Expressive Nüchternheit

Vagn Holmboe: Kairos (Streicher-Symphonien Nr. 1–4)


(nmz) -
Vagn Holmboe: Kairos (Streicher-Symphonien Nr. 1–4; Owain Arwel Hughes dir. Camerata Wales. BIS CD 1596 (Vertrieb: Klassik-Center)
Ein Artikel von Christoph Schlüren

Nachdem Vagn Holmboe (1909-96), Dänemarks bemerkenswertester Komponist zwischen Carl Nielsen und Per Nørgård, 1957–58 seine ersten drei einsätzigen Streichersymphonien geschrieben hatte, legte er 1962 eine viersätzige vierte Symphonie für Streicher nach, bestehend aus einem Vorspiel, zwei Zwischenspielen und einem Nachspiel. Diese vierte Symphonie kann wie die anderen einzeln aufgeführt werden oder als formale Klammer für ein alle vier Werke umspannendes und verbindendes, einstündiges Gesamtwerk, dem er den Titel „Kairos“ gab.

„Kairos“ ist (im Gegensatz zu „Chronos“, der physikalischen Zeit) die „empfundene Zeit“ – beide verlaufen gleichzeitig und haben doch nichts miteinander gemein. Ähnlich ist auch die psychologisch-strukturelle Konzeption, wo Holmboe versucht, „das Problem noch weiter zu beleuchten, unter anderem durch das Wechselspiel zwischen objektiv-abstrakten und subjektiv-expressiven Abschnitten, durch verschiedene gleichzeitig stattfindende Abläufe und durch die Zeitlosigkeit (im chronologischen Sinn) der Metamorphosen“. Holmboe war der Großmeister des Metamorphose-Prinzips, das in der ständigen organischen Verwandlung der Themen besteht, und stilistisch vereinen sich in seiner freitonalen, weit Entferntes verbindenden, präzise durchorganisierten Tonsprache Expressionismus und neue Sachlichkeit (viel passender wäre „Nüchternheit“!) zu fesselnder Einheit.

Es sind machtvolle Kompositionen, die sich aus emphatisch durchgeformten Detailkonturen zur Höhe weitgespannter Großform aufschwingen. Alles entsteht unvermeidlich eins aus dem anderen, als könnte es nicht anders geschehen, und zugleich ist diese Musik voller Überraschungen und suggestiver Stimmungen, Umbrüche, klanglicher Extreme und unwiderstehlich wachsender Entwicklungen. Für die Aufführenden ist das eine höchst anspruchsvolle und oftmals äußerst heikle Aufgabe, die das Kammerorchester aus Wales mit großer Klangfülle und expressiver Leidenschaft meistert, technisch und strukturell jedoch auf oftmals diskutablem Niveau. Mögen sich noch viele Ensembles diesem fantastischen Monument der Streichorchester-Literatur widmen.

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