Frei von Kommerz und falschem Geltungsdrang

Eindrücke vom Pan Music Festival in Seoul · Von Christian Rabenda


(nmz) -
Wenn es in einem Programmheft heißt, ein Werk sei asiatisch inspiriert, ist das in aller Regel ein Alarmsignal. Allzu oft nämlich fühlen sich von dieser Inspiration heimgesuchte Komponisten – asiatische wie westliche — von jedem Qualitätsanspruch an ihre Musik befreit. Mal findet sich ein asiatisches Ins-trument als einzige Kuriosität in einem Stück, das besser ohne jenes ausgekommen wäre. Mal bekommt der Zuhörer einen Brei aus Neoromantik, Weltmusik und asiatischen Klangklischees serviert.
Ein Artikel von Christian Rabenda

Ein ganz anderes Bild bietet das Goodmori Ensemble aus dem südkoreanischen Daegu. Mit traditionell koreanischen und klassisch europäischen Instrumenten besetzt, setzen sich die Interpreten unter Leitung der Komponistin Eunsil Kwon für die Etablierung ihres Instrumentariums in der Neuen Musik ein. Und das mit großem Erfolg. Im Rahmen des diesjährigen Pan Music Festivals präsentierte das Ensemble sieben Werke koreanischer Komponisten. Keine Spur von Asia-Kitsch oder ungelenker Ins-trumentation, stattdessen ein solch souveräner Umgang mit den traditionellen Instrumenten als gehörten diese schon jeher zur Neuen Musik.

Genau richtig platzierte Seungyeong Park beispielsweise die zweiseitige Geige Haegeum in ihrem Stück „A Filled Blank„ für Gayageum, Haegeum und Klavier. Der großen Bedeutung freier Flächen in der asiatischen Malerei nachspürend lässt, sie fanfarenhafte Klavierimpulse in zarte Haegeumbögen münden, durch den hohen Rauschanteil des Instruments so leicht und luftig, dass man sich an den fein strukturierten Weißraum unbemalter Leinwandflächen erinnern kann.

Ein nicht ganz reiner, geradezu etwas schmutziger Klangcharakter ist eine Konstante des koreanischen Instrumentariums. Obwohl die Geschichte der Instrumente bisweilen tausend Jahre zurückreicht, hat eine an Perfektions- und Reinheitsidealen orientierte Entwicklung wie in Europa nicht stattgefunden. Die Wölbbrettzither Gayageum etwa, zeichnet sich durch einen charakteristisch stumpfen Klang aus, der an eine fehlerhaft gegriffenen Gitarre erinnert. Gleich drei Stücke zeigten jedoch die große Bandbreite, auf der sich dieses Instrument einsetzen lässt: Während Eunseon Jeong in „Recollection“ für Gayageum und die Bambusquerflöte Daegeum dem Instrument eine lautenartige Klarheit entlockt, fühlt man sich in Juyeong Chois jazzig-poppigem „Gradual“ für zwei Gayageums und Bongos eher an eine verzerrte E-Gitarre erinnert.

Gelungene Ost-West-Fusionen

Ein wahres Meisterwerk ist „Ariarirang“ für Gayageum und Klavier von Yoori Kim. Besonders bravourös widerstand die in Lübeck ausgebildete Komponistin der Versuchung kitschiger Klischees. Diese dürfte nicht gering gewesen sein, basieren Werk und Titel doch auf dem berühmten koreanischen Volkslied „Arirang“. Yoori Kim lässt die beiden Instrumente eine – wie sie es nennt – komponierte Improvisation spielen, in der immer wieder kürzere und längere Teile der Originalmelodie durchscheinen. Dabei arbeitet sie die für beide Instrumente so charakteristischen, gleichwohl ganz unterschiedlichen, warmen, hölzernen Klangfarben so heraus, dass sie sich gegenseitig verstärken und zu einem neuen Ganzen verbinden. Wenn dann am Schluss noch die Gaygeumistin, auf den Liedcharakter verweisend, ihre Stimme zu kurzen, improvisationsartigen Einwürfen erhebt, darf man durchaus von einer gelungenen Fusion von Ost und West sprechen.

Ost, West, Fusion, Brückenschlag. Das sind Schlagworte und Diskurse, die aus der neuen Musik Asiens und Koreas nicht wegzudenken sind. Worum geht es also beim Komponieren mit traditionellen koreanischen Instrumenten? Um Repräsentation kultureller Identität? Um das Erschließen neuen Klangmaterials? Die Macher des Festivals sind sich da nicht ganz einig.

Für Seungwoo Paik, Komponist, Präsident der koreanischen Gesellschaft für neue Musik und seit 2007 künstlerischer Leiter des Pan Music Festivals, steht das Kulturelle im Vordergrund. Für koreanische Komponisten sollte es doch eigentlich ganz normal sein, mit dem eigenen Instrumentarium zu arbeiten. Wenig Gelegenheiten gebe es jedoch dazu, deshalb habe man eben eine solche geschaffen. Dass ihn in seiner eigenen Musik das Koreanische eigentlich nicht interessiere, gibt Paik freimütig zu. Avantgarde, Fortschritt, das sei seine Sache, dafür wolle er Publikum und Studenten interessieren. Es sei denn, ja, es sei denn eines seiner Werke werde im Ausland uraufgeführt. Dann wolle er dem Publikum auch etwas typisch Koreanisches bieten und komponiere ganz bewusst im Stile eines frühen Isang Yun. Ist das nun vorauseilender Gehorsam dem Exotismus frönenden Zuhörern gegenüber? Oder ein Symptom des in Korea so allgegenwärtigen Nationalstolzes?

