Es gibt nur einen Hardrockgott

Neuerscheinungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Lassen wir mal das vermeintlich provokative und künstlerisch vorgeschobene Gedöns um Rammstein weg. Konzentrieren wir uns schlicht auf die Musik und die Songs des neuen Albums „Zeit“. +++ Arcade Fire, die – böse formuliert – schon seit sechs Alben mit der Schublade „Indie“ kämpfen, stellen mit „WE“ ihr siebtes Album vor. +++ Gut, dass es die Norweger Röyksopp gibt. Und das neue Album „Profound Mysteries“. +++ Schon ein cooles Album, das Sam Vance-Law mit „Goodbye“ verkaufen möchte. Respekt. +++ Es gibt keine andere, bessere, sinnvollere und bewundernswertere Hardrock-Band als Thunder.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Lassen wir mal das vermeintlich provokative und künstlerisch vorgeschobene Gedöns um Rammstein weg. Konzentrieren wir uns schlicht auf die Musik und die Songs des neuen Albums „Zeit“. Elf wurden es. Elf alte Songs, möchte man hinzufügen. Dabei geht es nicht um die Neuerfindung der Musik. Jeder kann seinen Stil gerne behalten. Allerdings darf man als neutraler Hörer explizit feststellen: „Zeit“ und seine Songs klingen wie jedes andere Rammstein Album, dröhnen und ballern wie jeder andere Rammstein-Song. Man ist geneigt, die ewig gleichen Gitarrenwände, die ewig gleichen Synthie-Klänge und den ewig gleichen Gesangs-Duktus zumindest 2022 als stinkend langweilig zu bezeichnen. Es fehlen dramatische Wendepunkte. Wie das eventuell früher vielleicht noch der Fall war (Engel, Du hast). Diese elf Songs schaffen es irgendwie nicht in diskussionswürdige Sphären. (Universal)

Arcade Fire, die – böse formuliert – schon seit sechs Alben mit der Schublade „Indie“ kämpfen, stellen mit „WE“ ihr siebtes Album vor. Dabei ist auch „WE“ ein klitzekleines Überraschungsei. Beginnt man mit „Age of Anxiety I“ eher U2 affin, landet man mit dem nächsten Song „Age of Anxiety II“ bereits mitten im Disco Fieber und darf das Tanzbein schlenkern. Oder den hippen Halsgoldschmuck mit koordinierten Kopfbewegungen nickend in Wallung versetzen. „End of the Empire I–III“ wanzt sich dann eindeutig Beatles-lastig um die Ecke und desgleichen finden die restlichen Songs des Albums Assoziationen quer durch die Pop- und Rockszenerie. Weil Arcade Fire diese Anleihen nicht ausnahmslos plump arrangieren, bekommt man mit „WE“ ein Album, das beim familiären Grillfest sicher für Proteste sorgt, andererseits jede abgenudelte Studentenwohnheimparty erst richtig ins Laufen bringt. (Arcade Fire Music)

„Electronic“ nennt sich seit Jahrzehnten ein Genre, das einem durchaus die Schweißperlen auf die Stirn treiben kann. Wenn der Nachwuchs einfach nur die vorgefertigten Sounds der PC-Software aneinanderreiht und die SPACE-Taste im quantisierten Beat niederbügelt. Gut, dass es die Norweger Röyksopp gibt. Und das neue Album „Profound Mysteries“. Hier werden Electronic-Songs noch arrangiert. Keine ADHS-Bassdrums, keine übermotivierten Snaredrums. Röyksopp produzieren und vor allem komponieren lässig, relaxt und fast wunderschöne Tongemälde. Da hat jede Note ihren Platz, jeder Sound eine Heimat. Und das lädt zu großen cineastischen Träumereien ein. Sollte selbst dem Wacken-Gänger gefallen. (Embassy One)

Schon ein cooles Album, das Sam Vance-Law mit „Goodbye“ verkaufen möchte. Respekt. So viele Stilrichtungen, Abzweigungen und Querungen hört man selten auf einem Album. Teilweise sogar während eines Songs. Überragend nistet sich zunächst Sam Vance-Laws Stimme im Kopf ein. Großartiges Organ. Dann sind es Ohrwürmer wie „Get Out“, die lange bleiben und doch so unkonventionell scheinen. Oder „Someone Else“, das phasenweise von Harry Connick junior stammen könnte. Jeder Song auf „Goodbye“ hat absoluten Charme. Weil Sam Vance-Law sich traut, eigenwillig und unangepasst passend zu sein. Kann man so machen. (Universal)

Es gibt keine andere, bessere, sinnvollere und bewundernswertere Hardrock-Band als Thunder. Vergessen Sie AC/DC. Die Briten von Thunder bleiben mit „Dopamine“ weiterhin das Maß aller Dinge. Grandioser Gesang, gefühlvoll-kratzende Gitarren, absolut bodenständiges Schlagzeug. Und obendrauf die Zutaten, die so vielen Bands fehlen: Lockeres Songwriting mit akzentuierten Ideen (u.a. Soul-Backgroundgesang). Gitarrensoli, die den Griff in die Steckdose ersetzen. Klare Strukturen (der Refrain ist der Star, die Strophe spielt allerdings immer Oscar verdächtige Nebenrollen). Dazu auf jedem Album eine Ballade oder seriöse Songs mit einem gesanglichen Stimmumfang, den mancher Jungstar wohl trotz aller Computerhilfe weder singen noch komponieren könnte. Und letztendlich nehmen sich Thunder trotz zahlreicher Rückschläge in den Zehnerjahren immer noch nicht wichtig und haben niemals (gefühlt seit dreißig Jahren) den Rockstar raushängen lassen. Dabei sind sie definitiv die einzigen, die den Titel „Hardrockgötter“ verdienen. Jedes Album kann ohne Pause oder „Vorwärts“-Taste von Beginn bis Ende durchlaufen. Das nötigt großen Respekt ab. Weiter. Immer weiter. (Thunder/BMG)

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