Gesang als Gebet

Im EOS-Verlag ist eine bemerkenswerte Aufnahme-Serie gregorianischer Gesänge erschienen


(nmz) -
Es mutet an wie eine Gesamteinspielung aller gregorianischen Messgesänge des Kirchenjahres. 361 aufgenommene Gesänge! Und tatsächlich stellt die CD-Reihe „Narrabo omnia mirabilia tua“, gerade im EOS-Verlag erschienen, eine Einspielung der gregorianischen Messproprien aller Sonn- und hohen Feiertage des gesamten Kirchenjahres dar. Es fehlen allerdings die Gesänge der Heiligenfeste; dafür wurden andere Gesänge aufgenommen, so beispielsweise diejenigen von Aschermittwoch, Mariä Himmelfahrt, Allerheiligen, der Totenliturgie, der Kirchweihmesse sowie aus der Karwoche die Gesänge der Abendmahlsmesse am Gründonnerstag und diejenigen der Karfreitagsliturgie.
Ein Artikel von Inga Behrendt

Ab sofort muss ein Scholaleiter nicht mehr mühsam nach einer guten Aufnahme eines bestimmten Gesangs suchen, wenn seine Schola im Gottesdienst an einem der nächsten Sonntage singen wird und er seine Interpretation vergleichen möchte. Ab sofort können sich auch Gregorianik-Nichtkundige einen Überblick verschaffen über die Gesänge des Gregorianikrepertoires der Messe. Und gesichert ist bei diesen Aufnahmen vor allem dieses: ein hohes Niveau an durchdachter semiologischer Interpretation in der Tradition Dom Eugène Cardines. Von den insgesamt 15 CDs hat zehn CDs die Schola Gregoriana Monacensis (Ltg. Johannes Berchmans Göschl, die CD „Quoniam in me speravit“ wurde allerdings unter der Leitung von Stephan Zippe aufgenommen), zwei CDs das Ensemble Graces & Voices (Ltg. Franz Karl Praßl) und drei CDs das Consortium Vocale Oslo (Ltg. Alexander M. Schweitzer) aufgenommen, all dies in den Jahren 2009 bis 2017. Die Namen der Choralscholen und ihrer Leiter stehen neben der Darbietung im Licht der Neumennotation auch für eine hohe Klangästhetik. Franz Karl Praßl ist als ordentlicher Professor für Gregorianik und kirchenmusikalische Werkkunde an der Kunstuniversität Graz tätig sowie seit 2011 als Professor für Gregorianik am Pontificio Istituto di Musica Sacra, der päpstlichen Musikhochschule, in Rom; Johannes Berchmans Göschl war von 1978 bis 1994 Kantor der Erzabtei St. Ottilien und wirkte bis zu seiner Emeritierung als ordentlicher Professor für Gregorianischen Choral und katholische Liturgik an der Hochschule für Musik und Theater München. Alexander M. Schweitzer wirkt als Theologe und Musiker auf vielfältige Weise – mit seiner Osloer Choralschola in regelmäßigen Auftritten, als Direktor der Global Bible Translation (United Bible Societies) und in der Internationalen Gesellschaft für Studien des Gregorianischen Chorals (AISCGre), deren Präsident er seit 2015 ist.

