Gestreamt oder gefühlt ?

Musik mittels Video-Streaming


(nmz) -
Von Wohnzimmerkonzerten bis hin zu professionell gestreamten Formaten in High End-Qualität: Wer in diesen Zeiten Musik mittels Video-Streamings konsumieren möchte, sieht sich einer unüberschaubaren Menge an Möglichkeiten gegenüber. Kaum ein Veranstalter existiert, der das Format nicht auf einem YouTube-Kanal oder weiteren Social Media-Plattformen ausprobiert hat. Es gibt allerdings auch Musiker*innen, die sich dagegen entscheiden und dafür mannigfaltige Gründe anführen: Aktuelle Bezahlformate fehlen und so wird das in Corona-Zeiten zur Höchstform auflaufende Live Streaming von vielen Befürwortern gelobt und von Kritikerinnen bemängelt.
Ein Artikel von Friedrich von Plettenberg, Sascha Etezazi

Ein Beispiel aus dem letzten Jahr zeigt der Facebook-Post der Sängerin Christina Jung. Dort erteilt sie durch ein entschiedenes Nein den Wohnzimmerkonzerten und damit gestreamten Formaten eine Absage. Dazu führt sie ebenjene Begründung an: Kunst müsse den Vertreter*innen ihrer Branche zum Lebensunterhalt dienen, ansonsten laufe sie Gefahr, durch fehlende Konzepte von Streamings instrumentalisiert zu werden. Unter den 692 geteilten Seiteninhalten befanden sich auch Lehrende und Studierende der Hochschule für Musik Detmold. Und so wurde die Diskussion mit der Entscheidung des Rektorats für Hochschulstreamings ebenso lebendig wie kontrovers geführt. Einige betonten, dass die „Systemrelevanz“ von Musik gerade in der gegenwärtigen Krise in ihrem identitäts- und gemeinschaftsstiftenden Potenzial liegt und Gefahr laufe, durch den Einsatz von Streamings an den Rand gedrängt zu werden. Kunst müsse vielmehr die Mitte der Gesellschaft suchen, was sich nur im unmittelbaren und interaktiven kommunikativen Prozess zwischen Musikerinnen und Zuhörern offenbaren könne. Wenn Musik demnach nur dem Zweck dient, nicht in Vergessenheit zu geraten, wird sie unweigerlich auf ihren Unterhaltungswert reduziert. So stimme ein jeder der eigenen Marginalisierung zu, wenn er bereit sei, ein solches Ersatzformat zu akzeptieren.

Andere Stimmen sehen die Tatsache, dass Live Strea­mings als Ersatzformate für analoge Konzertveranstaltungen dienen, nur weil es Letztere momentan nicht gibt, als Missverständnis. Sie seien viel mehr ein ergänzendes statt ein ersetzendes Format, das im Zeitalter des digitalen Wandels zwar Hör- und Rezeptionsformate unmittelbar beeinflusst, jedoch an ein tatsächliches Live-Ereignis gekoppelt ist. Dabei wird das Phänomen beobachtet, dass das klassische Fernsehprogramm zusehends an Bedeutung verliert, während gestreamte Inhalte an dessen Stelle treten. Auch sei die Bedeutung für jüngere Menschen nicht von der Hand zu weisen. Nicht zu vergessen der Nutzen für die Praxisnähe: Live Streamings bilden in Corona-Zeiten für viele Studierende die einzige Möglichkeit, ein Publikum anzusprechen und bereiten gleichzeitig auf das spätere Berufsleben vor, in dem gestreamte Formate zur Alltagsrealität gehören dürften.

Dieser Diskurs wirft unmittelbar die Frage auf, ob oder inwieweit Live Streamings in Corona-Zeiten mehr als eine Notlösung sind. Sascha Etezazi, der am Tonmeisterinstitut der Hochschule studiert, deckt in seinem Bericht die Hintergründe des Live Streamings auf und beschreibt diese Form als ein Phänomen, das gar nicht so neu ist, wie es zu sein scheint:   Muss man in der Corona-Krise untätig bleiben? Keineswegs. Zwar durften Musiker*innen monatelang nicht vor Publikum auftreten, von Langeweile oder Untätigkeit kann allerdings nicht die Rede sein. Unser aller Hauptaufgabe in Pandemiezeiten sollte sein, einen kulturellen Diskurs aufrecht zu erhalten. Nach dem Kapitel Distanzlehre kam schnell die Frage auf, ob nicht auch Konzerte ins Netz übertragen und damit einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. Und somit waren wir dankbar, dass die Hochschule im letzten Jahr bewusst auf das Format des Live Streamings setzte – ein Thema, das für viele Musiker*innen bis zu dem Zeitpunkt noch neu war. Einige standen dem neuen Format aufgeschlossen gegenüber, andere sahen es mit Vorbehalt. Dabei ist ein Live Streaming eigentlich gar nichts grundlegend Neues. Seine Möglichkeiten werden unterschätzt.

Gute Planung nötig

Seit November haben wir an der Hochschule zirka zehn Live Streamings in sechs Wochen durchgeführt. Fast doppelt so viele waren geplant, konnten aber aufgrund der Regulierungen zum Infektionsschutz nicht durchgeführt werden. Die Streamings wurden dabei von Studierenden des Erich-Thienhaus-Instituts durchgeführt, die sowohl die fachlichen Voraussetzungen als auch das nötige Equipment mitbringen. Im Studium erhielten wir dafür eine Einführung in Kamera- und Videoschnitttechnik und konnten ebenso an Produktionen mitwirken, die von Lehrkräften betreut wurden. Mit guter Planung und effizientem Material- und Personaleinsatz konnten wir die meisten Streamings mit zwei Personen, einem Tonmeister und einer Bildregisseurin durchführen. Je nach Anforderung wurden die Teams mit weiteren Studierenden aufgestockt.

Der Ablauf für jeden Stream war zunächst rein organisatorisch: Wer spielt wann, in welcher Besetzung, in welchem Raum, welches Programm? Wie sieht es mit dem Bühnenaufbau aus, wird es Umbauten geben, muss die Technik umgestellt werden? Daraus abgeleitet wird der Personalaufwand sowie ein Zeitplan, der den Aufbau der notwendigen Technik sowie zusätzlich ausreichend Probezeit zum Einstellen der Mikrofone und Kameras beinhalten muss. Im Vorfeld muss geklärt werden, welche Technik zur Verfügung steht und was das Zielmedium ist, nicht zuletzt, ob eine sichere Internetverbindung vorliegt. Auch für die Erstellung von Grafiken für die Werbung ist die Produktionsleitung verantwortlich. Vor Ort geht es zunächst um die Einstellung der passenden Kameraperspektive, die sich nach der Besetzung richtet und zwischendurch flexibel angepasst werden kann.

Klassische Musik wird schon seit Beginn des Funkwesens über elektronische Medien übertragen. Sie ist auch darauf angewiesen, denn zum Beispiel Rundfunkanstalten bieten eine staatlich finanzierte Bühne, was sich in der Vielfältigkeit des Programms widerspiegelt. Auch eine gleichzeitige Bildübertragung dazu ist bekannt: Man denke nur an das alljährliche Neujahrskonzert aus dem Wiener Musikvereinssaal oder die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker. Andere Unternehmen wie medici.tv haben daraus ein gewinnbringendes Firmenkonzept entwickelt und bieten Live Streamings und Konzerte auf Abruf im Internet an.

Der Begriff „Live Streaming“ sagt übrigens nur etwas über das Übertragungsmedium (Internet) aus und nichts über den Inhalt oder die künstlerische Gestaltung. Es ist genauso möglich, eine eigentlich für das Fernsehen geplante Übertragung kurz vor dem Sendemast gleichzeitig über das Internet zu übertragen oder wie im Fall von medici.tv komplett auf diese Übertragung zu setzen. Und obwohl ein Live Streaming prinzipiell lediglich aus einem Audiosignal bestehen kann, wird heutzutage damit aber meist eine Übertragung von Ton und Bild beschrieben. Eine solche Übertragung benötigt in der Regel eine Regie, partiturkundige Assistenz, Kamera- und Bildtechnikpersonal sowie ein gutes Team aus Tonmeister*innen und Toningenieur*innen für die Audioübertragung. Im Unterschied dazu hat man in einer ausführlichen Videoproduktion, die nicht in Echtzeit läuft, mehr Möglichkeiten. Zum einen existiert mehr zeitlicher Spielraum für die Nachbearbeitung, zum anderen eine vielfältigere Dramaturgie durch die Möglichkeit mehrerer Takes inklusive der Nachbearbeitung. Das Publikum ist nicht unmittelbar Zeuge dieses Entstehungsprozesses.

Demokratisierung der Mittel

Das Neue an den Entwicklungen der letzten Jahre ist die „Demokratisierung“ der Mittel. Durch immer günstigere technologische Möglichkeiten ist man weniger auf große Produktionsfirmen angewiesen, sondern kann im gewissen Rahmen eine solche Übertragung selbst oder mit einem kleinen Team durchführen. Die Pandemie hat diese Technologien, die vor allem durch die Videospiel-Szene und deren Live Streamings vor Millionenpublikum vorangetrieben wurde, nun ins Augenmerk der klassischen Musik gerückt. Gerade die Musiker*innen, die nicht sowieso schon regelmäßig im Radio oder Fernsehen aufgetreten waren, wurden durch die Pandemie von einem auf den anderen Tag ihres Publikums beraubt. Sie sahen im Live Streaming die Möglichkeit, dieses Publikum zum Teil wieder zurückzugewinnen. Denn: Jeder mit einem Smartphone und einer kostenlosen App kann direkt loslegen und sich streamen. Die Technologie wird gratis von Social Media-Plattformen zur Verfügung gestellt, deren Größe und Rechenkapazitäten ihnen das erlaubt. Man selbst trägt mit dem Streaming als Gegenleistung dazu bei, dass die Nutzer*innen länger auf Plattformen verweilen, was wiederum Werbeeinnahmen für diese bedeutet.

Ein Smartphone mag für reine Sprachübertragungen vielleicht noch ausreichen, klassische Musik hat aber höhere Ansprüche. Das Ziel ist, alle klanglichen Nuancen möglichst getreu zu übertragen und die Ausführenden auf der Bühne im richtigen Licht zu präsentieren. Als Equipment benötigt man dazu hochqualitative Mikrofone und Kameras wie bei einer professionellen Fernsehproduktion sowie die entsprechenden Geräte, um die Signale zu verarbeiten, zusammenzuführen und ins Internet zu übertragen.

Ein Live Streaming beschreibt also eine Echtzeit­übertragung zum Beispiel eines Konzerts im Internet. Dafür notwendig ist eine hohe Bandbreite. Obwohl die Übertragungstechnologien dafür um die Jahrtausendwende entwickelt wurden, gibt es heute immer noch deutlich merkbare Verzögerungen im Live Streaming von ca. 15 Sekunden oder mehr, was bei einer Rundfunkübertragung nicht eintritt. Oft kann man auch einfach über die Time-Shift-Funktion zurückspulen und damit Beiträge, die man verpasst hat, nachsehen, oder die Streamings automatisch nach Ende zum ständigen Abruf bereitstellen wie etwa die Tagesschau im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Vielen jungen Musiker*innen ist bereits seit Langem bewusst, dass die medialen Entwicklungen der letzten Jahre eine öffentliche Präsenz im Internet immer notwendiger gemacht haben. Dort können sie sich präsentieren, um für sich zu werben und damit einen Marktvorteil beinah kostenfrei zu sichern. Beinah kostenfrei deshalb, weil sich Plattformen wie Facebook oder Instagram vor allem durch Werbeanzeigen finanzieren, die durch Nutzerdaten effektiver geschaltet werden sollen. Generell bietet das Internet aber diverse Angriffsflächen für datenschutzrechtliche Fragen, denn Daten ohne rechtliche Grundlage aus dem Internet zu kopieren oder zu vervielfältigen, ist mittlerweile ohne spezielle Fachkenntnisse möglich. Hier sind also Aufklärung und ein konkretes Einverständnis aller Beteiligten besonders wichtig.

Das Internet ist ein visuell geprägtes Medium geworden. Ein neu hochgeladenes Video wird in der Regel eher konsumiert als eine reine Audio-Produktion. Diese hat im Gegensatz dazu eher einen archivierenden Charakter. Aber: Nur ein guter Ton kann der Zuhörerschaft das Gefühl geben, dem Konzertgeschehen so nah wie möglich zu sein. Man kennt die Situation: Wenn in einem Online-Meeting das Bild mal kurz verschwindet, ist das deutlich weniger störend, als wenn der Ton kurz aussetzt.
Die Resonanz der Studierenden auf die ersten Live Streamings war durchweg positiv, denn auch sie suchten, wie so viele ihrer Kommiliton*innen nach Monaten der Einschränkung nach einem Publikum. Viele Musiker*innen beschrieben es zunächst als „etwas seltsam, für fast niemanden zu spielen und nicht zu spüren, wer anwesend ist“ – eine Situation des Ausgeliefertseins. Alle waren jedoch ausgesprochen gut vorbereitet und nahmen die Situation sehr ernst. Ihnen war bewusst, dass die ganze Welt ihnen dabei zusieht, oft auch die Familie aus dem eigenen Heimatland. Das ist vielleicht auch der tröstende Ausblick in die Zukunft. Oft wurde ein Live Streaming in der Pandemie als Notlösung oder „notwendige Alternative“ betrachtet, um überhaupt Konzerte in diesen Zeiten stattfinden zu lassen. Die zu Beginn aufgeführten Beispiele medici.tv und Digital Concert Hall etc. zeigen jedoch, dass dieses Medium sich bereits im klassischen Konzertwesen etabliert hat und immer mehr an Beliebtheit gewinnt. Und wir Studierenden können damit Praxiserfahrungen für unseren späteren Beruf sammeln.

Die Streamings der HfM Detmold werden regelmäßig auf dem YouTube-Kanal unter
www.youtube.com/hochschulefürmusikdetmold übertragen. Aktuelle Hinweise erscheinen auf der Website, im Newsletter sowie in den Sozialen Medien.

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