Feuerkopf Celi

Celibidache – die vollständigen RIAS-Aufnahmen Berlin 1948–1957


(nmz) -
Celibidache – die vollständigen RIAS-Aufnahmen Berlin 1948–1957 (Gershwin, Ravel, Busoni, Cherubini, Hindemith, Genzmer, Copland, Tiessen, Schwarz-Schilling); RIAS-Symphonie-Orchester, Berliner Philharmoniker. audite 21.406
Ein Artikel von Hanspeter Krellmann

Über die Berliner Philharmoniker erschien 1952 der Film „Botschafter der Musik“. Aus ihm bleibt eine Szene mit dem jugendlichen Celibidache unvergesslich. Wie unter fiebriger Spannung stehend, dirigiert er dort Beethovens „Egmont“-Ouvertüre mit einer im Feuersturm der Gefühle hochschießenden Finalwirkung. Das geschah, als er zum Inbegriff eines Dirigenten wurde, der ebenso überschäumend extrovertiert anmutete, wie er auf intime Wesenhaftigkeiten jeder von ihm im Kern erfassten Musik sich zu konzentrieren vermochte. Dieser Haltung hat er sich später, dezidiert in seiner Münchener Zeit ab 1979 bis zu seinem Tod, konsequent verschlossen. Die von audite vorgelegte 3-CD-Box beschwört die Erinnerung an den frühen Celibidache: Ab 1936 als Student ein Wahl-Berliner, stieg er nach dem Krieg als Jung-Dirigent von höchstem Anspruch an sich selbst auf wie ein Phönix aus der Asche. Seiner kompetenten Professionalität versicherten sich das „alte“ Philharmonische Orchester (das ohne den nach 1945 mit Dirigierverbot belegten Furtwängler dastand) und das „junge“, gerade erst gegründete RIAS-Symphonie-Orches­ter. Bei den Philharmonikern setzte sich Celibidache nach 1945 der Kärrnerarbeit einer Orchester-Konsolidierung aus, erfolgreich und von Publikums-Begeisterung getragen. Nach Furt­wänglers überraschendem Tod 1954 unterlag er Karajan bei der Nachfolge-Entscheidung für den Posten des Philharmoniker-Chefs. 

Celibidache hat sich zeitlebens dem Medium Tonträger entzogen. Darüber setzte man sich nach seinem Tod hinweg und veröffentlichte alles Erreichbare, vor allem die Mitschnitte seiner Münchener Konzerte. Auch von den drei Berliner CDs dürfte nichts für die Aufbewahrung in Ewigkeit gedacht gewesen sein. 

Wie auch immer – für diese Publikation ist man dankbar, weil sie Nebenpfade Celibidaches aus dessen alltäglichem Wirken dokumentiert. Das hier versammelte Repertoire vereinigt drei Großwerke seines Kompositionslehrers Heinz Tiessen (1887–1971). Sie wurden zu dessen 70. Geburtstag 1957 präsentiert und zugleich Celibidaches letzter offizieller Berliner Auftritt. Das ist, auch hinsichtlich des Komponisten, Berliner Erinnerungsarbeit, der ebenso Schwarz-Schillings Streichorchester-Komposition, von Celibidache hier aus dem Jahr 1949 vertreten, zuzurechnen ist. Von außerordentlicher Qualität bestimmt sind die Aufnahmen von Hindemiths fabelhaftem Klavierkonzert (mit Gerhard Puchelt als absolut zuständigem Solisten), von Genzmers Flötenkonzert (mit dem aus seiner späteren Barockmusik-Arbeit in Freiburg bekannt gebliebenen Gustav Scheck) und dem „Appalachian Spring“-Ballett Aaron Coplands. In Ravels „Rhapsodie espagnole“ legte Celibidache den beherzten Schwung frei, der ihn damals auszeichnete. Dagegen blieb Gershwins „Rhapsody in Blue“ im Defizitbereich hängen. Sie war in Deutschland 1948 noch immer eine Novität, auch bei Interpreten. An der notwendigen gelöst-hingebungsvollen Beweglichkeit mangelt es in dieser Darbietung, sowohl bei Puchelt als Solist als auch besonders bei dem Solo-Klarinettisten und der ihm abgeforderten berühmten Glissando-Introduktion. Zweiter Höhepunkt nach Hindemith ist in dieser Box zweifellos Busonis Violinkonzert. Es wird vom Philharmoniker-Konzertmeister Siegfried Borries hinreißend gespielt und gereicht zum Beweisstück für Celibidaches komplexes Interesse für und sein Einfühlungsvermögen in eine heute zu Unrecht übergangene Rarität, die jedem Qualitätsanspruch standhält.

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