Fortbildung ermöglichen, Erfolgserlebnisse schaffen

D-Ausbildung Chorsingen: Maximilian Stössel (Deutsche Chorjugend) im Gespräch über die neue Rahmenrichtlinie


(nmz) -
„Die D-Ausbildung im Chorsingen bietet jungen Chormitgliedern die Möglichkeit, ihre musikalischen Kompetenzen zu erweitern, um kompetent mit ihrer Stimme umzugehen und selbständig Stücke zu erarbeiten.“ So beschreibt die Deutsche Chorjugend (DCJ) dieses Angebot auf ihrer Webseite. Im November letzten Jahres hat die DCJ nun in Zusammenarbeit mit der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen die „bundesweite Rahmenrichtlinie“ zur D-Ausbildung Chorsingen veröffentlicht. Juan Martin Koch hat darüber mit Maximilian Stössel gesprochen, der als Musikvorstand bei der DCJ für musikalisch-pädagogische Themen zuständig ist.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

neue musikzeitung: Was bedeutet die Veröffentlichung der Rahmenrichtlinie für die so genannte D-Ausbildung im Bereich der Kinder- und Jugendchöre und wie funktioniert die Umsetzung?

Maximilian Stössel: Wir haben jetzt eine gemeinsame Grundlage, welche Lerninhalte und -ziele Menschen erreichen können/dürfen/sollen, wenn sie eine solche Ausbildung im Chorsingen machen. Die Umsetzung ist dann mannigfaltig möglich. Die Chorleitung kann es im eigenen Chor machen, der Regionalverband kann Wochenendworkshops anbieten… Unser nächster Traum wäre es, nun auf dieser einheitlichen Basis YouTube-Tutorials und Materialien zu produzieren. Ich persönlich würde mir wünschen, dass wir große Ferienfreizeiten anbieten, wo sich Jugendliche treffen, andere Chorbegeisterte kennenlernen und in diesem Rahmen Abschnitte der Ausbildung absolvieren.

nmz: Welcher Zeitaufwand ist für die Interessierten damit verbunden?

Stössel: Das hängt davon ab, wie schnell man lernt, wie viel man schon kann und inwiefern ein Teil der Ausbildung in Selbstlernzeit stattfindet oder ob alle zusammen lernen. Im schwäbischen Chorverband wird zum Beispiel jede der Ausbildungsstufen im Rahmen von drei Wochenenden durchgeführt. Die erste Stufe ist bewusst niedrigschwellig gehalten. Alle Menschen, die engagiert im Chor singen und sich fortbilden wollen, könnten das schaffen. Die zweite Stufe ist schon anspruchsvoller und bei D3 sind wir dann auf einem Niveau, mit dem man eine Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule bestehen könnte. Da ist dann der Zeitaufwand natürlich entsprechend ein anderer.

nmz: Inwiefern war die Verabschiedung und Veröffentlichung der Broschüre ein Meilenstein, wie war der Prozess dahin?

Stössel: Schon in den 1980er Jahren ging es damit los, dass die Amateurmusikverbände gemeinsam mit der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen ein Ausbildungssystem entwickelt haben. Die Idee ist, dass auch in der Amateurmusik systematisch gefördert wird, sowohl bei denen, die im Ensemble musizieren, als auch bei denen, die diese leiten. Strukturiert ist das System in die außerhalb der Hochschule angesiedelten Stufen D, C und B. Die Stufe A wäre dann das Musikstudium. In den verschiedenen Amateurmusikverbände und in den jeweiligen Bundesländern gab und gibt es unterschiedlichste Angebote dazu, so war das auch in der Chormusik, wo es eine D-Ausbildung zum Teil noch gar nicht gab. Die Herausforderung war also, alle bestehenden Angebote zu sichten, zu strukturieren und einen bundesweit einheitlichen Lehrplan zu entwerfen. Der sollte einerseits alle bestehenden Ausbildungen im Chorbereich mitdenken und andererseits auch verbandsübergreifend funktionieren. Mit der neuen Ausbildung wäre es jetzt zum Beispiel möglich, im ländlichen Raum die möglicherweise nur wenigen Jugendlichen, die das im Chorbereich machen wollen, mit denen aus der Blasmusik und aus dem Harmonikaverein zusammenzubringen und für diese einen gemeinsamen Kurs anzubieten.

nmz: In der pädagogischen Einführung von Yoshihisa Matthias Kinoshita, einem von drei Impulstexten zu Beginn der neuen Broschüre, ist eine Tendenz herauszulesen, sich vom Leistungsprinzip abzugrenzen. Widerspricht das nicht der Idee einer mehrstufigen Ausbildung mit entsprechenden Prüfungen?

Stössel: Das war auch in der Konzeption immer wieder Thema und sollte es auch bleiben. Mit diesem Widerspruch hat man in der Pädagogik generell zu tun: Wie kann man Leistung fördern, ohne dass dadurch ungesunder Leis­tungsdruck entsteht? Ein wesentlicher Faktor ist, wie das im Jugendchor vermittelt, wie das gelebt wird. Druck aufzubauen, nach dem Motto: Ihr seid nur etwas wert, wenn ihr das schafft, ist das Gegenteil von dem, was wir uns als Deutsche Chorjugend wünschen. Dahingehend wollen wir in den Fortbildungen auch sensibilisieren: Es geht darum, Erfolgserlebnisse zu schaffen, und die hängen damit zusammen, dass man auch Herausforderungen hatte. So würde ich diese Ausbildung verstehen wollen. Ich würde zum Beispiel einen Jugendlichen erst dann zur Prüfung lassen, wenn ich mir sehr sicher bin, dass er da Erfolg hat.

nmz: Vorstellbar wäre aber auch eine ungute Auslegung, wenn die Chorleitung zum Beispiel sagen würde: Wer bis zu einem bestimmten Zeitpunkt D2 nicht erreicht hat, fliegt raus.

