Große Koalition

Cluster (2013-11)


(nmz) -
Als ich klein war, habe ich die Politik nicht verstanden, habe vor allem nicht verstanden, warum es Parteien gibt. Vernunft kennt doch keine Partei. Die Lösung eines Problems kennt keine Partei. Und das Ziel der Politik müsse es doch sein, vernünftige Lösungen zu finden. Je größer eine Parteien-Koalition ist, desto besser. Im besten Fall sind 100 Prozent der gleichen, vernünftigen, Meinung.
Ein Artikel von Martin Hufner

Natürlich ist diese Ansicht ziemlich albern. Nirgendwo in der Welt ist man einer Meinung und Vernunft ist eine relative Größe. Genau wie die Kunst. Wenn alles so simpel wäre, würde es doch nicht so viele verschiedene Kompositionen geben, würde es nicht die Teilung zwischen E- und U-Musik geben. Dort, wo es so ist, ist man aber merkwürdig gelähmt.

Eine Organisation, die verschiedene Interessen wahrnehmen muss, kann sich nur über kleinste gemeinsame Ziele verständigen. Je größer der Verein, desto kleiner sind die Gemeinsamkeiten, siehe GEMA, siehe Komponistenverband. Die Politiker haben das Instrumentarium nun erheblich zum Schaden der Kultur verfeinert. Wo eine Koalition einmal war, dividiert man sie auseinander indem man die einen belohnt und die anderen abstraft – wie bei den Musikhochschulen in Baden-Württemberg geschehen. Konstruktive Solidarität ist dann schnell eine kleine Ressource.

Aber hier trifft wenigstens Politik auf Politik. Da hat es die Kunst wesentlich schwerer. Sie lebt ja von der Unterscheidung, von der Vielfältigkeit, von der Abgrenzung und der Überwindung der Grenzen. Sie ist für gewöhnlich nicht konsensfähig, sie ist eben nicht Mittel sondern Zweck. Die Frechheit darauf zu bestehen, erkaufen sich die Künstler regelmäßig mit Armut – wo sie aber versuchen, sich an den politischen Strom der Politik- und angeblichen Wirtschaftsprofis anzuhängen, werden sie zu Marionetten des kulturellen Kapitalismus. Die größte Koalition der Kunst besteht in der Akzeptanz des Eigensinns.

Das könnte Sie auch interessieren: