Gerechter, effizienter, günstiger?

Ein „Stationen-Konzert“ in sieben Städten zum Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“


(nmz) -
In Deutschland wird jährlich rund eine Billion Euro für Sozialleistungen ausgegeben, etwa für Arbeitslosengeld, Grundsicherung, Bafög, Kindergeld, Wohn-, Kleider-, Essens-, Schulgeld et cetera. Etwa einhundert verschiedene Vergabeinstrumente müssen von vielen Millionen bedürftiger Menschen immer wieder beantragt, begründet und mit Nachweisen belegt werden, um dann von Behörden geprüft, bewertet, genehmigt oder abgelehnt zu werden. Allein die Verwaltung dieser Finanzmittel kosten Unmengen an Zeit und jährlich etwa dreißig Milliarden. Zudem werden in Deutschland neben jährlich rund 56 Milliarden bezahlten Arbeitsstunden auch rund 96 Milliarden Stunden unbezahlt geleistet, in Erziehung, Familie, Haushalt, Pflege, Ehrenämtern, Vereinen, Kultureinrichtungen. Wäre es da unterm Strich nicht viel gerechter, effizienter und möglicherweise sogar auch günstiger, allen Menschen pauschal ein von jeglicher Gegenleis­tung abgekoppeltes „Bedingungsloses Grundeinkommen“ zu zahlen?
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Umfragen zufolge wünschen sich 86 Prozent der Deutschen ein sozialeres Wirtschaftssystem und befürwortet jeder zweite das „Bedingungslose Grundeinkommen“. Die Idee dazu gibt es schon länger. Erneut „virulent“ wurde sie im Zuge der Corona-Pandemie, als bestimmte Berufsgruppen von Restriktionen und Schließungen besonders schwer getroffen wurden, nicht zuletzt Kultur- und Musikschaffende. Für sie mussten eigens neue Rettungsprogramme, Kredite, Stipendien, Unterstützungsmodelle und Neustartmittel entwickelt, politisch genehmigt und bereitgestellt werden.

Auch das erforderte viel Antragslyrik, Juryarbeit, Verwaltung, Bürokratie und viele Milliarden an Finanzmitteln. Wäre es für alle Betroffenen nicht viel weniger umständlich gewesen, einfach ein „Bedingungsloses Grundeinkommen“ zu beziehen? Ist es nicht ohnehin längst an der Zeit, die alt-kapitalistische Verbindung von geleisteter Arbeit und Bezahlung zu entkoppeln, weil im Zuge von Rationalisierung, Automatisierung und Digitalisierung immer mehr Arbeit von Maschinen statt von Menschen geleistet wird?

„Der Klang des bedingungslosen Grundeinkommens“ – so lautete das Motto des fünften „Stationen“-Konzerts des Landesmusikrats NRW und der „Arbeitsgemeinschaft Neue Musik“, zu der sich seit 2008 unter dem Dach des LMR sieben Gesellschaften für Neue Musik des Bundeslandes zusammengeschlossen haben. Koordiniert vom Kölner Komponisten Albrecht Zummach gastierte nun die fünfte Ausgabe mit demselben Konzertprogramm der Reihe nach in Dortmund, Köln, Essen, Det­mold, Münster, Bielefeld und Aachen. Vor Ort gingen Mitwirkende mit eigens zusammengestelltem Unterrichtsmaterial, Texten, Abbildungen und Noten auch in Schulklassen, die dann gemeinsam die Konzerte besuchten und dadurch zumeist erstmalig in Kontakt mit Neuer Musik kamen. Das für die „Stationen“-Projekte alle zwei Jahre jeweils neu zusammengestellte Ensemble bestand diesmal aus sechs Schlagzeugern, die von der Kölner Perkussionistin Rie Watanabe ausgewählt und gecoacht wurden.

