Wolfenbüttel, waren mir die Arbeit und das Engagement des AMJ geläufig. Auch das umfangreiche Kursprogramm hielt ich damals schon in den Händen. Und eine Nachbarin ist früher immer mit dem AMJ in die französisch-deutschen Musikferien in die Bretagne gefahren.

nmz: Nun gibt es ja eine Reihe von Verbänden, die sich um das Singen in Chören kümmern. Wie grenzt sich der AMJ zu den Aktivitäten anderer Verbände ab?
Kössler: Ich denke, dass wir als einziger Chorverband ein so umfangreiches Weiterbildungsangebot bereithalten – und dies nicht nur für das Instrument Stimme. Doch der Begriff „abgrenzen“ gefällt mir nicht. Die sechs Chorverbände in Deutschland haben ein gemeinsames Ziel: die Förderung des Singens. Singen fördert wiederum die Intelligenz und das Sozialverhalten, darüber gibt es umfangreiche Studien. Die Mitglieder des AMJ sind größtenteils Kinder- und Jugendchöre beziehungsweise die Personen, die daraus hervorgegangen sind und nun ihrerseits unterrichten oder in Laien- oder semiprofessionellen Chören singen.

nmz: Wie zufrieden sind Sie denn mit der Wahrnehmung des AMJ in der Öffentlichkeit?
Kössler: Bei unserer Zielgruppe bin ich überaus zufrieden! Der AMJ wird als wichtiger Trägerverband für Kinder- und Jugendbildung wahrgenommen. Allerdings macht es uns die Ganztagsschule nicht leicht, Kinder für den Musikunterricht in der Freizeit zu erreichen. Auch das Prozedere der Anerkennung unserer Fortbildungskurse als Weiterbildung für Lehrkräfte ist innerhalb der einzelnen Bundesländer höchst unterschiedlich und wird von Jahr zu Jahr komplizierter. Es wäre ein großer Fortschritt, wenn das harmonisiert und vereinfacht werden könnte. Bundesweit entsteht so eine paradoxe Situation: Einerseits werden ganze „Chorklassen“ eingerichtet, in denen Kinder eine Stunde pro Woche zusätzlich Musikunterricht erhalten, andererseits gibt es schon jetzt Regionen in Deutschland, wo händeringend nach qualifiziertem Fachpersonal in Schulen gesucht wird.

nmz: Nun kann man auch als Einzelperson und als Familie im AMJ Mitglied werden, das heißt, Ihre Werbung richtet sich im Prinzip auch an viele tausend interessierte Einzelpersonen?
Kössler: In der Tat erscheint unser Kursjahresplan in einer Auflage von 22.000 Exemplaren und geht an Privathaushalte, an Musikschulen, an unsere Mitgliedschöre und Einzelmitglieder. Darüber hinaus bemustern wir natürlich auch die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft, um sie kontinuierlich auf unsere Arbeit aufmerksam zu machen. Unsere Verbandszeitschrift „Intervalle“ wird ähnlich breit gestreut. Seit 2002 gehen wir ein bisschen „spartenfremd“ und erreichen so weitere Interessentengruppen: Mit der Uniklinik Leipzig organisieren wir im Februar jeden Jahres ein Symposium zur „Kinder- und Jugendstimme“. Die Teilnehmenden setzen sich aus Medizinern, Musiklehrern in Schulen und Musikschulen, freien Gesangsdozenten und Chorleitern zusammen.

nmz:Hat der AMJ neue Projekte in Planung?
Kössler: Das nächste große Projekt ist die 7. Internationale Jugend-Kammerchorbegegnung Usedom mit acht Jugendchören aus ganz Europa. 270 Jugendliche werden für neun Tage in Workshops unter der Leitung einer Amerikanerin, einer Deutschen und eines Italieners gemeinsam musikalisch arbeiten und Chormusik vieler Epochen und Stile einstudieren.
In Planung sind Angebote für junge Menschen mit Migrationshintergrund und für die Multiplikatoren, die mit diesen Jugendlichen täglich arbeiten. So bieten wir in diesem Jahr erstmals einen Wochenendkurs an mit dem Titel: „Fremdes Lied im Nachbarhaus“. Ich bin sehr optimistisch, dass wir hier auf lange Sicht sehr viel erreichen können, vor allem, wenn wir mit anderen Verbänden zusammenarbeiten. Zum Beispiel gibt es eine enge Kooperation mit dem Verband deutscher Musikschulen (VdM) oder der Bundesvereinigung kulturelle Jugendbildung (BKJ). Dort spielen neben der Musik auch andere Kultursparten wie Tanz, Theater oder Film eine Rolle. Bei den parlamentarischen Abenden der BKJ kamen wir in intensiven Kontakt mit Abgeordneten, die wir auch in Zukunft in unsere Informationsarbeit einbeziehen werden und von denen ich sicher weiß, dass Sie den AMJ in seiner Kulturarbeit unterstützen wollen.

nmz: Haben Sie den Eindruck, dass Jugendliche innerhalb und außerhalb der Schulen wieder mehr singen?
Kössler: Wenn ich mich an meine eigene Schulzeit erinnere, so war das Singen in der Schule beinahe ver­pönt. Wir wurden im Musikunterricht „ruhiggestellt“, indem man uns die Beatles vorspielte und den Kontakt zur mehrstimmigen modernen Chorliteratur höchstens durch das Singen ihrer Songs herzustellen versuchte. Spätestens seit Anfang der 90er-Jahre erhielt wieder die Erkenntnis Einzug, dass das Singen das Sozialverhalten positiv beeinflusst und zu Kreativität anleitet. Singen ist also auf dem Weg, in den Schulen zu einer festen Einrichtung zu werden. Auch im Bereich musikalischer Früherziehung gibt es ein Umdenken auf breiter Ebene.

nmz: Welche Literatur wird in den Schulen gesungen?
Kössler: Der Einfluss von „DSDS“ ist gerade bei den Schülern nicht zu übersehen. Englischsprachige Lieder und Popmusik sind sehr beliebt, aber auch deutsche Volkslieder erleben derzeit eine Renaissance in den Schulen. Attraktivität gewinnen sie überdies, weil es inzwischen eindrucksvolle Arrangements davon gibt. Insofern kann man weder von „richtiger“ noch „falscher“ Chorliteratur sprechen. Unser Ziel ist es, mit unserem Kursangebot und als Verband dafür zu sorgen, dass sich die Gesellschaft durch das gemeinsame Singen positiv verändert. Ich wäre nicht Generalsekretär dieses Verbandes, wenn ich nicht fest daran glauben würde!

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