Forschung, Wissen und Praxis

Persönlicher Kursbericht zum 10. Leipziger Symposium zur Kinder- und Jugendstimme


(nmz) -
Das Symposium, das vom 24. bis 26. Februar 2012 traditionsgemäß in der Leipziger Musikhochschule stattfand, versuchte die Extrempositionen von Stimmforschung und sängerischer beziehungsweise gesangspädagogischer Praxis einander anzunähern. Dazu ist es neben dem Austausch von persönlichen Erfahrungen stets erforderlich, vorhandenes Wissen aufzunehmen und in der praktischen Arbeit umzusetzen.
Ein Artikel von Wolfram Seidner

Prof. Michael Fuchs, Leiter der Sektion für Phoniatrie und Pädaudiologie an der Universitäts-HNO-Klinik Leipzig, hatte mit seinem Team und dem Arbeitskreis Musik in der Jugend erneut ein in jeder Hinsicht hervorragendes Symposium auf die Beine gestellt und seine wissenschaftliche, organisatorische und „kommunikationsfreundliche“ Kompetenz wieder erfolgreich eingebracht. 

Eingangs wurde im Vortrag „Wie funktioniert Stimmforschung?“ (Berit Schneider-Stickler) anhand gründlicher Untersuchungen nachgewiesen, dass sich ärztliche Aktivitäten im Dienst des künstlerischen Singens nicht nur auf die Kehlkopf- und Stimmfunktion beschränken dürfen, sondern sängerische Leistungsfähigkeit in umfassendem Sinne berücksichtigen müssen. Im Referat „3000 Jahre Stimmforschung“ (Jürgen Wendler) war erstaunlich, was historisch alles bereitliegt, um sowohl wissenschaftlich als auch praktisch intensiver genutzt zu werden. Einer der erfahrensten Stimmforscher (Johan Sundberg) demonstrierte eindrucksvoll die Stimmklangunterschiede zwischen Mädchen, Knabe, Frau und Mann und gab wichtige Hinweise für deren effektivere Stimmausbildung. 

Andere wichtige Vorträge lassen sich hier nur kurz erwähnen, zum Beispiel zu den Themen „Klangproduktion und -formung bei Kindern und Erwachsenen“ (Bernhard Richter), „Stimmlippenschwingungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ (Ulrich Eysholdt), „Singen im Spiegel von Forschung und Praxis“ (Peter Brünger) und „Vom kleinteiligen Forschungsergebnis zum interdisziplinären Leipziger Konzept für die Kinder- und Jugendstimme“ (Michael Fuchs).

Die Workshops zogen die Teilnehmer wieder besonders an. Stimmtechnische Fragen im nichtklassischen Gesang „Scream and Shout – Der Sound von Pop und Musical“ (Sascha Wienhausen) wurden mit überwiegend „sanften“ Stimmanwendungen demonstriert. Heiserkeit lässt sich ja als Ausdrucksmittel auch ohne Stimmschädigung gebrauchen, wenn sie nicht mit groben und permanent übersteigerten Kehlkopffunktionen einhergeht und vor allem rücknahmefähig ist. Unter der Workshopthematik „Trude und der Zauberblick“ (Friedhilde Trüün) erlebten wir eine kindgemäße Stimmbildung, deren Bewegungs-, Atmungs- und Stimm-

übungen in phantasievolle Geschichten und Bilder eingebunden waren. In der Werkstatt „Wie kann man Funktionen der Phonation visualisieren?“ (Matthias Echternach) wurden moderne Möglichkeiten der apparativen Stimmdiagnostik vorgeführt, und in einem Workshop über verschiedene Lerntechniken (Toni Wimmer) konnten wir erfahren, dass Lernen auch überwiegend spielerisch und lustbetont erfolgen kann. 

Die künstlerischen Aktivitäten waren wieder gekonnt in den Tagungsablauf integriert worden. Sechs charmante junge Damen mit dem Ensemblenamen „Sjaella“ boten zur Eröffnung A-cappella-Gesang vom Feinsten, und ein abendliches Konzert des Wolfratshauser Kinderchores mit seinem verdienstvollen Leiter Yoshihisa Matthias Kinoshita bewegte die Zuhörer in besonderer Weise, vor allem durch eine überspringende Herzlichkeit und Freude am gemeinsamen Singen. 

Der Ansturm zum Symposium war wieder enorm, wobei es auch diesmal erstaunte, wie viele Berufsgruppen durch Alt und Jung vertreten waren und sich von den Vorträgen und Workshops angezogen fühlten. Aber schließlich sind ja auch die persönlichen Kontakte während einer Tagung von großer Bedeutung. Das nächste Symposium findet vom 22.–24. Februar 2013 mit dem Arbeitsthema „Integration“ statt. Wie in jedem Jahr ist zu empfehlen, dass sich Interessenten rechtzeitig anmelden. 

Das Leipziger Symposium zur Kinder- und Jugendstimme

Das seit 2002 jährlich stattfindende Symposium wird veranstaltet von Prof. Dr. Michael Fuchs in Kooperation mit dem Arbeitskreis Musik in der Jugend und der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig. Es ist ein interdisziplinäres Podium für alle Fachrichtungen, die sich mit jungen Stimmen sowie mit den verschiedensten Aspekten des Singens bei Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Ziel ist ein Wissenstransfer zwischen der medizinischen Stimmforschung und der gesangspädagogischen und therapeutischen Praxis. Die Schriftenreihe zum Symposium ist beim Logos-Verlag Berlin erhältlich, weitere Infos: http://kinderstimme.uniklinikum-lei…

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