Diese CD-Reihe bietet Aufnahmen nahezu aller Gesänge des Graduale Novum, Band I: De Dominicis et Festis, das eine Revision des Graduale Romanum darstellt und im Jahr 2011 im ConBrio Verlag Regensburg in Kooperation mit der Liberia Editrice Vaticana (Rom) erschienen ist. Wer möchte, kann also bequem während des Anhöhrens einer CD in die Noten des Graduale Novum schauen. Eine Gruppe von Fachleuten („Arbeitskreis Melodierestitution“) hat sich im Jahr 1977 anregen lassen durch Artikel 117 der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, eine kritischere Ausgabe, eine editio magis critica, zu erstellen. Nach über 40 Jahren – es ist höchst erstaunlich, dass wissenschaftliche Projekte über einen so großen Zeitraum außerhalb von Forschungseinrichtungen Bestand haben – konnte schließlich im Jahr 2011 das Graduale Novum veröffentlicht werden. Graduale Novum und die neue CD-Reihe sind damit zugleich ein Zeitzeugnis für die weitreichenden Auswirkungen des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Die meisten CDs sind bereits im Detail von Franz Karl Praßl, Christoph Hönerlage und Heinrich Rumphorst, dem Vorsitzenden des Arbeitskreises Melodierestitution, in den Beiträgen zur Gregorianik besprochen worden. Diese Rezensionen seien den Lesern empfohlen, weil viele Aspekte der Analyse und Interpretation der Einzelgesänge genannt werden.

Was macht nun den Gregorianischen Choral zu einem einzigartigen Kulturerbe? Was könnte der wesentliche Grund dafür sein, dass die Gesänge noch heute in den christlichen Kirchen gesungen und in solch umfangreichen CD-Projekten wie dem hier genannten eingespielt werden? Ein wesentlicher Grund für diese langanhaltende Resonanz auf die Gesänge des Gregorianischen Chorals ist, dass dieser, dessen Gesangtexte mehrheitlich der Heiligen Schrift entnommen sind, „in seinem tiefsten Wesen gesungenes Wort“ ist (Booklet der CD-Reihe, S. 6). Der Gregorianische Choral lässt den Wortsinn der Bibeltexte musikalisch erfahrbar werden. Sein enges Wort-Ton-Verhältnis hat Maßstäbe gesetzt für Kompositionen der Kirchenmusik aller Epochen. Daher kommt in den einführenden Texten in jedem Booklet der neuen CD-Reihe insbesondere die theologische Dimension der Gesänge zur Sprache. Johannes Berchmans Göschl (13 einleitendende Texte in 13 CDs) und Franz Karl Praßl    (2 Texte) sind die Autoren dieser bis zu 19 Seiten umfassenden Einführungen. Die Einleitungen spiegeln die große innere Beteiligung beider Autoren wieder. Man liest prägnante Aussagen zu den Gesängen, die auf der CD erklingen. Beispielsweise werden zentrale Worte der Gesangtexte, wie „misericordia“, und ihr Vorkommen in der Heiligen Schrift benannt sowie ihre Übersetzung diskutiert (CD „Vocem iucunditatis“, S. 3f.). Man liest Hinweise zur Verwendung des Gesangs im liturgischen Kalender, gemäß den frühen Handschriften des 10./11. Jahrhunderts, und im Vergleich dazu Informationen zum heutigen Ort im liturgischen Kalender. Das enge Wort-Ton-Verhältnis in den Gesängen wird thematisiert, beispielsweise durch Aspekte der modologischen/tonartlichen Analyse (CD „Vocem iucunditatis“, S. 5). Beim Alleluia „Christus resurgens“, dessen Kopfmotiv der Beginn der Ostersequenz „Victimae paschali laudes“ aufnimmt, erklingt außerdem „als große Ausnahme“ auf der CD der Einleitungstropus „Psalle modulamini“ (CD „Vocem iucunditatis“, S. 7).