Den ebenso informativen wie gedanklich und musikalisch anregenden Abend eröffnete Dieter Schnebels „Zahlen für (mit) Münzen“. Das Stück aus Schnebels Werkreihe „Schulmusik“ umreißt spielerisch das Thema Geld, indem hier Münzen nicht in üblicher Weise wegen ihres Tauschwerts genutzt werden, sondern konkret als Gebrauchswerte, sprich als Musikinstrumente. Gemäß dem Prinzip „Spielen nach Zahlen“ erzeugten vier Spieler mit in der Partitur genau vorgeschriebenen Anzahl von Münzen durch Rollen, Aufsetzten, Werfen, Schieben auf Tischen, Tellern, Trommelfell sowie Schütteln in Becher, Säckchen, Korb und Trommel unterschiedliche Klangfarben und Rhythmen. Zum Schluss wirft man ebenso orgiastisch wie gönnerhaft und befreiend mit dem Geld nur noch um sich, in die Luft und ins Publikum: gebraucht, verschleudert, erledigt, Ende des Stücks! Howard Skemptons „Shiftwork / Sleigh Ride“ ließ ein Schlagquartett wahlweise im Tutti oder abwechselnd nur zu zweit wie im „Schichtbetrieb“ agieren. Die präzisen Einsätze kleiner Rasseln, Glöckchen und Kaffeetassen griffen wie das schnurrende Räderwerk einer Maschine nahtlos ineinander, so dass ein unablässiges Ticken wie am Fließband oder wie bei trabender „Schlittenfahrt“ entstand.

Eine punktgenaue Wiedergabe lieferten die ausgezeichneten Schlagzeuger auch von Louis Andriessens „Workers Union“. Die Besetzung „for any loud-sounding group of instruments“ ist zwar variabel, aber das ununterbrochene und stark rhythmisierte Unisono des Stücks lässt den Interpreten keine individuelle Stimme und Freiheit, sondern zwingt ihnen unbedingten Einheits- und Gruppenzwang auf. Jessie Marinos „Endless Shrimp“ zeigt Videos industrieller Massenproduktion von Hotdogs, Bonbons, Kuchen, Plätzchen, Luftballons und Shrimps. Zwischen vollautomatisierten Fertigungsprozessen sieht man nur ganz selten menschliche Hände zupacken. Umso mehr Handarbeit leisten dagegen Shiau­-Shiuan Hung und Yukinobu Ishikawa als Schlagzeugduo, das die maschinellen Abläufe in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie mit einem Soundtrack aus passgenau zischendem, schmatzendem, saugendem Mickey Mousing oder gegenläufigen Kontrapunkten begleitete und dadurch ironisch färbte.

Zur Uraufführung von Oxana Omel­chuks „Geld“ rezitierte Schauspielerin Renate Fuhrmann zwischen sechs rasselnden Snare-Drums unter anderem Gertrude Steins 1936 erschienene Zeitungsartikelserie „Geld“, „Mehr Geld“, „Noch mehr Geld“, in der die amerikanische Schriftstellerin die archetypische Funktionsweise des komplexen Finanzsystems durch scheinbar naive Feststellungen entlarvt: „Wer jeden Tag sein Geld verdienen und es dann auch wieder ausgeben muss, weiß was Geld ist; wer hingegen über Geld nur abstimmt, weiß das meist nicht so ganz genau.“ Am Ende des Stücks kriecht die achtzigjährige Schauspielerin – die fast vierzig Jahre lang Ensemblemitglied des Kölner Schauspielhauses war – mühsam über den Bühnenboden, um ein paar verstreute Groschen aufzusammeln, die das Ensemble hingeworfen hat: Ein erschütterndes Sinnbild für die grassierende Altersarmut.

Zwischen den Stücken verlas Fuhrmann zudem Texte von Hannah Arendt, Patrick Spät und Christian Schüle zum Für und Wider des „Bedingungslosen Grundeinkommens“. Wirkt die Zahlung von jeweils 800 oder 1.000 Euro monatlich auf die Menschen demotivierend? Wird die Arbeitsmoral dadurch untergraben und stattdessen „Hängemattenmoral“ subventioniert? Oder befördert die existentielle Grundsicherung umgekehrt bessere Arbeit, mentale und körperliche Gesundheit, gesellschaftlichen Zusammenhalt, sozialen Frieden, bürgerschaftliches Engagement, familiären Kontakt, lebenslanges Lernen, kulturelle Teilhabe…? Klingt das alles nicht nach einem Mehrwert, der die konventionelle Wirtschaftsleistungsgröße des Bruttoinlandsprodukts vermutlich um ein Vielfaches übersteigt?

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