Der Komponist Wonsuk Choi ist eine Generation jünger als Paik und hat anders als jener nicht in Deutschland, sondern in Amerika studiert. Als Kurator ist er der eigentlich Verantwortliche für das Festival. Koreanische Instrumente gehören für ihn in die traditionelle Musik. In der Neuen Musik könnten sie allenfalls als Materialquellen dienen, als Repräsentation eines Koreanischseins taugten sie jedenfalls nicht. Korea sei doch heute genauso Teil der globalisierten Welt wie westliche Länder, Gesellschaft und Lebensstil seien von anderen Industrienationen nicht zu unterscheiden und koreanische Nationalkultur allenfalls ein Nebenaspekt individueller Prägung. Aus Amerika hat Choi seine Begeisterung für Vielfalt mitgebracht: Vielfalt kultureller wie persönlicher Hintergründe und Vorlieben und daraus resultierend Vielfalt in der Musik. Wenn es so etwas wie eine koreanische neue Musik gebe, meint Choi, dann könne das nur ein koranischer Zweig internationaler Vielfalt sein.

Eine Fortsetzung fand die Beschäftigung mit ungewöhnlichen Klangerzeugern im Konzert des Ensembles 21C Baroque, das mit europäischen Barockinstrumenten Neue Musik macht. Seungwoo Paik sieht hierin das kulturell ganz ferne, gewissermaßen den Ausgleich zu den koreanischen Instrumenten. Der Reiz dieses Konzerts lag allerdings vor allem im Klanglichen. In Yieun Chuns „Broken Clocks“ für Cembalo und Cello zum Beispiel, ein Stück deutlich von der amerikanischen Minimal Music beeinflusst, hämmert die Cembalistin energisch Akkordwiederholungen ins Instrument. Ob seiner geringen dynamischen Potenz erinnert dessen Klang aber eher an das verhaltene Plärren aus Videospielen der achtziger Jahre. Dass die Blockflöte alles andere als ein plumpes Instrument ist, mit weniger Luft und mehr Präsenz der Querflöte in puncto Filigranität sogar überlegen sein kann, zeigte Mansick Shin in seinem Blockflötensolo „Island Sketch“.

Festival-Konkurrenz

Die Auseinandersetzung mit musikalischer Identität wurde dem Pan Music Festival schon in die Wiege gelegt. Gegründet wurde es von Seungwoo Paiks Lehrer Sukhi Kang, dem Isang-Yun-Schüler, der als der erste gilt, der Neue Musik im westlichen Sinne in Korea bekannt machte. Mit fünfundvierzig Ausgaben ist das Aushängeschild der koreanischen Abteilung der internationalen Gesellschaft für neue Musik das älteste Neue-Musik-Festival in Korea, in Größe und Bedeutung aber inzwischen von zwei anderen Festivals überholt worden: Im Fischer- und Ausflugs-idyll Tongyeong, Isang Yuns Geburtsstadt, findet seit dem Jahr 2000 ein Festival statt, das inzwischen über eine eigene Konzerthalle verfügt und von dem Deutschen Florian Riem zu kommerziell erfolgreichen Klassikfestspielen umgebaut wird, in der Neuer Musik eine immer geringere Bedeutung zukommt. Und die ansonsten eher graue Industriestadt Daegu hat sich unter der Leitung einer Gruppe weiblicher Komponistinnen zu einem Neue-Musik-Zentrum entwickelt, in das alljährlich Busladungen voll Studenten aus dem ganzen Land gebracht werden, um den Festivalkonzerten zu lauschen.

Das Pan Music Festival hingegen findet in der Hauptstadt Seoul statt. Es lässt sich streiten, ob die Millionenmetropole nun ein besonders guter Ort – so viele Menschen, so viele Musiker, so viel potenzielles Publikum – oder ein besonders schlechter – so viele andere Musikereignisse – für ein Festival ist. Geht man nach den Zuschauerzahlen scheint jedenfalls Letzteres zu gelten. Seit drei Jahren werden die drei Konzerte in Seoul deshalb von je einem weiteren in Gwangju, Daegu und auf der Urlaubsinsel Jeju – zum Teil mit Wiederholungen des Seouler Programms – ergänzt. So wolle man die Neue Musik auch dorthin bringen, wo sie sonst allenfalls über YouTube zugänglich wäre, erklärt Seungwoo Paik.

Neben den koreanischen und barocken Instrumenten wurde in den übrigen Konzerten dieses Jahres konventionelle neue Ensemblemusik geboten. Auch hier zeigten sich ein hohes Maß handwerklichen Könnens und Kreativität. Auch von dem in der koreanischen Gesellschaft allgegenwärtigen Pathos blieben die Zuhörer dankenswerter Weise verschont. Dennoch lässt sich in den meisten Werken ein gewisser Konservativismus ausmachen. Wirklich Radikales hörte man nicht. Das ist bedauerlich. Gar nicht auszudenken, welche Möglichkeiten sich böten, näherte man sich den koreanischen und barocken Instrumenten in Lachenmann’scher Manier, entlockte man ihnen auch unbequeme Klänge.

Und das ist vielleicht dann doch eine koreanische Eigenart. So sehr das Klischee vom asiatischen Harmoniestreben auch überhöht wird, so hat es doch einen wahren Kern. Anecken möchten Koreaner in aller Regel nicht. Provokation ist verpönt, das Streben, möglichst unauffälliger Teil der Masse zu bleiben, unübersehbar. Der Mut, herauszubrechen, ist den koreanischen Komponisten da zu wünschen. Das Potential zu mehr als Entspannungsmusik für Neue-Musik-Liebhaber haben sie schon. Und dem Pan Music Festival ist es zu danken, dass es frei von Kommerz und falschem Geltungsdrang den Blick auf dieses Potenzial freilegt. 

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