Bei liturgischen Festen, die erst in der Neuzeit eingeführt worden sind, wie beispielsweise das Christkönigsfest, wird sogar die Entstehung und die Einführung des Festes erläutert (CD „Caritas Dei diffusa est“, S. 11ff.) sowie Aussagen dazu gemacht, zu welchen Gesängen des alten Repertoires die neu komponierten Gesänge Adaptationen darstellen. Zuweilen wird auch eine Gewichtung vorgenommen, das heißt ausgesagt, ob die Adaptation geglückt ist und dem ursprünglichen Wort-Ton-Verhältnis Rechnung trägt. Eine schlechte Beurteilung erfährt dabei der „Introitus Benedicta sit“ des Dreifaltigkeitssonntags. Er ist, wenngleich der Introitus zum alten Repertoire des 10./11. Jahrhunderts gehört, eine Adaptation des Introitus „Invocabit me“ des Ersten Fastensonntags, – leider keine gute, wie detailliert in den Ausführungen von Göschl zu lesen ist (CD „Caritas Dei diffusa est“, S. 5). Aus diesem Grund, so Göschl, wurde zusätzlich zum Introitus „Benedicta sit“ auch der Introitus „Caritas Dei“, der nach dem II. Vatikanischen Konzil für das Lesejahr C vorgesehen ist, auf die CD eingespielt. Der Introitus „Caritas Dei“ gehört ursprünglich zum Samstag der Quatemberwoche nach Pfingsten, ist demnach ein Gesang des gregorianischen Kernrepertoires und „von unvergleichlicher Schönheit und Innigkeit“ (CD „Caritas Dei diffusa est“, S. 5). Die Autorin kann dies aus eigener Erfahrung wie auch aufgrund der Hörerfahrung der CD dieser Reihe bestätigen. Insgesamt haben die Autoren der einleitenden Texte versucht, mehr zu bieten als bloße Kurzbeschreibungen der Gesänge. Es geht ihnen darum, dass die Theologie, die in diesen Gesängen ersichtlich werden kann, wenn man sich mit ihnen eingehend beschäftigt, zu Tage tritt. Treffend und prägnant wird hier, zusätzlich zur musikalischen Einkleidung des Textsinns durch die Gesänge selbst, der musikalisch überlieferte Glaubensinhalt beschrieben.

15 CDs mit umfangreichen Einleitungstexten, dazu Übersetzungen aller Texte ins Englische; da ist der Preis von 149,95 Euro sehr günstig. Falls eine Zweitauflage angedacht wird, wäre es schön, wenn die CDs nummeriert werden könnten. Selten wird in den Einleitungstexten der CDs, was wohl dem geringen Raum geschuldet ist, ausführlich Bezug auf die vielen schönen Abbildungen von Handschriftenseiten in den Booklets oder auf das Titelbild und dessen Initiale genommen. Sehr lesenswert sind beispielsweise Praßls Äußerungen zur Initiale auf dem Cover der CD „Lumen ad revelationem gentium“ ((S. 17f.), weil er die Darstellung in der Initiale in Verbindung bringen kann mit einer Erzählung der „Legenda Aurea“ des Jacobus de Voragine von 1264. Die CD „Sitivit in te anima mea“ hat ihren Namen von der gleichnamigen Antiphon der Totenliturgie erhalten: „Es dürstet meine Seele nach Gott, nach dem lebendigen Gott“ (Psalm 42,3). Dem einleitenden Text zur CD von Johannes Berchmans Göschl ist eine sehr persönliche Betrachtung der Initiale G zum Introitus „Gaudeamus omnes in Domino“ auf dem CD-Cover von seiner Frau Birte Göschl, ebenfalls Theologin, vorangestellt: „Rechts sitzt Christus, ebenso wie Maria mit sichtbarer (väterlicher) Zu-Neigung des Herzens, die aus Augen und Körperhaltung spricht, und hält mit Maria gemeinsam eine riesige Krone über den winzigen Kopf der kleinen Seelengestalt. Diese lädt mich ein, mich selbst an ihre Stelle zu setzen“ (CD „Sitivit in te anima mea“, S. 2).

Hier haben mehrere Personen den Gregorianischen Choral mit Worten wie vor allem in einer Gesangsinterpretation auf hohem Niveau als das vorgestellt, was er genuin ist: christliches Gebet.

  • CD-Reihe „Narrabo omnia mirabilia tua“– Einspielung der gregorianischen Messproprien aller Sonn- und hohen Feiertage des Kirchenjahres, EOS-Verlag der Erzabtei St. Ottilien 2017, EOS 6690

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