Geteiltes Konzert ist doppelte Freude

Mozarts „Gran Partita“ für junge und für ältere Zuhörer


(nmz) -

Anlässlich des 51. Deutschen Mozartfestes gab es am 1. Juni 2002 in Bad Arolsen ein „Mozartfest für die ganze Familie“ mit einem vielfältigen, über den ganzen Tag verteilten Programm. Es war von der Hochschule für Musik Detmold konzipiert worden und wurde von Studierenden der Instrumentalklassen, der Opernschule, des Studienganges Schulmusik und des Pilotprojektes „Musikvermittlung“ durchgeführt. Das Consortium der Hochschule spielte ein Werk, das nach Ausbildungsaspekten gewählt und für ein „normales“ Konzert einstudiert worden war: Die Serenade für 12 Bläser und Kontrabass B-Dur KV 361 (370a), die so genannte „Gran Partita“ von Wolfgang Amadeus Mozart.

Ein Artikel von Ernst Klaus Schneider

Anlässlich des 51. Deutschen Mozartfestes gab es am 1. Juni 2002 in Bad Arolsen ein „Mozartfest für die ganze Familie“ mit einem vielfältigen, über den ganzen Tag verteilten Programm. Es war von der Hochschule für Musik Detmold konzipiert worden und wurde von Studierenden der Instrumentalklassen, der Opernschule, des Studienganges Schulmusik und des Pilotprojektes „Musikvermittlung“ durchgeführt. Das Consortium der Hochschule spielte ein Werk, das nach Ausbildungsaspekten gewählt und für ein „normales“ Konzert einstudiert worden war: Die Serenade für 12 Bläser und Kontrabass B-Dur KV 361 (370a), die so genannte „Gran Partita“ von Wolfgang Amadeus Mozart.In ihrer Gesamtlänge (ca. 50 Minuten), dem Charakter, der Dauer und dem Tempo einzelner Sätze entspricht sie als Ganzes nicht dem Aufnahmevermögen von Kindern. Eine solche für die Planung komplizierte Ausgangssituation ist für die Durchführung von Kinder- und Familienkonzerten eher die Regel als die Ausnahme. Schon aus Kostengründen werden vielerorts für die jungen Zuhörer Musikstücke im Konzert angeboten, die ohnehin im Repertoire des Orchesters sind. Für das Familienkonzert müssen aus dem Ganzen Sätze ausgewählt werden, die Kinder ansprechen können. Die Musikstücke müssen dann so präsentiert werden, dass die jungen Zuhörer eine lebendige Beziehung zu der Musik aufbauen können.

Für das Konzert im „Mozartfest für die Familie“ wurde ein Konzept entwickelt, das über die Durchführung eines Familienkonzertes hinausgeht und den Erwachsenen das Hören des ganzen Werkes ermöglicht. Die Veranstaltung wurde in zwei Teile gegliedert:
Erster Teil: Familienkonzert für alle mit drei ausgewählten Sätzen (ca. 50 Minuten Gesamtdauer)

Zweiter Teil:

  • Musikwerkstatt „Moz-Art“ für die Kinder, betreut von Studierenden, mit Tanzen zu dem Menuett II von Mozart und der Gestaltung von Tüchern, die beim Tanz eingesetzt werden.
  • Zeitgleich das Konzert für die Erwachsenen mit der Aufführung der „Gran Partita“.
  • Am Schluss kommen die Kinder in den Konzertsaal zurück und führen vor, was sie in der Musikwerkstatt erarbeitet haben. Das Ensemble begleitet die Kinder beim Tanz.

Vorüberlegungen

Welche Erfahrungsmöglichkeiten öffnen sich für Kinder bei den Menuetten und dem Finale aus Mozarts „Gran Partita“?

… in Bewegung kommen

Gewählt wurden drei Sätze der Serenade, die durchgehend von einem
tänzerischen Impuls getragen sind: Menuett I, Menuett II und Finale. Sie entsprechen in Länge, Tempo und Ausdruckswechsel dem Rezeptionsvermögen von Kindern und eröffnen im Bewegungsimpuls Möglichkeiten der aktiven Beteiligung. Hieraus ergibt sich ein Aspekt für die Moderation.

