Frei, aber beständig: vier paradigmatische Porträts

Internationale Ensemble Modern Akademie, Neuköllner Oper, Ensemble Zeitsprung und ICI Ensemble


(nmz) -
20 Jahre ICI-Ensemble – seit 10 Jahren im Schwere Reiter: ICI steht für die britischen „Imperial Chemical Industries“, ist das Kürzel einer Aktion gegen Kinderarbeit („International Cocoa Initiative“) und bezeichnet in der Reproduktionsmedizin gewaschene Spermien. – ICI steht aber auch für eine musikalische Plattform, die seit 20 Jahren „International Composers & Improvisers“ in München vernetzt: Vor genau zehn Jahren eröffnete das Ensemble die Arbeit von Schwere Reiter MUSIK; mit „Sonar 2018“, einem „Mikrofestial für improvisierte Musik“, feiert das ICI am 24. und 25. Februar im Schwabinger Kulturzentrum also ein doppeltes Jubiläum.
Ein Artikel von Anna Schürmer

Mit dem Titel „Sonar“ bezieht sich das Mikrofestival auf ein elektroakustisches Verfahren zur Ortung von Gegenständen im Raum und unter Wasser mittels ausgesandter Schallimpulse; und auch improvisierte Musik spielt mit der tönenden Erkundung unbekannter Klangfelder. In „wildem Denken“ gelangen die Musiker zu kreativen Lösungen aus dem Stehgreif oder besser aus Erfahrung: ohne schriftliche Fixierung verdanken sich die Klangereignisse der spontanen Inspiration und Intuition des Ensembles aus individuellen Solisten. – Ich höre, also bin ICI.

Hervorgegangen sind die „International Composers & Improvisers“ aus einem Pilotprojekt, als sich der Komponist und Posaunist Vinko Globokar vor 20 Jahren auf die Tradition der Improvisations-Orchester bezog und mit Ohrenmerk auf die Genres Jazz und Neue Musik interpretierte. In der Folge machte sich das ICI über die Kollaboration mit Größen der internationalen und transstilistischen Musikszene einen Namen, die das Spiel und den Stil des Ensembles entscheidend prägten: von der österreichischen Avantgarde-Komponistin Olga Neuwirth, über die Composer-Performer Barry Guy und William Parker (Kontrabass) sowie die Posaunisten Giancarlo Schiaffini und George Lewis. Auch die zwölf festen Mitglieder des ICI bringen sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven ein – von der Klassik, über die Neue Musik und Jazz bis hin zu Studio- und Theatermusik. Aus dieser Melange entsteht eine kreative und explosive Mischung aus Improvisation und komponierten Elementen, in denen Orchester-Traditionen in Kontrast zu zeitgenössischen Strömungen und zukunftsorientierten Experimenten gestellt werden. In diesem unverwechselbaren Klangkosmos finden subtile bis hämmernde elektronische Erkundungen ebenso Platz, wie instrumentale Klangereignisse und expressive Solos der Musiker.

Beim Mikrofestival für improvisierte Musik „Sonar 2018“ war das ICI-Ensemble Ende Februar an zwei Tagen zu je drei Konzertblöcken in unterschiedlichen Besetzungen zu erleben: Nach einer klangintensiven Zwiesprache am 24.2. mit der Amerikanerin Liz Allbee – die mit Trompete und Elektronik „unerhörte“ Klang- und Geräuschwelten heraufbeschwört, traten die „International Composers & Improvisers“ am 25.2. gemeinsam mit dem Trio Now auf die Bühne, das mit überbordender Experimentierfreude und wildem Denken eine Kunst des Widerständigen kreiert.

10 + 2 Jahre Ensemble Zeitsprung

Wie eine Zentrifuge wirkt das Logo des Ensemble Zeitsprung – und weißt damit auf eine mögliche programmatische Fassung seiner Aktivitäten: „Zurück in die Zukunft“. Auf den Programmen der Münchner Formation, die 2016 ihr 10-jähriges Jubiläum gefeiert hat, stehen sich oft alt und neu gegenüber und wird Tradition und Innovation in einen Dialog gesetzt: Iannis Xenakis und Henri Dutilleux erklingen in einem Atemzug mit Georg Friedrich Telemann und Johann Sebastian Bach; Münchner Komponisten wie Volker Nickel und Johannes X. Schachtner werden mit Klassikern der Moderne wie György Ligeti oder auch aktuellen Größen wie Carola Bauckholt kombiniert, mit deren Werk „Zugvögel“ das Ensemble 2017 Expeditionen in die „Zoomusikologie“ unternommen hat.

