Gunst-Geschwurbel und Kunst-Faszination

Divergierend Multimediales bei der Münchener Biennale


(nmz) -
„Anders“ bildet sozusagen die DNA der Münchener Biennale. Durch Corona waren Daniel Ott und Manos Tsangaris, die künstlerischen Leiter, dieses Jahr zu mehr als „anders“ gezwungen. Zeitliche Zerdehnung fast aufs ganze Kalenderjahr, räumliche Dislozierung von Produktionen und Aufführungen, Umarbeitung und vieles mehr wurde unter dem schicken Begriff „Dynamische Biennale“ subsummiert.
Ein Artikel von Wolf-Dieter Peter

Ein Zentrum bildet der Dreiteiler, in dem Schorsch Kamerun den Film-Klassiker „M“ als Kostüm nimmt, um angesichts weitverbreiteten Krisen-Gefühls zu fragen „Was ist und wem nützt heutiger Schrecken?“ Doch schon „M1“, in dem Kamerun die Originalhandlung als modernistisches Hörspiel-Feature im Bayerischen Rundfunk anbot (Podcast verfügbar), blieb blass. „M2“ konnte er dann als „Live Konzertinstallation auf dem Marstallplatz als filmische Preview zur Uraufführung von Schorsch Kamerun nach Fritz Lang und Thea von Harbou mit Soundscapes von Cathy van Eck“ präsentieren – da saß der Musiktheaterfreund schon mal beeindruckt vor der abendlich herrlich klassizistischen Marstallplatzfassade und einer großen Videoleinwand, allerlei Installationen und Podien mit Elektronik.

Es folgten Live-Video-Takes von der Marstall-Bühne, von den virusbedingt mobilen Behelfsgarderoben, den Treppen, dem Eingangsportal, dann mal Szenen mit wunderlich kostümierten Figuren links und rechts auf dem Platz; geheimnisvolle Gänge eines „Mysteriums“; die Video-Zentrale eines halb-militarisierten Wachdienstes; ein „Dinner in Weiß“ für zwei „Ermittler“(Evelyne Gugolz, Max Rothbart), einen „Straßenvertreter“( Delschad Numan Khorschid) und den „Apparatschik“(Oliver Stokowski). Mal blähte sich ein silberner Schlauch mit wechselnder Luftfüllung, mal wurde eine lange Lichterkette wellenartig bewegt; ein mehrfach gejagt wirkender „Egophobe“ fuhr im Golf-Cart vor; gegen Ende des 90-Minuten-Spektakels kam ein offener Kulissen-LKW des coproduzierenden Bayerischen Staatsschauspiels mit den vier zuvor ermittelnden, dann dinierenden und jetzt pseudo-moralisch-menschenrechtlich richtenden Protagonisten um die Ecke auf den Platz – fast alles per Video verdoppelt und jetzt handwerklich schauderhaft „draufprojiziert“, alles trotz enormen Technik-Aufwands durchweg irritierend asynchron …

Cathy van Ecks Sound kam über banales Begleitgeräusch nicht hinaus. Ein „Experten-Gespräch“ des Münchner Flüchtlingsratsvorsitzenden und einer Virologie-Professorin versaggerte in Gelaber. Die von Kamerun und Hannah Weiss überwiegend gerapten Songs blieben unter Schlicht-Niveau und die Monteverdi-Klage „Lasciate mi morir“ erklang nicht herzbewegend, sondern „benutzt“. Kamerun landete textlich zwischen ein paar guten lyrischen Zeilen, „Bild“-Schlagzeilen und reichlich „ent-geist-ertem“ Sozio-Philosophie-Mischmasch. „M3“ Ende September als Rettung?

1976 gründete Hans Werner Henze in Montepulciano das Festival „Cantiere“: Dorfbewohner und begeisterte Laien wirkten in künstlerisch erstaunlichem Maße mit. Das Modell übernahm Henze in die Münchener Biennale – was oft zur Überforderung der Beteiligten an der jeweiligen „Münchner Produktion“ führte – diesmal: eine Überraschung.