… die eigene musikalische Welt ordnend aufbauen

Zugleich können Kinder und Eltern an den Sätzen der Serenade Grundlegendes zur Musik erfahren. Dafür bringen alle viele Vorerfahrungen mit: Diese Musik bewegt sich unüberhörbar im Takt. Sie folgt musikalischen Mustern und Ausdruckstypen, die in Tanz und Lied des 18. Jahrhunderts verankert sind und bis heute weithin die Ordnung der musikalischen Welt mit bestimmen: Die vier- oder achttaktige Periodik, die Strukturierung des Zeitablaufs durch Reihung und Wiederkehr von Abschnitten, das Öffnen und Schließen der Taktgruppen als Gestaltungsmuster. Diese Ordnung wird in den Menuetten und dem Finale der Serenade durch den Wechsel im Klang, in der Dynamik, in den Begleitformen, in der Bewegung, in der Agogik und bei der Instrumentenwahl zugleich akzentuiert und immer neu gestaltet: Gleiches erscheint abwechslungsreich und voller Überraschungen in immer neuem Gewand. Daraus ergibt sich ein zweiter Akzent für die Moderation: Kinder sollen das Spiel der Musik mit den Grundelementen hörend mitspielen können.

… sich eine ferne Zeit vergegenwärtigen

In den Menuetten ist eine Bewegungs- und Verhaltenskultur gefasst, deren Umbruch im 18. Jahrhundert durch die Unterschiede der beiden Menuette gut nachvollziehbar ist. Die Art der Bewegung und des Miteinanders teilt uns etwas von der Zeit vor über 200 Jahren mit. Kein Kind würde sich heute so bewegen, es sei denn, es fühlte sich auf einer Bühne. Das Menuett I ist in Tempo und Ausdruck getragen von der Tanzkultur festlich-höfischer Repräsentation; es spiegelt die Bodenwege der Tanzenden und lässt uns die formalisierten Umgangsformen der Menschen damals spüren. Im lebhaften Tempo des Menuetts II dagegen kündigen sich Ländler und Walzer als Zeichen einer neuen Bewegungs- und Körperkultur an. Die höfische Prunkkleidung der Tanzenden gehörte zum höfischen Menuett so wie das die Bewegungsfreiheit ermöglichende lockere (Bauern-)Kostüm zum Walzer. Die Moderation kann den Zuhörern einen Einblick geben in frühere Lebensgewohnheiten und in den kulturellen Kontext der Musik. Sie kann vor Augen führen, was Tanzen ist.

… Mozart als Kind und später als Erwachsenen beobachten

Mozart hat nicht nur viele Tänze zum Tanzen oder zum Zuhören komponiert. Er selbst liebte das Tanzen und in Wien grassierte die Tanzwut. Es bestand beim Adel wie beim Bürgertum ein ungeheurer Bedarf an Kompositionen. Mozart traf hier die besten Musiker, so auch den Klarinettisten Anton Stadler und begeisterte sich für die Klarinette. In einzelnen Episoden kann Persönliches aus dem Leben Mozarts in den Blick kommen.

Szenen des Familienkonzerts

Aus den Vorüberlegungen wurde immer mit Blick auf die Erlebniswelt der Kinder ein Ablauf des Familienkonzerts entwickelt, wobei das Thema stets mit neuen Ansichten eingekreist wird. Gelegentlich wurden scheinbar für die Musik nebensächliche Details einbezogen, weil auch nebenbei bemerktes für Kinder Bedeutung erhalten kann.

Szene 1: Hören im Konzert

Für alle war schon beim Betreten des Konzertsaales das Gemälde der Familie Mozart aus dem Jahre 1780/81 auf einer Bühnenleinwand groß sichtbar projiziert. Die Musiker traten wie in einem normalen Konzert auf und spielten das Menuett I ohne Trios. Durch die Sitzordnung waren die Instrumentengruppen sichtbar und hörbar gegenübergestellt.

