Für alle Eventualitäten vorbereitet

100 Jahre Hochschule für evangelische Kirchenmusik Bayreuth: Rektor Wolfgang Döberlein im Gespräch


(nmz) -
Die Hochschule für evangelische Kirchenmusik Bayreuth feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag, denn 1921 wurde die Privatorganistenschule in Bayreuth gegründet. Weitere Vorgängerinstitutionen waren die Kirchenmusikschule der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern und ab 1973 die Staatlich anerkannte Fachakademie für evangelische Kirchenmusik, bevor 2000 die heutige Hochschule als Nachfolgeinstitut neu gegründet wurde. Für die nmz sprach Juan Martin Koch mit Wolfgang Döberlein, langjähriger Professor für Klavier und Kammermusik in Bayreuth und seit 2019 Rektor der Hochschule.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

neue musikzeitung: Zunächst einmal: Herzlichen Glückwunsch! Konnten Sie Ihr Jubiläum schon richtig feiern?

Wolfgang Döberlein: Wir hatten großes Glück, weil die Corona-Öffnungen, die wir brauchten, Ende Juni, Anfang Juli in Kraft getreten sind. So konnten wir mit einem Jubiläums-Orgelkonzert am 14. Juli starten, genau hundert Jahre nach Gründung der Privatorganistenschule. Matthias Neumann präsentierte den 3. Teil der „Clavierübung“ von Bach sowie Uraufführungen unserer Hochschulkomponisten. Einen Festgottesdienst, in dem auch unser neuer Orgelprofessor Lucas Pohle eingeführt wurde, konnten wir am 24. Juli feiern. Den Festvortrag hielt der Ehrenpräsident des Bayerischen Musikrates, Dr. Thomas Goppel.

nmz: Wie ist die Hochschule bisher durch die Pandemie gekommen?

Döberlein: Im Ergebnis gut, denke ich. Nach den ersten fünf, sechs Wochen im ersten Lockdown, in denen gar nichts ging, konnten wir ab Mai mit hohen Sicherheitsauflagen wieder Präsenzunterricht im künstlerischen Bereich anbieten – einzeln oder in kleinen Gruppen; die theoretischen Fächer fanden online statt. Es ist aber schon eine Aufgabe, das Schiff jetzt wieder richtig zum Fahren zu bringen. Der Regelungsbedarf ist immens, denn wir haben vom dreijährigen Kind im Krabbelchor bis zum externen Konzertsänger im Chor alles dabei…

nmz: Haben Sie an den Bewerberzahlen Auswirkungen der Pandemie gespürt?

Döberlein: Eigentlich nicht. Wir haben stabile Bewerberzahlen – das Kirchenmusikstudium ist ja nicht so stark nachgefragt wie andere Musikstudiengänge – , aber es gibt bei denen, die jetzt kommen, eine gewisse Unsicherheit, etwa in den Disziplinen, die um den Chor kreisen. Hier gab es die größten Einschränkungen, natürlich auch bei uns in der Ausbildung – das wäre eine Ergänzung zu dem, was ich eben sagte. Was uns im Hinblick auf internationale Bewerbungen geholfen hat, war die Möglichkeit, im Sommer digitale Eignungsprüfungen durchzuführen.

nmz: Wie sind die Studierendenzahlen aktuell bei Ihnen?

Döberlein: Wir haben im Moment 36 Vollstudierende, und die Hochschule ist ziemlich genau für diese Zahl ausgelegt; davon sind 23 Kirchenmusiker. Wir haben ja darüber hinaus auch ein pädagogisches und künstlerisches Angebot, das Disziplinen aufgreift, die in enger Beziehung zur Kirchenmusik stehen.

nmz: Das wären zum Beispiel Kirchenmusikpädagogik und Jazz-Rock-Pop-Piano. Warum bieten Sie das an?

Döberlein: Das hat mit dem Berufsbild zu tun. Wir sind eine kirchliche Musikhochschule und haben einerseits den Anspruch, die künstlerische Exzellenz bedienen zu können, aber andererseits schauen wir auch darauf, was die Absolventen in der beruflichen Praxis erwartet. Auch daran richten wir unser Angebot aus. Für mich ist der ideale Absolvent der, der für alle Eventualitäten, die ihn erwarten, vorbereitet ist. Popularmusik ist nach wie vor ein großes Thema in der Kirche. Wenn jemand bei uns Bachelor Kirchenmusik studiert, muss er sich damit befassen, kann aber darüber entscheiden, in welchem Umfang: als Grundlagen- oder als Schwerpunktfach. Es war außerdem immer eine Philosophie der Hochschule, mit den postgradualen Studiengängen die Möglichkeit zu bieten, Dinge zu vertiefen, die man vorher gerne mehr gemacht hätte, aber keine Gelegenheit dazu fand. Die Stellenausschreibungen für Kirchenmusiker sind heutzutage ziemlich breit, die kommunikative Kompetenz ist in Zeiten wie diesen ungeheuer gefragt. Deshalb haben wir ja diese bundesweit einzige Professur für Kirchenmusikpädagogik. Das hat sich auch bewährt.

nmz: „Mach Kirchenmusik“ heißt eine Kampagne Ihrer Hochschule, des Verbandes Evangelischer Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker in Bayern und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche. Wen wollen Sie damit ansprechen?