Das Ensemble Zeitsprung ist das, was man klassischerweise „Solisten-ensemble“ nennt: Die Stammbesetzung umfasst unter der Leitung von Markus Elsner ein gutes Dutzend Musiker, Auftritte finden in variabler Besetzung vom Solo bis zum Kammerorchester statt. Die kammermusikalischen Aktivitäten werden erweitert durch gemeinsame Projekte mit anderen freien Formationen, etwa dem via-nova-chor München, dem Berliner Sonar Quartett oder dem Quasars Ensemble aus Bratislava. Seit 2011 gibt es eine regelmäßige Kooperation mit den Tagen der Neuen Musik Bamberg. Entscheidend aber ist die intensive Zusammenarbeit mit Komponisten von heute, denen sich das Ensemble Zeitsprung als flexibles „Instrument“ anbietet. Mit seinen nun zwölf Jahren ist das Ensemble Zeitsprung mittlerweile zum Teenager geworden, dennoch liegt den Musikern nicht zuletzt die Vermittlung am Herzen – das zeigt sich etwa in der Gesprächskonzertreihe „2 x hören“. Um Hörgewohnheiten zu schulen, wird hier ein Werk zweimal in voller Länge aufgeführt, dazwischen gibt es eine Gesprächsrunde, in der Zugangswege aufgezeigt und Neugierde geweckt werden. Darüber hinaus hat das Ensemble eindrucksvolle musikalische Reifezeugnisse vorgelegt – davon zeugen Konzertmitschnitte verschiedener Rundfunkanstalten sowie CD-Produktionen.

Vielversprechend ist der Konzertkalender 2018: Nach „ZEITSPRUNG 31“, wo im Kleinen Konzertsaal des Münchner Gasteigs Tom Smith, Louis Andriessen, Iannis Xenakis, Donald Martino und Henri Dutilleux auf dem Programm stehen, darf die erste Gesamtaufführung von Mark Andres Triptychon „riss“ als Höhepunkt des Konzertjahres gelten. Das Werk kreist um die existentielle Frage: „Wo liegt die Schwelle, wo liegen die Grenzen des Wissens, der Notation, der Klangerfahrung?“ An einer Antwort versuchte sich 2014 das Ensemble Modern in der Uraufführung des zweiten  Teils von „riss“; 2016 folgte der dritte Teil in einer Interpretation der Musikfabrik Köln und der erste mit dem Ensemble intercontemporain. Am 29. März komplettiert das Ensemble Zeitsprung die illustre Runde mit der Premiere des Gesamtzyklus im Schwere Reiter München.

Berlins vierte Kraft – 40 Jahre Neuköllner Oper

Neukölln gilt manchen als Problemviertel, anderen als eine von Gentrifizierung bedrohte Hipsterzentrale. Dass der Berliner Stadtteil auch hochkulturelles Zentrum ist, wird oft unterschlagen – dabei kann er in Sachen Musiktheater nach der Staats- sowie der Deutschen und Komischen Oper als Berlins vierte Kraft gelten: In 40 Jahren wurden an der Neuköllner Oper 220 Ur- und Erstaufführungen aller Genres realisiert.

Das Privattheater wird projektweise durch Geldgeber wie dem Hauptstadtkulturfonds oder der Kulturstiftung des Bundes bezuschusst; über die Konzeptförderung des Berliner Senats erhält es regelmäßige Unterstützung für seine konzeptuelle Arbeit, die von einem dreiköpfigen Direktorium paritätisch geleitet wird. Die Neuköllner Oper versteht sich als „Autoren- und Uraufführungs-Musiktheater aller und zwischen allen Sparten: mit offenen, dynamischen und kreativen Musikbegriff und im Miteinander von E und U“. Zeitgenössisch meint hier „Stücke für ein breites Publikum jenseits modischer Nischen und selbstreferenzieller Fachkreise“, Kooperationen mit der UdK Berlin und der HfM Hanns Eisler sowie vielfältige Initiativen in Kultureller Bildung sollen die Oper zukunftsfähig machen. Auch der Standort Neukölln wird groß geschrieben, indem Vielfalt und Integration kulturell vorgelebt werden: etwa mit Deutschlands erstem deutsch-türkischen Musiktheater.

Im 40. Jahr gibt sich die Oper politisch und geschichtsbewusst: So werden in Der Schuss mit Musik von Arash Safaian die Ereignisse vom 2. Juni 1967 reflektiert: der Tod Benno Ohnesorgs, der die Studentenrevolten von 1968 vor 50 Jahren einleitete. „Welcome to Hell“ ist ein Musical von Peter Michael von der Nahmer und Peter Lund, das den Hamburger G20-Gipfel reflektiert: „Mitten rein in die zweitgrößte deutsche Stadt hat die Politik diese hochexplosive Veranstaltung gepflanzt, und wenn’s darum geht, möglichst wenig Dialog zu schaffen und möglichst viel Wut zu schüren, ist die Rechnung glorios aufgegangen.“ „Fuck the facts“ schließlich befragt das postfaktische Zeitalter mit musikalischen Mitteln: „Willkommen im Zeitalter der Selbstermächtigung. Einfach den Rechner anschalten und twittern, posten und trollen was das Zeug hält […]. Ob Fake, ob Fakt oder Fiktion? Egal.“ In Happiness Unlimited schließlich wird das Theater selbst auf seine gegenwärtigen Potentiale befragt: „Was, wenn es wieder ein Ritual wäre, Fest, Begegnung, Raum der Erfahrungen, […] in dem Künstler und Publikum gemeinsam hören, fühlen, erleben und machen, sich einlassen auf Klang, Rhythmus und den eigenen Pulsschlag?“

