Gegenwart männlich, Zukunft weiblich?

Zwei Studien geben Aufschluss über die Präsenz von Frauen in deutschen Berufsorchestern


(nmz) -
Knapp 40 Prozent der knapp zehntausend Stellen in den deutschen Berufsorchestern sind weiblich besetzt. Dieser Durchschnittswert geht aus einer Untersuchung hervor, die das Deutsche Musikinformationszentrum (miz) vorgestellt hat.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Zugrunde lag dabei eine Vollerhebung unter den 129 öffentlich finanzierten Orchestern, die weiteren Detailfragen nachging und dabei unter anderem zu dem Ergebnis kam, dass es in den Orchestern – tarifbedingt – zwar keinen grundsätzlichen, wohl aber einen strukturellen Gender-Pay-Gap gibt: Während in niedrigeren Dienststellungen wie Vorspieler*innen und im Tutti Frauen mit 47,5 Prozent fast ebenso stark vertreten sind wie ihre männlichen Kollegen, liegt ihr Anteil in höheren Dienststellungen wie Konzertmeister-, Stimmführer- und Solopositionen bei nur 28,4 Prozent. In den 21 höchstdotierten Orchestern liegt ihr Anteil dabei sogar noch darunter (21,9 %). Einen überdurchschnittlichen Frauenanteil gibt es in 73 der 129 Orchester, wobei es sich überwiegend um Orchester mittlerer TVK-Gruppierung handelt. Einzelne Instrumentengruppen weisen signifikante Abweichungen in beide Richtungen auf: So gibt es bei den Harfen (93,7 %) den höchsten Frauenanteil, gefolgt von den Flöten (65,4 %) sowie den 2. und 1. Violinen (62,6 bzw. 59,1 %), während Tuba (98,1 %), Posaune (96,5 %), Pauke/Schlagwerk (95,4 %) und Trompete (94,7 %) überwiegend männlich besetzt sind.

Bei der Vorstellung der Ergebnisse im Rahmen einer Online-Pressekonferenz des miz wurden in einer Podiumsrunde Hintergründe erörtert (verfügbar unter www.nmzmedia.de). Ruth Ellendorf, Tubistin am Oldenburgischen Staatstheater, verwies auf fehlende weibliche Rollenvorbilder im Bereich der Blechblasinstrumente, Christine Christianus, Frauenbeauftragte am Saarländischen Staatstheater, hob die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Orchesterberuf hervor und verwies auf ein Betreuungsmodell in Schweden, das sich – mit gedeckelten Kosten – bewährt hat und auch für Deutschland ein Vorbild sein könnte. Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orches­tervereinigung (DOV) bestätigte, dass es sich beim Thema Vereinbarkeit um einen Punkt handele, den man zusammen mit dem Deutschen Bühnenverein als Arbeitgeber tatsächlich beeinflussen könne, und stellte entsprechende Initiativen in Aussicht. Dessen Direktor Marc Grandmontagne verwies auf die gesamtgesellschaftliche Aufgabe und bedauerte, dass Änderungen im Auswahlprozess, für die man vor einiger Zeit mit der DOV schon aussichtsreiche Gespräche geführt habe, schließlich am Widerstand einzelner Orchester gescheitert seien.

Gerald Mertens wiederholte die schon vor zwei Jahren von der DOV ausgegebene Parole, die Zukunft der Orchester werde weiblich sein, und konnte sich dabei auf Zahlen der Bayerischen Versorgungskammer stützen, die für eine deutliche Zunahme weiblicher Orchestermitglieder in den mittleren und jüngeren Altersgruppen sprechen. Es dauere aber ein bisschen, bis sich das auf die Führungspositionen auswirke, so Mertens.

Kurz zuvor hatten das Archiv Frau und Musik Frankfurt am Main und musica femina münchen eine weitere Studie veröffentlicht, in der die Autorin Melissa Panlasigui „die Diskrepanz zwischen männlicher und weiblicher Repräsentation in deutschen Berufsorchestern“ aufzeigt. Auf der Basis von Personal- und Konzertdaten der Saison 2019/2020 wurde ermittelt, dass der Frauenanteil in Führungspositionen (Generalmusikdirektion, Intendanz) bei lediglich 8 Prozent lag. Am Dirigierpult von Abonnementreihen standen zu 7 Prozent Frauen. In weniger als 2 Prozent der Programme wurden Werke von Komponistinnen aufgeführt. Signifikant höher, bei 13 Prozent, lag dieser Anteil bei Programmen zeitgenössischer Musikserien. Als Solistinnen waren Frauen in 40 Prozent der Programme vertreten.

Die Initiator*innen verstehen ihre Studie als „Informationsgrundlage für die Umsetzung systemischer Bemühungen, zum einen um die historischen Ungerechtigkeiten zu korrigieren, die sich immer noch in Berufsorchestern manifestieren, zum anderen um als Maßstab für die Messung ihrer Wirksamkeit zu dienen.“ Eine weitere Studie sei in Arbeit, „um die Inklusion in Berufsorchestern im Hinblick auf die vielfältigen Aspekte der Identität neben dem Geschlecht zu untersuchen.“


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