Haupt- und Nebenpfade der Musikgeschichte

Lebendige Archivalien aus Regensburg und eine Monografie zu Heinrich Ignaz Franz Biber


(nmz) -
Musikgeschichtsschreibung: Das war in der Vergangenheit oft eine reine Heroengeschichte großer Komponisten. Doch das hat sich gewandelt. Längst fällt der Blick der Musikologen auch auf die tragende kulturelle Bodenschicht: auf das Musikleben im Kleinen und seine lokalen Institutionen. Im Falle der Stadt Regensburg hat der Musikforscher Thomas Emmerig schon vielfach Pionierarbeit geleis­tet, mit einer in der „Schriftenreihe des Sudetendeutschen Musikinstituts“ erschienenen Spezialstudie trägt Emmerig abermals zur Dokumentation des Regensburger Musiklebens bei. Die mit „Musik im Archiv“ betitelte Neuerscheinung widmet sich den Konzerten, die Thomas Stolle in den Jahren 1987 bis 1995 organisierte, während er als Leiter des seit 1966 in Regensburg ansässigen „Musikarchivs der Künstlergilde e.V.“ amtierte, in dem die Werke von Komponisten aus den ehemals deutsch geprägten Kulturlandschaften des Ostens gesammelt wurden. Stolle, sowohl als praktischer Musiker wie als Forscher erfahren, verfolgte seinerzeit das Ziel, die im Archiv gesammelten Musikalien ihrem Dornröschenschlaf zu entreißen und wieder an die Öffentlichkeit zu bringen.
Ein Artikel von Gerhard Dietel

Einer kurzen Charakterisierung der Person Thomas Stolles lässt Emmerig eine umfangreiche Sammlung von Zeugnissen von dessen Regensburger Wirken folgen: Die Termine und Orte der einzelnen Veranstaltungen und ihre Programme inklusive zugehöriger Werkkommentare werden ebenso erfasst wie das jeweilige Presseecho. Nachvollziehbar wird, wie Stolle im geschickten Mix mit Repertoire-Stücken den Regensburger Musik-Interessierten viel Unbekanntes präsentierte. Komponisten wie Ernst Toch, Viktor Ullmann und Fidelio Fritz Finke tauchen in seinen Zusammenstellungen auf, die man noch einigermaßen kennt oder deren Werk inzwischen wieder mehr Beachtung findet, dazu andere wie Waldemar von Baußnern, Richard Wetz, Hans Feiertag, Hans-Klaus Langer, Rudolf Leberl oder Johannes Bammer, deren Musik nach wie vor wenig öffentliches Interesse erfährt. Dass auf deren Werke abermals hingewiesen wird, ist ein erwünschter Nebeneffekt von Emmerigs Forschungsarbeit.

Einem wahrhaftigen Heros der Musikgeschichte ist dagegen die andere, gleichzeitig in derselben Schriftenreihe erschienene Publikation gewidmet: dem im späten siebzehnten Jahrhundert als Salzburger Hofkapellmeister wirkenden Heinrich Ignaz Franz Biber. Dieser war freilich nach seinem Tode erst einmal gründlich vergessen, bevor die Wiederentdeckung im Zuge des Historismus begann: zunächst mit der Edition einiger seiner Violinsonaten in den „Denkmälern der Tonkunst in Österreich“ im Jahre 1898, später mit der zunehmenden Wiedereinbürgerung seiner Musik in das Konzertleben durch die historische Aufführungspraxis.

Wer eine konzise Darstellung von Bibers Leben und Schaffen lesen will, ist mit dem vorliegenden, sprechend „Der Mann fürs ‚pizare‘“ betitelten Band bestens bedient. Tobias Klein, einer der beiden Autoren, zeichnet im biographischen Teil Bibers Lebensstationen nach und entwirft das Porträt eines selbstbewussten Künstlers, der karrierehalber aus seiner ersten Stellung in Kremsier desertierte und in der neuen Salzburger Position den Ehrgeiz nach einem Adelstitel schließlich befriedigt fand. Nicht überraschen darf es den Leser freilich, dass in der Beschreibung von Bibers frühen Jahren ein ums andere Mal Vokabeln wie „vermutlich“ und „wahrscheinlich“ auftauchen.

Randolf Jeschek, der zugleich als Herausgeber fungiert, behandelt die Mehrzahl der erhaltenen Kompositionen im kurzen Überblick, darunter auch die inzwischen Biber als Autor zugeschriebene, im Aufwand wahrlich „pizare“ 53-stimmige „Missa Salisburgensis“. Breiteren Raum gibt Jeschek nur der Beschreibung von Bibers technisch innovativer Violin-Solo-Musik, darunter vor allem den „Rosenkranzsonaten“, einem programmatischen Zyklus, der vor allem durch den Gebrauch der „Skordatur“ berühmt geworden ist: Die einzelnen Sonaten des „freudenreichen“, „schmerzhaften“ und „glorreichen“ Rosenkranzes erhalten ihren je eigenen Charakter durch wechselnde Stimmungen der vier Violinsaiten.

„Musik im Archiv“ – Thomas Stolle und die Konzertreihe des Musikarchivs der Künstlergilde e.V. in Regensburg 1987–1995 (neue wege – nové cesty: Schriftenreihe des Sudetendeutschen Musikinstituts, Band 8), hrsg. v. Thomas Emmerig, ConBrio, Regensburg 2014, 224 S., e 19,90, ISBN 978-3-940768-50-6

Der Mann fürs ,pizare‘ – Leben und Werk des Heinrich Ignaz Franz Biber (neue wege – nové cesty: Schriftenreihe des Sudetendeutschen Musikinstituts, Band 7), hrsg. v. Randolf Jeschek, ConBrio, Regensburg 2014, 104 S., e 14,90, ISBN 978-3-940768-49-0

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