Feind im eigenen Bett

Nachschlag 2017/12


(nmz) -
„Rundfunkklangkörper brauchen Schutz und Förderung,“ so die Überschrift im Appell des Deutschen Musikrates von Mitte November, in dem dieser die mit allerlei Einsparungen und Strukturanpassungen befassten Ministerpräsidenten auffordert, den „Erhalt und die Weiterentwicklung der Sender-Ensembles zu befördern.“ Solcherlei und noch weit mehr Beistand werden die hörfunkeigenen Ensembles mit Sicherheit benötigen. Aber hallo.
Ein Artikel von Bojan Budisavljevic

Denn wenn sich die Länderchefs Mitte März nächsten Jahres treffen, um über die rund 1,3 Mrd. schweren Sparvorschläge von ARD, ZDF und Deutschlandradio zu beraten, dann sind die Klangkörper angesichts dessen, worüber da gestritten werden wird, wahre Leichtgewichte, die dementsprechend auch leicht über Bord gehen können. Was nämlich zur Debatte steht, das ist die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks selber: Beitragsstabilität und Programmauftrag, föderale Struktur und Pläne zu Zusammenlegungen, Internet und Medienkonkurrenz (Döpfner et Gorny ante portas) und so fort.

Viele Klippen, die sich nicht elegant umschiffen lassen werden. Und das alles vor dem Hintergrund eines gewandelten Medienverhaltens und einer Politik, die den Rundfunk nie hat in Ruhe lassen können und die (AfD ante portas) sich jetzt erst recht genötigt sieht, den Empfängern oder Wählern etwas vorzuweisen. Mehr Sendenetto vom Beitragsbrutto sozusagen. Daher: Innovationen, Optimierungen, Strukturanpassungen, Skalps!… Und in manch medienpolitischen Hinterzimmern der Staatskanzleien wetzt mit der Muttermilch des Privatfernsehens großgezogenes internetaffines Personal schon lange die Messer fürs Bärenhäuten und Fellzerteilen…

Aber sind es wirklich, wie der Musikrat vermutet, allein die Politik und „populistische Taktierer“, welche die Rundfunkklangkörper gefährden? Freilich, sie sind es, die den Schutzbefohlenen flugs quasi zum Problembären erklären können, der zwar stattlich anzusehen und nice to have ist, aber dann doch nicht mehr so richtig in die heutige Landschaft passt. Ist ihnen in dieser Einschätzung nicht aber der Rundfunk selber schon sehr weit entgegengekommen? Hat er nicht selber seine Klangkörper über Jahre immer mehr bis zur Unkenntlichkeit angepasst, sie aus Programm- und Redaktionszusammenhängen auf den Markt entlassen, auf dem sie sich, zwar immer noch hochwertig, jedoch nicht von Allerweltsorchestern unterscheiden? Hat er nicht Tarifverträge aufgeweicht, Ensembles fusioniert, zu Hausorchestern mehr oder weniger hiper Immobilien erklärt und etwa manchen Chor stellenplanmäßig so heruntergefahren, dass von den verbliebenen gerade mal zwei Handvoll nur altes oder neues Spezialrepertoire bewältigt werden kann? Wenn‘s normal besetztes Standardrepertoire geben soll, dann tun wir uns zusammen!… Und wenn das geht, dann geht auch noch mehr, denkt sich die Politik…

Auffällig in diesem Zusammenhang, dass die Wörter „Orchester“ und „Chöre“ in der 40-seitigen Vorlage der ARD, genannt „Auftrag und Strukturoptimierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“, sage und schreibe je ein Mal vorkommen – dann aber, oho!, in Verbindung mit „von Weltrang“, was wohl ein deutliches Signal der Wertschätzung abgeben soll. „Weltrang“? Dabei ist das nur Ausdruck eines zwanghaften Schielens nach der von globaler Geschäftemacherei gesponserten Championsleague in Peking und Perm, Mascat und Quatar, nicht aber von echtem Wertebewusstsein. „Dirigent der Republik“ nannte man einst Otto Klemperer, und in Anlehnung daran waren und sind die Hörfunkensembles so was wie der „Klangkörper der Republik“, derjenigen nach `45, als sie das dumpfe, völkische, retrograde Musikleben wieder geöffnet haben, musikalisch Luft vom restlichen Planeten haben atmen lassen in glücklicher Verbindung von Altem und Neuen, Hohem und Niederen. Beispielhaft übrigens auch im Osten, wenn man an Herbert Kegels aufsässig spektakuläre Leipziger Programme denkt: von Paul Abraham bis Luigi Nono. Im Vergleich dazu ist das, was MDR und Kristjan Järvi so veranstalteten, ästhetisch und gesellschaftlich kleinformatig, wenn auch auf Hochglanz und „von Weltrang“.

Wer in dem ganzen anderen Wust von Kulturmanager-Großsprech und Geschäftsleitungs-Papier, weil Liebe im Detail steckt, nach zarteren Spuren von Zuneigung und Wertschätzung sucht, der entdeckt nicht nur die emotionale Kälte pauschaler Versprechungen, sondern Verwahrlosung. Wer nämlich im Appell des Musikrates dem Link www.ard.de/home/radio/ARD_Klangkoer… auf die Seite folgt, auf der die ARD ihre Klangkörper anpreist, der stellt erstarrt fest, dass von den 20 Chefdirigenten, mit denen man sich schmückt, fünf längst schon nicht mehr im Amt sind. Ginge es um Beziehungen, welcher Film fiele bei so viel liebevoller Pflege einem ein? – „Der Feind in meinem Bett“ etwa?! …

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