Gedanken zum Chorsingen im Alter

Weitersingen: Kurse für Menschen im fortgeschrittenen Alter in der Akademie Ochsenhausen


(nmz) -
Die demografische Entwicklung hat nun auch die Chorszene erreicht und fordert dazu auf, auch dem Singen im Alter einen höheren Stellenwert einzuräumen. Musik und Lebensqualität sind durch alle Generationen hindurch gute Partner. Musizieren gegen das Alleinsein, im Musizieren das schöne Gefühl erleben, sich tragen zu lassen, Beschwerden zu vergessen, Emotionen zu leben sowie Spiritualität und Sinnlichkeit zu erleben sind herausragende Motive für das Musizieren, besonders auch für das Singen im dritten Lebensabschnitt. Vitalität, Widerstandskraft, geistige Gesundheit, Musikalität, auch Selbstbewusstsein sind nachweislich Faktoren, die das Leben im Alter lange lebenswert erhalten.
Ein Artikel von Klaus Brecht

 Stimmtraining

Die musikalischen und sozialen Dimensionen des Chorsingens und die allgemein-gesundheitsfördernde Wirkung des Singens werden sich im Idealfall befruchten. Eine Ressourcenoptimierung im Singen kann einem älteren Menschen eben auch Mut zur ganzheitlichen Optimierung seines seelischen und körperlichen sowie geistigen Empfindens machen. Voraussetzung ist die kompetente Begleitung der singenden Menschen in Chor und Singegruppen.

Dies könnte eine Gelegenheit sein, dass Therapeuten mit geriatrischen Schwerpunkten, Chorleiter und Stimmbildner interdisziplinär Konzepte entwickeln, die zum einen die Stimmen trainieren, zum anderen ganzheitliche positive therapeutische Effekte haben, die die Lebensqualität älterer Menschen direkt befördern. Im Buch „Weitersingen“ des Carus-Verlages gibt es hier einen ers­ten Versuch, zehn Grundübungen aus der Logopädie chortauglich weiter zu entwickeln. Ein Ansatz, der sicher übertragbar ist auf die Bereiche Physiotherapie, Ergotherapie, Atemtherapie, Psychologie und weitere. Die Ausbildung und Weiterbildung der Stimmbildner und Chorleiter in dieser Richtung könnte umfassend erweitert werden und sich befruchtend auf die Arbeit der Chorleiter auswirken, nicht nur im Bereich Singen im Alter.

Stimm- und Klangästhetik

Die vorherrschende Klangästhetik in deutschen (vor allem a-cappella orientierten) Chören ist ein Jugend geprägtes, der skandinavischen Chortradition folgendes Klangbild. Es hat viele Vorteile, zum Beispiel Homogenität der Stimmen, Intonation. Es lässt aber die Altersfalten einer Stimme nicht zu. Vor allem die Tenöre und Soprane mit bestimmter Stimmstruktur sind schnell außen vor. Die Chorleiter im Laienchorbereich folgten diesem von semiprofessionellen Ensembles vorgegebenen ästhetischen Ideal nach meiner Beobachtung ab den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Das hatte zur Folge, dass zum Beispiel Kantoreien und Kammerchöre Altersbegrenzungen einführten.

Das angestrebte höhere musikalische Niveau und angestrebte Klang­ideal grenzten ältere Sängerinnen und Sänger aus. Die Frage heute ist: Können wir Chorleiter, die wir mit Sen­iorenchören arbeiten möchten (und notwendigerweise auch müssen), aber intensiv ausgebildet wurden, wie wir dieses „jugendliche“ Klangideal erreichen, unsere kritischen Ohren umstellen und andere Formen von Klangästhetik zulassen? Ich denke, wenn wir es schaffen, dass unsere Singbegeis­terung die Gruppe erfasst, wird auch unser Ohr von der Faszination eines Klanges, der ein ganzes Menschenalter beinhaltet und ein viele Jahrzehnte gereiftes Lebenselixier als Klang transportiert, fasziniert sein. Musikalische Ausdruckskraft wird die Stärke des (Chor-)Singens im Alter sein.

 Chororganisation

Viele Chöre und Chorleiter fokussieren ihre Arbeit  auf öffentliche Auftritte und Konzerte. Auch das braucht im „Chor der altersreifen Stimme“ neue Überlegungen. Sie werden die Arbeit mit der Singgruppe und die Form der Probe bestimmen. Noch gibt es wenige Chöre mit singenden Menschen ab 70. In naher Zukunft denkbar sind offene Singgruppen in Altersheimen, feste Chöre, die sich einem Verein anschließen, Angebote von Singwochen für ältere Menschen, Angebote in Form von „offenem Singen“ und natürlich auch weiterhin generationsübergreifende Singangebote. Hier werden in der Zukunft mit Kreativität und Fantasie viele Organisationsformen zu entwickeln sein.

 Probenmethodik

Die grundlegenden Aspekte der Probenmethodik im Chor gelten auch für den Seniorenchor. Einige scheinbar sekundäre Kriterien sind in meiner Erfahrung stärker zu beachten: Die klare Ansage zum Beispiel, die geduldige Wiederholung der klaren Ansage, eine deutliche Artikulation bei der Ansage, genügend Zeit geben, um eine angesagte Taktstelle zu finden, die positive Formulierung einer Kritik, hohe Sensibilität im Einfordern und nicht Überfordern und tieferes Wissen um die körperlichen und stimmlichen Grenzen der Sänger, die sich deutlicher unterscheiden und wesentlich komplexer sind als bei den Sängern mittleren Alters. Auch die Längen der Proben sowie die Balance zwischen Probenarbeit und Pause sind bedenkenswerte Aspekte. Musik kann auch Baustelle für lebenslanges Lernen sein. Chorsingen bildet!

Repertoire und Notenmaterial

Fakt ist, dass gerade der Seniorenchor bestes Notenmaterial braucht! Und gute Musik machen möchte! Der ältere Sänger möchte liebgewordene Chorsätze singen, aber auch Neues entdecken, neue Kompositionen und Arrangements üben, die ihn musikalisch bewegen, aber nicht stressen.

Er braucht Chorsätze, die mit moderater Probezeit zu bewältigen sind, bei denen Stimmumfänge altersgerecht eingerichtet, eventuell auch mit Klavierbegleitung versehen sind, die den ganzen Satz darstellt und es so ermöglicht, dass der Chor immer singfähig ist.

 Konzerte

„Musik macht uns Spaß, erfüllt uns, bewegt uns“ könnte als Motto für Singen im Alter stehen. Konzerte, öffentliche Auftritte sind sekundäre Ziele. Aber wenn, dann sollten die Chöre ihre eigenen Konzertformen entwickeln, neue Wege gehen, die den künstlerischen Vergleich zum Konzertchor ausschließen.

Vielmehr sollten die sozialen Aspekte im Vordergrund stehen: der Chor als liebevoll gestalteter Kosmos!  Ein auch diesen Aspekt berücksichtigender Schulterschluss zwischen Chorleitung und Sängern ist im Seniorenchor überlebenswichtig.

Chorsingen im Alter kann mehr sein als Bestärkung des Zieles „in Würde altern“. Seniorenchöre können über die Musik Vorreiter sein im Ziel „den Lebensabend zusammen mit Gleichgesinnten selbstbestimmt und kreativ zu gestalten“.

Landesakademie Ochsenhausen
Weitere Informationen unter projektbuero@landesakademie-ochsenhausen.de, www.landesakademie-ochsenhausen.de

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