Fruchtbare Annäherungen, starke Novitäten

Die 17. Weimarer Frühjahrstage für zeitgenössische Musik mit Asienschwerpunkt


(nmz) -
Die Weimarer Frühjahrstage für zeitgenössische Musik zeichnen sich traditionell durch sympathische, programmatische Offenheit aus und bieten neben arrivierten „Stammgästen“ vielen jungen Musiker/-innen und Komponist/-innen eine Plattform. Das garantiert Entdeckungen und die stattliche Anzahl von annähernd 30 Uraufführungen sprach 2016 für sich, auch wenn angesichts der Menge des Dargebotenen nicht immer alles Gold sein kann, was da glänzt. Das vom via nova e.V. unter Leitung von Johannes K. Hildebrandt in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Komponistenverband ausgetragene Festival will sich nicht durch thematische Vorgaben einengen lassen, dennoch gibt es inhaltliche Schwerpunkte. Diesjährig standen musikalische Brückenschläge zwischen Europa und Asien besonders im Blickpunkt.
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

Ansatzweise war das schon im Eröffnungskonzert zu spüren, das von Studierenden der Kompositions- und Flötenklassen der Hochschule für Musik Franz Liszt bestritten wurde. Dort gab es durchweg sehr intensiv und präzise gespielte Solo-Stücke zu hören. In Werken von Pionieren fruchtbarer Dialoge eines europäischen und asiatischen Musikdenkens (Toru Takemitsu, Isang Yun, Younghi Pagh-Paan) oder jüngeren asiatischen Komponistinnen (Megumi Okuda, Sujin Lee) wurden alle Register eines progressiven Flötenspiels gezogen: differenzierte Einbeziehung von Multiphonics, Geräuschfarben, Mischklänge von Stimme und Instrument allerorten. Die klanglichen Potentiale der Flöte sind in der Neuen Musik hinreichend erkundet, es war jedoch interessant zu beobachten, wie ursprünglich „asiatische“ Artikulationstechniken quasi zur Selbstverständlichkeit in der expressiven Erkundung der Flöte auch bei europäischen Komponisten avanciert sind.

Substantielle Auseinandersetzungen mit Instrumenten aus Japan und Korea waren im Konzert mit dem koreanischen Good Mori Ensemble und der japanischen Koto-Meisterin Naoko Kikuchi in zahlreichen Uraufführungen zu beobachten. Die kompositorische Begegnung mit dem traditionellen Instrumentarium ostasiatischer Musik (u.a. Haegum, Gayageum, Koto und Janggu) hatte keinen exotistischen Klangtourismus zu Folge, sondern inspirierte spannende „Annäherungen“ (so ein Stück von Johannes K. Hildebrandt). Das geschah auf allen erdenklichen Weisen zwischen tief in den Einzelklang hineinlauschendem Fragmentarismus und spielerischer Expressivität: mit differenzierten Geräuschfarben und perkussiven Akzenten (Andrea Cavallari, Eunsil Kwon u.a.), als musikalische Burleske (Helmut Zapf) oder spannende Interaktion eines präparierten und im Inneren (mit Bogenhaaren) gestrichen Klavieres mit den Langbrettzithern (Hildebrandts „Ferne Nähe“). Es fällt schwer, aus der Vielzahl der Kompositionen des sehr umfangreich konzipierten Abends etwas herauszuheben. Ein bisschen schade, dass die Gelegenheit ungenutzt blieb, neben den ideenreichen Erkundungen aus der Gegenwartsperspektive, auch einmal traditionelle koreanische oder japanische Hofmusik vorzustellen …

Den Höhepunkt der Frühjahrstage markiert in jedem Jahr der internationale Kompositionswettbewerb. Auch 2016 waren hier die interessantesten Kompositionen des Festivaljahrgangs zu entdecken, allesamt starke Stücke (in der Jury die Komponisten Johannes K. Hildebrandt, Gwyn Pritchard, Alexander Strauch und Mario Wiegand)! Im Preisträgerkonzert stellte ein beherzt aufspielendes Loh-Orchester unter Markus L. Frank Kompositionen für Marimba und Orchester vor, die von Solistin Sabrina Ma fulminant in Szene gesetzt wurden. Ein tolles Konzert, das auch deshalb richtig Spaß machte, weil das Orchester aus Sondershausen hier keinen Dienst nach Vorschrift machte, sondern sich richtig ins Zeug legte und die Trommelattacken von Steven Heeleins „Nachtheiler“ mit gehöriger Wucht durchs E-Werk schickte. Das impulsive, auf extreme Kontraste angelegte Stück klang in seiner dämonischen Urwüchsigkeit fast als wäre der frühe Rihm wieder auferstanden und verfehlte seine Wirkung nicht: Publikumspreis. Die Jury entschied sich für „Trames VI“ von Thorsten Werner Hansen, sicher das handwerklich elaboriertere, aber auch gediegenere Stück, das komplexe Interaktionen und Resonanzen aus dem Verhältnis von Solist und Orchester entwickelte. Der japanische Komponist Sumio Kobayashi hatte es vielleicht etwas schwer mit der adäquaten Umsetzung feiner mikrotonaler Prozesse, die in „Requiems“ anmuteten, als hätte er tonale Musik aus Klassik und Romantik kompositorisch von der Tafel gewischt und nur noch Spuren in unterschiedlicher Deutlichkeit durch die mikrointervallische Oberfläche schimmern lassen.

Im Kammermusikwettbewerb, wo Trios und Quartette von Ivan Gonzalez Escuder, Fredrik Zeller und Sonja Mutic im Finale standen, waren sich alle einig: Sonja Mutics „Weiß“ für Violine, Violoncello, Akkordeon und Klavier verzauberte mit einer Konzentration der Mittel, die ein Hören auf vorderster Stuhlkante provozierte. „Einfachheit, Reinheit, Leere, Isolation und Entfernung“ waren Merkmale, die Mutic der charismatischen „Nicht-Farbe“ attestierte und sich in einem Stück wiederfanden, das irisierende Flächen und feinste Interferenzen, ätherische Zwischenwerte aus Ton und Geräusch in loopartigen Vernetzungen produzierte – eine vielschichtige Klang-„Monochromie“ mit Frequenzen am Rande des Wahrnehmbaren. Am Ende nicht zu vergessen: das Schülerprojekt „Klassentreffen“, wo zusammen mit dem Landesjugendensemble Neue Musik Thüringen Komponisten und Schüler aus Erfurt, Weimar, Jena und Zeulenroda Stücke erarbeiteten, die sich mit dem Zusammenhang von Sehen und Hören beschäftigten, und dabei Flüchtlingskinder aus Syrien, Afghanistan und dem Libanon einbezogen.

Die Weimarer Frühjahrstage zeigten sich also auch 2016 als unverzichtbarer Bestandteil der Kulturlandschaft Thüringens, der mit viel Herzblut und ohne ästhetische Scheuklappen vielerlei Möglichkeiten zeitgenössischen Komponierens präsentierte. Dies muss in Zeiten aggressiver Thüringer Kulturminimierungs-Planspiele leider eigens betont werden: Wenn man sich jüngste „Ideen“ zur Zukunft des „Kunstfest Weimar“ vergegenwärtigt, kann einem ja nur Angst und Bange werden …

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