Gemeinsam Neuland betreten

Zum Konzert des Berliner Schulprojekts „Klangradar“


(nmz) -
Knapp achtzig Kinder in drei großen Trauben, rot, grün und blau, füllen die Bühne der Akademie der Künste. Stille, Spannung – dann geht es los: Zwei fünfte und eine sechste Klasse führen an diesem Abend ihre Kompositionen auf, die sie kollektiv unter Anleitung der Komponistin Sofia Borges und des Komponisten Krystoffer Dreps sowie Heinz Weber und Assistentinnen entwickelt haben. Das partizipatorische experimentelle Berliner Musikvermittlungsprojekt „Klangradar“ hat drei Berliner Schulklassen für ein ganzes Schulhalbjahr in Labore für Klangforschung verwandelt.
Ein Artikel von Till Dahlmüller

Vor Beginn des Konzerts erklärte der künstlerischer Leiter des Projekts, der Komponist Burkhard Friedrich, den Ansatz des Projekts: „Klangradar“ lade ein zu einer intensiven Beschäftigung mit der Klanglichkeit der uns nächsten, einer bewussten sinnlichen Erfahrung, aber fernsten Dinge: den Alltags- und Umgebungsklängen.

Die dann präsentierten Resultate könnten für einige Ohren, die nicht mit experimenteller Musik vertraut sind, eine ganz schön große Herausforderung bedeutet haben. Schließlich waren große Teile des knapp vierzigminütigen Konzerts nicht durch Rhythmik, Tonalität oder Gesang geprägt, wie es sicherlich viele der anwesenden Eltern, Großeltern und Geschwisterkinder gewohnt sind. Doch die Konzentration und Stille im Raum ließen vermuten, dass das Publikum fast durchweg gespannt war und sich auf das Gehörte einließ.

Das etwas suggestiv formulierte Thema des aktuellen Projektdurchlaufs „Handy+Internet = Miteinander?“ wurde von den drei Gruppen sehr unterschiedlich aufgegriffen: Während eine Klasse mit ihrem „Hasenkrimi“ ein witziges Hörspielfragment präsentierte, dessen Mittelpunkt ein magisches, verzerrt sprechendes Handy bildete, zerlegte die Komposition „WschTp 2.0 – Klangradius Smartphone“ unter anderem Wörter einer Kommunikation in ihre klanglichen Bestandteile. In „Orion“ wiederum vermischten sich elektronische mit akustischen Klängen, Improvisation wurde viel Raum gelassen. Mit eleganten Bewegungen und der dazugehörigen Körperspannung dirigierten die Schüler/-innen selbst ihre Stücke – die Mitschüler/-innen folgten mit beeindruckender Konzentration.

Nicht alle Kompositionen überzeugten gleichermaßen. Hier und da mangelte es an Dynamik und Spannungsbögen. Manche Klänge wirkten nicht besonders ausformuliert. Angesichts der knapp fünfmonatigen Arbeit war dies etwas enttäuschend, indes: Experimentelles Komponieren mit Kindern ist vor allen Dingen auch ein sozialer Prozess: „Klangradar öffnet die Ohren, weckt die Lust, Neues zu entdecken und fordert Entscheidungen. Das ist nicht nur für das Komponieren essenziell, sondern auch im sozialen Miteinander“, charakterisiert Lydia Grün, Geschäftsführerin des Trägers „netzwerk junge ohren“, das Projekt.

Experimentelle Klanggestaltung und experimentelle Spielweisen setzen keine musikalischen Fähigkeiten und Vorkenntnisse voraus. Die Schüler betreten gemeinsam Neuland. „Suchen, Ausprobieren und Vergleichen von Klängen“ seien wichtige Aspekte für den Kompositions- und Lernprozess der Schüler/-innen, sagt Krystoffer Dreps, der mit Unterstützung der Theaterpädagogin Yvonne Klamant eine Schulklasse in Moabit beim Komponieren begleitete.

Hervorzuheben ist aber auch die Inszenierung des Konzerts, ein Novum bei Klangradar. Durch witzige Kommunikationen zwischen den drei bunten Gruppen wurden die einzelnen Kompositionen zu einer Aufführung zusammengewoben. Trotz der wenigen Probentermine, die die jungen Dramaturgen Adrienn Bazsó und Panagiotis Iliopoulos mit den drei Schulklassen hatten, gelang es ihnen, Bühnenpräsenz zu vermitteln; sodass im Raum durchgehend eine konzentrierte Spannung zu spüren war.

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