Der Spielort Reithalle heißt inzwischen „Utopia“. Unverständlicherweise durften nur 40 Besucher auf den Drehstühlen im Zentrum des langen Hallen-Rechtecks Platz nehmen – wohl weil sie rundum – Abstand! – bespielt und beschallt wurden: Mit verunsicherndem Geröllknirschen vom steinigen Randweg; mit runden Klavierakkorden an einem Hallenende und Dissonanzen von handgreiflich malträtierten Klaviersaiten am anderen; von Text (sehr präg­nant und verständlich Erzähler Simon Brusia und der beeindruckend skandierende Laien-Chor) und Gesang (mit leider unverständlicher Sopranwucht Jessica Aszodi) aus nahezu allen Raumrichtungen; von intim melancholischen Gitarrenklängen (Steffen Ahrens und Begleiter); heimeligen Akkordeon-Phrasen (Nikola Kerkez) und leisen Schlagzeug-Rhythmen (Mathias Lachenmayr). Sie alle lösten das Publikum binnen kurzem aus der Realität.

Das war auch das Verdienst von Klang-Zauberer Christoph Bley. Ohne den technisch inkompetenten Aufwand der vorausgegangenen „M“-Produktion beschwor er mit einem einzigen Mischpult auf über 50 Kanälen tatsächlich einen „U-topos“, einen Nicht-Ort voller fabulös schwebendem, oft nicht verortbarem Raum-Klang, der alle Surround-Sound-Orgien von Action-Filmen verblassen ließ. Das an den un­fixierbaren Seufzer von Kleists Alkmene erinnernde „Ach!“ driftete durch die sanft wechselnden Lichtspiele (Jürgen Kolb) – und dann spielte einer an einem alten Röhren-Radio mit oszillierendem Grünauge, während die in den 1950erJahren faszinierenden Stationen „Hilversum“ oder „Beograd“ undundund aufgezählt wurden – wie „Zufallsbegegnungen“ ganz anderer Art als heutige „a-soziale“ Medienplattformen – „Ach! Fast eine Funkoper“ – ja, denn es wurde auch gesungen, persisch, bos­nisch, griechisch, deutsch und englisch. Eben europäisch postnational. Kathrin Röggles Textvorlage ließ einige „Rückkehrer“ von Gestern ihre erste Wohnung erinnern: was passiert, wenn Orte nur noch in unserer Vorstellung existieren? Wie und wo kann man in der Zukunft (über)leben? Ist es möglich, mittels Kunst utopische, imaginäre, mysteriöse Orte, Räume und Identitäten zu schaffen, die vielfältige Visionen und Perspektiven für die Zukunft bieten? Trotz der harten Realität von Umbau, Abriss, besitzergreifenden Immobilienfirmen und „anderen Geistern“?

In der Laut-Sprech-Ton-Wort-Klang-Collage zog der Chor auch einmal aus und kehrte wieder mit fast kultischem Gesang und einem „Wir werden ankommen, den richtigen Weg finden, wissen, wo unser Ort ist“. Immer wieder begleitete eine klangschöne Solo-Oboe die gut einstudierten Abläufe. Seit November hatten Workshops der Münchner Volkshochschule mit den erst neugierigen und dann begeisterten Laien geprobt – und das größte Kompliment, das man dem für Komposition, Konzeption und künstlerische Gesamtleitung zuständigen Trio Cathy Milliken, Robyn Schulkowsky und vor allem Dietmar Wiesner machen kann, ist: Sie haben nicht sich selbst mit ihrer Kunst zu profilieren versucht, sondern die erstaunlichen Fähigkeiten ihrer Mitwirkenden entwickelt, gefördert – und sie nie überfordert. Daraus erwuchs eine dichte, in Bann ziehende Stunde, die über alle beschworenen Krisen und Verunsicherungen hinaus einen zwar nicht handgreiflichen, aber Herz und Sinn bestärkenden Ort beschwor, wo Halt und Orientierung und Miteinander möglich sind: im Kunstwerk.
  

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