Genau das darf als konzeptueller Ansatz und Verdienst der vierten Kraft in der Berliner Opernlandschaft gelten: Die Neuköllner Oper steht für ein vitales und angewandtes Musiktheater, will ein Ort aktueller und emotionaler Reflexion mit Spaßfaktor sein: nicht reich aber sexy, ist es gleichermaßen ein Podium für Unterhaltung sowie eine Bühne der Politik – sind sich die beiden Sphären im Inszenierungscharakter doch so ähnlich …

15 Jahre Internationale Ensemble Modern Akademie

Das Ensemble Modern ist der BMW unter den Avantgardeformationen; in dieser Logik ist die Internationale Ensemble Modern Akademie der Mini-Cooper der Moderne. Mittlerweile ist die IEMA schon 15 Jahre alt, ihre Pubertät aber verläuft unproblematisch. Nicht „Freude am Fahren“, sondern „Liebe zu Moderne“ könnte der Slogan des ‚kleinen‘ Ensemble Modern lauten, das sich einer nachhaltigen Nachwuchsarbeit verschrieben hat: von Kindern und Jugendlichen, über Studierende am Ende ihrer Ausbildung bis hin zu jungen Musikern im Berufsleben.

Im Bereich ‚Education‘ ist die IEMA einer der Partner beim „KulturTagJahr“: Einmal wöchentlich unternehmen alle Schüler einer Jahrgangsstufe mit Musikern des Ensemble Modern eine künstlerische Entdeckungsreise, indem sie eigene Klänge und Kompositionen kreieren. Für Preisträger des Bundeswettbewerbs „Jugend musiziert“ wird der Meisterkurs „epoche_f“ als vertiefter Einstieg angeboten. Noch eine Altersgruppe darüber können sich Studienabsolventen auf dem Weg zum Berufsmusiker um ein Stipendium beim einjährigen Masterstudiengang „Internationale Ensemble Modern Akademie“ bewerben, der seit 2006 in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main für junge Instrumentalisten, Dirigenten, Komponisten und Klangregisseure angeboten wird. Dort unterrichten Mitglieder des Ensemble Modern als Dozenten, unterstützt von namhaften Dirigenten und arrivierten Komponisten wie Helmut Lachenmann, Hans Zender und Lucas Vis. Die Ergebnisse der Arbeit präsentiert das jeweils aktuelle IEMA-Ensemble in über 30 Konzerten pro Jahr im In- und Ausland bei Branchenführern der Neuen Musik: von den Wittener Tagen für Neue Kammermusik, über die Gaudeamus Muziekweek bis zum Kurt Weill Fest Dessau.  Im „Internationalen Kompositionsseminar“ wird Nachwuchskomponisten ein wichtiges Forum geboten, im Rahmen dessen  sie ihre Werke über mehrere Phasen mit dem Ensemble Modern selbst erarbeiten können,  Ebenso gehören Meisterkurse für Instrumentalisten und Dirigenten selbstverständlich zum Portfolio der IEMA, wie beispielsweise jedes Jahres beim Klangspurenfestival Schwaz in Tirol.

Die IEMA profitiert vom Ensemble Modern wie ein Unternehmen von seinem Mutterkonzern, der durch internationale Zusammenschlüsse und Kooperationen ein echter Global Player der Neuen Musik geworden ist. Auch die IEMA agiert auf internationaler Ebene, beispielsweise als Partner im  2012 gemeinsam mit 13 weiteren europäischen Musikinstitutionen gegründeten „Ulysses Netzwerks“. Die Investitionen des Ensemble Modern in die Ausbildung des musikalischen Nachwuchses im Rahmen seiner Akademie zeigen Wirkung auf dem Markt: Neue Ensembles für zeitgenössische Musik sind aus ihr hervorgegangen, wie das Ensemble Interface, Mobile Beats Ensemble, MAM – Manufaktur für aktuelle Musik oder das Trio Catch. Zudem haben die inzwischen über 200 Absolventen des Studiengangs die Möglichkeit, regelmäßig an Projekten des Ensemble Modern Orchestra teilzunehmen. Es würde nicht wundern, wenn das Ensemble Modern bald an der Börse notiert wäre – sein Standort in „Mainhattan“ läge schon einmal güns­tig.

Uraufführung von Moritz Eggerts „Bettleropera“ in der Neuköllner Oper 2017. Foto: Neuköllner Oper
Ensemble Modern Mitglied Michael M. Kasper unterrichtet als Dozent im Masterstudiengang, 2017. Foto: Barbara Fahle

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