Döberlein: Diese Kampagne haben wir 2019 auf den Weg gebracht, und es war natürlich schade, dass sie dann ab März 2020 ausgebremst wurde. Sie ist deswegen ein wichtiger Impuls, weil wir als Hochschule gemeinsam mit diesen Partnern für die Ausbildung sowohl im nebenberuflichen Bereich als auch für das Studium werben. Wir sprechen damit also ganz unterschiedliche Zielgruppen an. Bayern ist ja eine Flächenlandeskirche mit 104 hauptberuflichen Stellen. Wir brauchen somit einerseits den professionellen Nachwuchs, den wir ausbilden. Daneben ist eine kirchenmusikalische Grundversorgung aber natürlich nur möglich, wenn entsprechend viele Kräfte im Neben- und Ehrenamt aktiv sind, die wiederum nur von den Hauptberuflern ausgebildet werden können. Diese ziehen in der bayerischen Landeskirche um die 70.000 Neben- und Ehrenamtliche hinter sich her. Und hier gibt es dann zwei Möglichkeiten: Wenn jemand eine C-Prüfung ablegen will, dann kann er das bei uns im Rahmen eines Gaststudienjahres, aber eben auch bei den Dekanatskantoren machen.

nmz: Ist es ohne weiteres möglich, diese hauptamtlichen Stellen zu besetzen, oder andersherum gefragt: Wie sind die Berufsaussichten Ihrer Absolventen?

Döberlein: Unsere Absolventen haben alle hauptberufliche Stellen bekommen – wenn sie es wollten. Die Berufssicherheit ist sehr hoch, und so wie sich die personelle Situation entwickelt, werden wir noch mehr Nachwuchs brauchen. Die Möglichkeiten, sich in der Kirchenmusik eine Existenz aufzubauen, sind besser denn je. Wir müssen aber um Studierende werben, um die Stellen besetzt zu bekommen, Nachwuchsgewinnung bleibt ein Thema.

nmz: Der Musikwissenschaftler Rainer Bayreuther, der an Ihrer Hochschule Musikgeschichte lehrt, hat kürzlich ein Buch vorgelegt: „Der Sound Gottes. Kirchenmusik neu denken“ (Claudius-Verlag, München). Darin stellt er die Tradition der Kirchenmusik ziemlich radikal in Frage und argumentiert unter anderem mit einer realen Präsenz Gottes im Klang, auch im digitalen Klang. Wie stehen Sie, als Hochschule und ganz persönlich, zu seinem Denkanstoß?

Döberlein: Dieses Buch hat bundesweit hohe Wellen geschlagen. Es ist zunächst einmal die Meinungsäußerung eines sich frei artikulierenden Wissenschaftlers, aber leider wurde das Buch an einigen Stellen auch so verstanden, als stünde es für die Positionen der Hochschule. Wir aber stehen für die komplette Breite der Kirchenmusik, das heißt, bei uns ist eine historisch informierte Aufführungspraxis ebenso Teil der Ausbildung wie die Studierenden auch mit digitalen Kompetenzen befasst werden. Wir integrieren also durchaus neue Ansätze da, wo sie der Sache förderlich sind. Distanziert haben wir uns auch von den Angriffen gegen die Praxis der etablierten – ich sage bewusst nicht traditionellen – Kirchenmusik. Und eine Gotteserfahrung in der Musik ist ja immer individuell und nicht normier- oder definierbar. Ich persönlich werde hier wohl eher in einer gemeinschaftlich erlebten Bach-Passion als in digitalen Klangereignissen fündig werden, aber das bleibt ja jedem selbst überlassen. Und ich bin auch der Meinung, dass der Ton des Buches eine breite konstruktive Diskussion nicht begünstigt hat.

nmz: Welche besonderen Veranstaltungen stehen nun im Jubiläumsjahr noch an?

Döberlein: Ein spannender Termin ist das erste Projekt unseres Konzertchores in diesem Jahr am 13. November, mit einer Rarität von Felix Mendelssohn Bartholdy, der selten gespiel­ten, so genannten „Humboldt-Kantate“ für Männerchor und kleines Orches­ter. Als Gegenüberstellung hat unser Chorleitungsprofessor Steven Heelein, der auch ein hochprämierter Komponist ist, ein Werk für Frauenchor und kleines Orchester geschrieben, das in diesem Rahmen uraufgeführt wird: „als nirgends nichts war“, ausgehend vom Wessobrunner Schöpfungsgebet. Außerdem können wir wieder Kurse anbieten: Am 27. November geht es um das Thema „Jazz-Rock-Pop an Orgel und Klavier“, wobei ein ehemaliger Bayreuther Student, Kirchenmusikdirektor Christoph Georgii, der jetzt Beauftragter an der Badischen Landeskirche ist, für den Orgelpart und unser Dr. Victor Alcántara für Klavier verantwortlich ist. Das ist ein Angebot, das sich auch an Kirchenmusiker im Hauptberuf wendet. Außerdem hält vom 28. bis 30. November Prof. Arvid Gast aus Lübeck einen Meisterkurs Orgel bei uns ab.

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