Szene 2: Die fremde Alltagswelt von früher durch Vergleich mit der eigenen Alltagswelt entdecken

Nach der Begrüßung durch den Moderator wurden das Gemälde und dann der Kupferstich aus dem Jahre 1764 (Mozart siebenjährig) genau betrachtet. Dies wurde verknüpft mit der Frage: Wie würdest du deine Familie für ein Photo stellen? Von der eigenen Familiensituation der Kinder her kam die Familiensituation Mozarts in den Blick: Die Rolle des Vaters und Bedeutung der Musik wurden erfasst. Es wurde erzählt, dass Mozart nie zur Schule gegangen ist, keine Spielkameraden hatte und als Kind viele Jahre auf Reisen war. Straßenszenen aus Wien, wie sie auch Mozart vor Augen gehabt hat, wurden mit Bildern aus dem 18. Jahrhundert gezeigt. Bei jedem Schritt galt es, an die Erfahrungswelt der Kinder in konkreter Weise anzuknüpfen und Gemeinsamkeiten zu stiften.

Szene 3: Wie funktionieren und klingen Klarinetten, Oboen und Fagotte? Wie klingen sie im Menuett I zusammen?

Mozarts Begegnung mit Stadler und seine Begeisterung für die Klarinette schlug sich nieder in vielen Kompositionen. Dem Tutti des Menuetts I aus der Serenade stellt er im Trio I den Klang der Klarinetten und Bassetthörner gegenüber, im Trio II übernehmen dann die Oboen und Fagotte die führende Rolle. Leitlinie für die Erschließung des Menuetts I war die Beachtung der Instrumente. Mit selbstgebauten Blasinstrumenten aus Bambusrohr und Plastikstück als Zunge wurde anschaulich und anhörlich das Prinzip der Tonerzeugung auf der Klarinette erläutert und vorgeführt. Mehrere dieser Instrumente wurden im Publikum verteilt, weitergegeben und erprobt. Große Heiterkeit über diese Klangerfahrungen. Dem wurde der wunderbare Klang der Klarinette gegenübergestellt. Auf der Klarinette wurde die Melodie des Trios I gespielt, dann mischte sich die zweite Klarinette ein, schließlich gesellten sich die beiden Bassetthörner hinzu. Auf diese Weise war das Trio I allen im Saal „vor Ohren“.

Ein entsprechendes Vorgehen wurde bei der Vorstellung von Oboe und Fagott gewählt, um die Klänge vergleichen und Unterschiede wahrnehmen zu können. Nachdem den Kindern eine Klangvorstellung der Bauteile des Menuetts I vermittelt worden war, wurde der ganze Satz ohne Unterbrechung gespielt. Der Moderator hatte kommentarlos fünf kleine Kästen (drei rote, ein gelber, ein blauer) in der Reihenfolge der Bauteile auf die Bühnenkante gesetzt, eine Hilfe für das Hören.

Szene 4: Mit solcher Kleidung auf die Straße? Verkleidung eines Kindes

Nach einem kurzen Gespräch mit Kindern im Publikum, wie heute und damals ein Musiker sein Geld verdiente, erzählte der Moderator von der Tanzbesessenheit der Wiener und zeigte Bilder von Tanzszenen: Alles erscheint wohl geordnet; die Menschen zeigen sich in höfischer Kleidung der Zeit. Das Gemälde vom siebenjährigen Mozart im höfischen Kostüm wurde groß projiziert: Welche Kleidungsstücke benötigen wir, um ein Kind entsprechend dem Anzug von Mozart einzukleiden? Den Zurufen der Kinder entsprechende Requisiten aus dem Theaterfundus lagen bereit. Der siebenjährige Leo wurde nun auf der Bühne von Kindern eingekleidet. Aus Leo wurde ein anderer, ein kleiner Erwachsener. Ein Mensch, der zum Anziehen Diener brauchte, der sich nun anders bewegen musste – wie auf der Bühne. Aber damit auf der Straße spielen? Die Kleiderordnung und Verhaltensformen einer fernen Zeit wurden anschaulich.

Szene 5: Verkörperung des Menuetts II durch einen Tanz. Was heißt tanzen?

Die Ordnung der Musik in ihrer regelmäßigen und zugleich abwechslungsreichen Periodisierung wurde im Menuett klanglich und als Tanz von Grundschülern aus einer Arolser Schule vorgeführt. Diese Vorführung war im Unterricht vorbereitet worden. Die Mitwirkung von Kindern im Konzert bewirkt, dass es im Saal besonders still wird und Kinder wie Erwachsene konzentriert zuhören und beobachten.

Szene 6: Beim Finale sind alle mit von der Partie

Der Finalsatz ist ein „Kehraus“ in Form eines Rondos mit zwei Couplets und Coda: Dasselbe klingt in immer neuen Zusammenhängen, ein letztes Mal werden von Mozart die verschiedenen Instrumentenkombinationen vorgestellt. Die klare Formung mit Wiederkehr des Refrains und kontrastierenden Couplets ermöglicht die Gestaltung als Mitspielstück, bei dem das gesamte Publikum mitmusiziert: Für den Refrain wurde ein Rhythmusmodell entwickelt, das von der Musik abgeleitet, aber zugleich auch eigenständig ist. Für die Couplets wurden Bewegungen gefunden, die sich deutlich vom Rhythmusmodell unterscheiden. Die drei Elemente wurden vom Moderator mit dem Publikum eingeübt. Dann wurde das gesamte Stück zum großen Vergnügen aller musiziert.

Musikwerkstatt „Moz-Art“ und das Konzert für die Erwachsenen

Während die Erwachsenen die Serenade B-Dur vollständig im Konzertsaal hörten, beschäftigten sich die Kinder in Gruppen (bis zu 15) in zweifacher Weise: Sie tanzten zum einen das Menuett II in verkürzter Form. Für die Gruppe der bis siebenjährigen Kinder wurden ganz freie Bewegungsformen gewählt, für die übrigen ein Tanz mit vorgegebenen Bodenwegen. Zum anderen bemalten sie ein Tuch aus weißem Seidentaft (30 mal 30 cm) mit Filzstiften. Dabei erwies es sich als günstig, die Bemalung einerseits freizustellen, aber auch thematische Angebote zu machen: Wellen und Punkte – Kreise und Linien – Blumen. Insbesondere die abstrakten Aufgaben führten zu farblich und gestalterisch schönen Tüchern. Die Tücher wurden bei der Wiederaufnahme des Tanzes zur Verdeutlichung der Gestik eingesetzt. Zum Abschluss des Konzerts kamen die Kinder in den Konzertsaal zurück und tanzten in den Gängen, vom Bläserensemble begleitet, das eingeübte Menuett.

Informationen zum Studienangebot Musikvermittlung der Hochschule für Musik Detmold

Studienangebot Musikvermittlung
Die Musikhochschule Detmold hatte vor vier Jahren mit dem Pilotprojekt „Musikvermittlung. Konzertpädagogik“ eine Vorreiterrolle in der Ausbildung von Musikvermittlern in Konzerten übernommen. Für Musiker/-innen, Musikpädagog/-innen und Musikwissenschaftler/-innen mit einem abgeschlossenen Studium wurde ein Studienangebot entwickelt, das in Blockseminaren an Wochenenden organisiert ist. Es bereitet vor auf die Moderation und Konzeption von Kinder- und Familienkonzerten, auf die Durchführung von Einführungen bei Abonnementkonzerten und die Entwicklung pädagogischer Programme von Orchestern und Theatern.

An der Ausbildung beteiligt sind die Professoren Joachim Harder, Hermann Große-Jäger und Ernst Klaus Schneider sowie Hochschullehrer/-innen aus den Bereichen Sprecherziehung/Moderationstraining, Regie, Bühnenarbeit. Überdies werden Experten für verschiedene Aspekte des Berufsfeldes einbezogen, die in diesen Feldern an herausgehobener Stelle außerhalb der Hochschule beruflich tätig sind. Das viersemestrige Pilotprojekt „Musikvermittlung. Konzertpädagogik“, das alle zwei Jahre Studierende aufnimmt, beginnt im Oktober 2002 nach zwei abgeschlossenen Durchgängen neu. Anmeldungen müssen bis zum 15. September 2002 in der Hochschule vorliegen. Unterrichtsgebühren fallen nicht an. Ausführliche Informationen: Hochschule für Musik Detmold, Neustadt 22, 32756 Detmold; Tel. 05231/97 57 70; www.hfm-detmold.de

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