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Faszination des Fremden – Angst vor dem Andersartigen

Untertitel
Wolfgang Rihms Oper „Eroberung von Mexico“ in Frankfurt am Main neu inszeniert
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Wolfgang Rihms frühes Credo „Ich will bewegen und bewegt sein, alles an Musik ist pathetisch“, gilt heute mehr denn je. Seine 1992 in Hamburg uraufgeführte Oper „Die Eroberung von Mexico“ nach Texten von Antonin Artaud und Octavio Paz über das erste Zusammentreffen des Eroberers Cortez mit dem Aztekenkönig Montezuma wurde jetzt in Frankfurt von Regisseur Nicolas Brieger mit berückender Intensität inszeniert.

Wolfgang Rihms frühes Credo „Ich will bewegen und bewegt sein, alles an Musik ist pathetisch“, gilt heute mehr denn je. Seine 1992 in Hamburg uraufgeführte Oper „Die Eroberung von Mexico“ nach Texten von Antonin Artaud und Octavio Paz über das erste Zusammentreffen des Eroberers Cortez mit dem Aztekenkönig Montezuma wurde jetzt in Frankfurt von Regisseur Nicolas Brieger mit berückender Intensität inszeniert.Schon mit seiner ersten, heute fast vergessenen Kammeroper „Faust und Yorick“ (1976) nach Jean Tardieu suchte Rihm ein klangliches missing link zwischen seiner musikalischen Subjektivität und den französischen Theateravantgardis-ten auszukomponieren, von denen Antonin Artaud dann so wichtig für sein gesamtes Schaffen werden sollte. Damals, wenn auch noch recht brav, strömte Rihms Musik aus jenem Akkord Anatomie-Idee-Klang heraus, den der Komponist mit seinen unberechenbaren Schwankungen zwischen gefährdet wirkendem Lyrismus und nicht minder obsessivem Auspendeln dynamischer Extreme gewissermaßen immer wieder neu imaginiert. An Antonin Artauds grausam-theatralischem Körperspiel dockte er mit dem Poème dansé „Tutuguri“, 1982 in Berlin uraufgeführt, dann unmittelbar an. Mit gleichsam reflexartiger Lautlichkeit – Symbol einer „Musik am Wachstumsort“ –, mit martialischen und auch mit einbruchsartig reduzierten Mitteln wurde die Musik scheinbar reflexartig komponiert.

Der nur angedeutete narrative Handlungsstrang der „Eroberung“ wurde nun von Regisseur Nicolas Brieger und seinem Bühnenbildner Hermann Feuchter in eine äußerst fantasievolle Bilder- und Bewegungssprache umgesetzt. So erfährt das eigentliche Thema des Bühnenwerks, die Kluft zwischen der Faszination des Fremden und gleichzeitiger Angst vor dem Andersartigen, in Frankfurt eine zeitlupenartig-pantomimische Ausdeutung, die jedoch niemals statisch wirkt.

Brieger lässt den Eroberer Cortez von der für Sopran komponierten Rolle Montezumas als zunächst noch liebestrunkenen Paradiesvogel mit äußerst lyrischen Gesangslinien umgarnen. Cortez selbst ist ebenso fasziniert von dem Fremden, unterdrückt aber alles erotisch-exotistische in ihm und gehorcht letztlich seinem Auftrag der Eroberung. Zitate aus der Renaissancemusik und kultische, nicht vorkulturelle Klänge gehen hier eine sehr anrührende, aber nicht kitschige Synthese ein, weil in diesem Moment noch das ganze Potenzial positiver Energieen für einen gemeinsamen Weg enthalten sind. Doch die Geschichte lehrt: Es kommt zu blutigen Schlachten und als eines der stärksten Bilder dieser einnehmenden Inszenierung wird eine riesengroße Kirchenglocke aufgefahren, als deren Schlegel ein an den Füßen aufgehängter Azteke zu Tode geläutet wird, während Montezuma in seiner geometrisch angedeuteten Tempelpyramide mit überdimensionierten Rosenkränzen in Ketten gelegt wird: wahrlich ein heiliger Krieg.

Das auf klanglich-szenische Unmittelbarkeit angelegte Spektakel entbehrt zudem nicht einer Prise Brecht’schem Gestus, den Rihm während seiner Heiner-Müller-Lektionen für die vor vierzehn Jahren in Mannheim uraufgeführte „Hamletmaschine“ für sich fruchtbar gemacht hat. So können die Cortez zugeordneten, zwei omnipräsent hechelnden Sprecher und die Montezuma zur Seite gestellten Sängerinnen nicht nur als musikalische Spiegel, sondern auch als schon in der „Hamletmaschine“ bewährtes Rollensplitting verstanden werden. Das Publikum blendende Neonröhren aus dem Bühnenhintergrund bestärkten den Eindruck einer musikalisch-szenischen Brechung dieser dann gar nicht mehr auf pure klangliche Identifikation hin angelegten Subjektivität. Und auch dass Cortez und Montezuma am Ende sich als ganz normale Städtebewohner von einem im Zuschauerraum aufgebauten Lager etwas schlaftrunken erheben, ihre Mäntel unter den Arm klemmen und ziemlich resigniert einen Abgesang auf die Liebe anstimmen, erzeugt nach soviel Stille und Ausbruch letztlich Distanz zu diesem szenischen Alptraum. „Ich war Montezuma/Cortez, ich spiele keine Rolle mehr“ könnte es hier heißen.

Das auf der Bühne und im Zuschauerraum verteilte Orchester spielte unter der Leitung von Markus Stenz bravourös, die Sänger intonierten exzellent, vor allem Annette Elster als Montezuma und David Pittman-Jennings als Cortez und die vielen Chorszenen mit ihren Bandzuspielungen (von der Hamburger Uraufführung) waren von bestechender Direktheit gerade trotz aller Stilisierung.

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