Stössel: Das wäre absolut gegen meine Überzeugung und unser Selbstverständnis als Chorjugend. Davor sind wir aber natürlich nicht geschützt, denn solche Chorleiter*innen gibt es ja heute schon. Wenn Menschen andere Menschen im Chor tyrannisieren wollen, können sie das leider auch ohne unsere Rahmenrichtlinie tun. Gerade die pädagogischen Begleittexte, die wir vorangestellt haben, sollen genau dafür sensibilisieren. Es gibt ja ganz unsägliche Beispiele etwa aus dem Knabenchorbereich, die beweisen, dass musikpädagogische Arbeit nicht automatisch dazu führt, dass Kinder eine tolle Entwicklung machen. Die Leistungsanreize einer solchen Ausbildung, wie wir sie anbieten, sind nur dann gut, wenn sie das Kindeswohl, das Selbstvertrauen, Erfolgserlebnisse und das qualifizierte Musizieren fördern.

nmz: Im Titel der Rahmenrichtlinie ist auch von deren „inklusiver Umsetzung“ die Rede. Explizit dazu findet sich dann im Text selbst aber kaum etwas…

Stössel: Das ist vor allem Gegenstand der pädagogischen Einführung, aber auch da ist natürlich ein Spagat zu erkennen. Die Mindestanforderungen sind für Kinder und Jugendliche mit einer schweren Behinderung so nicht schaffbar. Das Ausbildungssystem ist also nicht per se ein hauptsächlich inklusives Projekt, aber es geht uns darum, dass man das Thema, so gut es geht, mitdenkt, etwa auch mit Hilfe der relativen Solmisation, mit spielerischen Methoden. Ziel wäre es, Inhalte, die bisher schwerpunktmäßig nur auf einem Kanal vermittelt wurden, zum Beispiel visuell, auditiv oder kognitiv, stärker auch über den Körper zu vermitteln, um noch mehr Kinder und Jugendliche mitzunehmen.

nmz: Die konkrete Ausgestaltung liegt dann aber in der Verantwortung der Ausbilder?

Stössel: Ja, das hängt auch damit zusammen, dass es regionale Eigenheiten gibt: Zum Beispiel kann es sein, dass in einer bestimmten Region die Anforderungen schon höher sind. Wir mussten also einen Kompromiss im Sinne von Mindestanforderungen finden. Es kann auch sein, dass in genre­spezifischen Verbänden besonderer Wert auf ein bestimmtes Repertoire gelegt wird. Das würde dann den Rahmen einer Richtlinie sprengen.

nmz: Gilt das auch für die Prüfungen?

Stössel: Ja, hier ist es mein Anliegen als Pädagoge, die Menschen, die diese abnehmen, darin fortzubilden, wie man das auf eine Art und Weise tun kann, die Selbstvertrauen stärkt. Gerade Prüfungssituationen sind sensible Momente, die musikpädagogisch wertvoll gestaltet werden müssen, indem etwa Prüflinge mitentscheiden können, in welcher Reihenfolge geprüft wird. Oft wird gar nicht geprüft, ob ein Mensch dies oder jenes kann, sondern wie er mit Stress und Angst umgehen kann…

nmz: Welche Erwartungen haben Sie nun an die Wirkung dieses Impulses?

Stössel: In der DCJ sind etwa 100.000 Kinder und Jugendliche in 3.500 Chören organisiert. Wenn wir es schaffen würden, diese zu erreichen, wäre das fantastisch. Darüber hinaus gibt es aber auch Interesse von Kirchenmusikverbänden, die das aufmerksam mitverfolgt haben. Außerdem besteht die Chance, dass der Bundesmusikverband das weiterverbreitet. Im schönsten Fall – das wäre meine Utopie – würde diese Ausbildung dazu führen, dass noch mehr Kinder und Jugendliche als bisher systematisch gefördert werden und damit zum Chorsingen kommen und/oder dort bleiben. Die 100.000 sollten der Anfang sein! Wir haben in der DCJ noch ein weiteres Programm: „Kinderchorland“. Da arbeiten wir an dem Traum, an jedem Ort in Deutschland einen Kinderchor zu gründen. Dafür sammeln wir Geld, bieten Hilfe an. Die beiden Programme sollten ineinander verzahnt sein, indem neu gegründete Chöre mit Material und einer Infrastruktur versorgt werden. Ich würde mir wünschen, dass jedes Kind in Deutschland einmal eine schöne Erfahrung in einem Chor gesammelt hat und sich dann entscheiden kann, ob es das schönste Hobby der Welt ergreifen möchte.

  • Die gedruckte Broschüre „Chorsingen D-Ausbildung. Bundesweite Rahmenrichtlinie und inklusive Umsetzung“ (52 Seiten) kann bei der Deutschen Chorjugend kostenfrei bestellt oder als digitale Version heruntergeladen werden. www.deutsche-chorjugend.de

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