Geballte Frauenpower für den Sommer

Neuveröffentlichungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Neue Platten von Yvonne Catterfeld, Lena, Sol Invictus, Jocelyn B. Smith, Karin Rabhansl und Christina Stürmer.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Christina Stürmer gehört als Österreicherin irgendwie trotzdem zum Gesangsgut der vergangenen deutschsprachigen Gesangswelle. Seit knapp 15 Jahren ist sie dabei, mal mit durchaus ansprechenden Songs, mal aber auch mit Liedern, die nicht weiter erwähnenswert sind. Zeit für einen Rückblick in Form des Albums „Gestern.Heute“. Für die mitgealterten Fans eine Art Chronik, die keine stürmischen wie musikalischen Wünsche offen lässt. Informationspflicht erfüllt (Polydor).

Zugegeben. Für Freunde der hochdeutschen Sprache ist Karin Rabhansl und ihr Album „Anna“ eine Herausforderung. Rein dialekttechnisch, denn bayerische Sprache schwere Sprache. Doch das soll kein Grund sein, dieses wunderbare Album der Gattung „Sängerin und Liedschreiberin“ zu verpassen. Großartige Melodien, oft Akustikgitarren-unterstützt, treffen herrliche Geschichten über das Leben, die uns allen nicht unfremd sind. Dabei hat Karin Rabhansl ein Timbre und eine Art zu fesseln, die uns zuhören lassen muss. Was sehr deutlich wird – hier ist nichts gekünstelt, aufgesetzt oder zusammengeklebt. Karin Rabhansl ist eine der wenigen, die ihre Musik lebt und deren Leben Musik ist. Erwähnenswert noch das Duett mit Stefan Dettl von LaBrassBanda. Auch das wundervoll und gelungen. (Donnerwetter Musik)

Spricht man in Deutschland von Soul, Jazz, Funk oder Pop, dann darf der Name Jocelyn B. Smith sehr gerne und gerechtfertigt fallen. Seit knapp dreißig Jahren lässt sich von und mit Jocelyn B. Smith erfahren, was eine wirklich verdammt gute Stimme bedeutet. Ihr Album „My Way“ braucht da gar nicht als Beweis fungieren. Vielmehr als Fortsetzung der bisherigen, makellosen Karriere. Und als Feierstück der vergangenen dreißig Jahre. Jeder Song des Albums ein Chanson, ein Hinhörer, ein Festakt quasi. Hervorzuheben sind trotzdem „When I need you“, „My way“ und „How much I love you“. Warum? Keine Ahnung. Rein subjektive Empfindungen. (Blodell/Soulfood)

Auch die Anti-Grunge Helden Faith No More trifft also das Comeback- Fieber. „Sol Invictus“, das zugehörige Album zur Frischzellenaufbereitung, ist für Mainstreamanhänger freilich ähnlich sperrig und unanhörbar wie jedes andere Album der Band vorher. Man muss jetzt nicht über Zeitgemäßheit schwadronieren oder jammern, was denn alles früher besser war, denn früher waren Faith No More schlicht und ergreifend besser. Natürlich. Mike Patton scheint nach wie vor der oder ein Ausnahmesänger zu sein, aber das Gedöns um ihn herum bleibt zumindest auf diesem Album als Resteverwertung der Neunziger im Gehörgang kleben und macht ehrlich gesagt keine Lust auf ein weiteres Comebackalbum in 15 Jahren. (Reclamation/Ipecac/Pias)

Nicht zwingend würde man an dieser Stelle eine Plattenvorstellung von Yvonne Catterfeld erwarten. Der einstige Bohlen-Zögling nervte vor vielen Jahren mit ganz grausamen Songs, die schon Fremdschämpotential hatten („Für dich“). Seit einiger Zeit und dem letzten Album scheint sich jedoch etwas zu ändern. Und das aktuelle Album „Lieber so“ stellt vielleicht den letzten Häutungsprozess dar und überrascht auf ganzer Linie. Stimmlich ist etwas gewachsen, man hört Reife, Zufriedenheit und Glück. Textlich scheuert hier und da noch der Betroffenheits-Trog, aber die Songs haben wirklich viel Potenzial und sogar Patina, die schon noch dem Pop zugerechnet werden darf, aber sich weit von der Beliebigkeit früherer Tage entfernt hat. Tolle Nummern wie „Pendel“, der Titelsong „Lieber so“ oder „Ganz großes Kino“ stehen stellvertretend für eine neue Yvonne Catterfeld, die gar nicht so uninteressant klingt. (Polydor)

Ebenso freizuschwimmen wie Yvonne Catterfeld versucht sich ein anderes deutsches Mini-Frauenwunder: Lena. Einst Eurovisions-Siegerin, dann Werbemodel, dann wieder Sängerin. Jetzt mit „Crystal Sky“ auf Emanzipationskurs. Von „der Lena“ zur Frau. Gelingt aber mit diesem Album kaum. Da fehlt einerseits ein Stimmchen, das – siehe Catterfield – etwas zu erzählen hat. Da fehlen andererseits Songs aus dem Bauch und der Mut, eigene Wege breit zu trampeln. Denn „Crystal Sky“ ist eine Melange aus Versatzstücken erfolgreicher amerikanischer Popmusik der letzten Jahre. Ohne Pep, dafür mit viel Kleister und Pomp und Gewolltheit. Einzig „Traffic Lights“ wartet etwas ironisch, vielleicht sogar keck auf. Schade, einst war Lena richtig erfrischend.

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