Heimat als Summe von Orten und Kontakten

Das „Forum neuer Musik“ im Deutschlandfunk Köln zum Thema „Jüdische Identitäten“


(nmz) -
Konzert oder Gottesdienst? Als der Sänger auf der Bühne plötzlich begann, liturgische Verse des Mincha-Gebets vorzutragen und auch das Instrumentalensemble und einige Personen im Publikum mit einstimmten, stellte sich das ebenso befremdliche wie faszinierende Gefühl ein, einer synagogalen Andacht beizuwohnen. Die von dem Bariton und Kantor Assaf Levitin dargebotenen jüdischen Gesänge waren allerdings nur einer von mehreren Bausteinen des Projekts „Mekomot“, das in diesem Jahr das Kölner „Forum neuer Musik“ des Deutschlandfunk unter dem Motto „Jüdische Identitäten“ eröffnete.
Ein Artikel von Leonie Reineke

Als Konzerttournee 2015 begonnen, soll „Mekomot“ neues Leben an verwaiste Orte bringen: Ein Kollektiv internationaler Instrumentalisten und Komponisten jüdischer Herkunft bereist alte, teils im Verfall begriffene Synagogen mit fünf eigens für das Projekt entstandenen Kompositionen, die im Wechsel mit den traditionellen liturgischen Gesängen dargeboten werden. Auf unterschiedliche Weise setzen sich die neuen Stücke mit jüdischer Identität und kultureller Begegnung auseinander. Die Komponistin Sarah Nemtsov initiierte „Mekomot“, um die geschichtsträchtigen Bauwerke, die ihrer systematischen Vernichtung im Zweiten Weltkrieg standgehalten haben, zu Orten eines zeitgenössischen jüdischen Lebens zu machen, das sich sowohl aus Erinnerung als auch aus gegenwärtiger Kunsterfahrung speist.

Die Aufführung im Deutschlandfunk war insofern ein Ausnahmefall des Projekts, als das Ambiente des mit Parkett ausgekleideten, durch Digitaluhren geschmückten und akustisch trockenen Kammermusiksaals wohl kaum mit dem einer alten Synagoge verglichen werden kann. Dennoch gelang es dem Mekomot-Ensemble, eine eigentümlich andachtsvolle Atmosphäre auf der Bühne herzustellen: Sarah Nemtsovs Stück „Ashrei“ wirkte mit der Kombination von Klängen einer verzerrten E-Gitarre und einem auf hebräisch vorgetragenen Gebet wie eine – dem Zeitgeist durchaus entsprechende – Hybridgattung aus traditionellem geistlichem Besinnungsakt und westlicher, extrovertierter Noise­-Performance. Im aktuellen Geschehen verortete auch der 1983 geborene Israeli Amit Gilutz seine Komposition „Galut Ve’Shiva“, in der er das in Gustav Mahlers dritter Symphonie vertonte „Nachtwandlerlied“ von Friedrich Nietzsche mit gezielt überzeichnet gesungenen Zitaten des 2015 vieldiskutierten Gesprächs zwischen Angela Merkel und einem libanesischen Flüchtlingsmädchen besetzt hat. Diese Verknüpfung drängte die provokante Frage nach der Akzeptanz des im Westen nach wie vor herrschenden eurozentrischen Weltbildes auf, womit eine Thematik angestoßen war, die automatisch jeden Zuhörer etwas anging.

Und gerade solche Ansätze bilden das ideelle Fundament des „Forum neuer Musik“, das explizit nicht als „reines“ Musik-Festival verstanden werden soll, sondern als Plattform für die (künstlerische) Verhandlung gesellschaftspolitischer Themen, wobei neben Konzerten auch eine Reihe von Lectures und Podiumsdiskussionen angeboten werden: So gab der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov zum Festivalauftakt einen Überblick über die Geschichte jüdischer Musikkultur(en) und richtete den Fokus besonders auf die „Neue Jüdische Schule“ – eine Strömung, bei der Anfang des 20. Jahrhunderts Komponisten nach einer dezidiert neuen, sich von der Tradition abhebenden jüdischen Musik suchten.

Weitaus spezifischer noch fiel der Vortrag des Musikjournalisten und Komponisten Thomas Beimel aus, der mit Myriam Marbe und Anatol Vieru zwei rumänische Komponistenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts vorstellte, die sich beide nur verhalten – nicht zuletzt aufgrund der persönlichen Erfahrung von Ausgrenzung und Verfolgung – zu ihrer jüdischen Identität, auch in ihren Werken, geäußert oder bekannt haben. In einem an den Vortrag angedockten Konzert spielte das Bukarester „Ansamblul Profil“ Musik der beiden Komponisten gemeinsam mit der Uraufführung von „The Journey“ des 1977 geborenen Rumänen Cris­tian Lolea: Für das Stück hatte Lolea sich mit der Frage befasst, ob und wie jüdische Identität aktuell noch musikalisch fassbar ist. Das klingende Ergebnis – ein Ensemblestück, dessen Stil- und Gestenspektrum breiter nicht sein könnte – lieferte die Antwort: Von pseudoromantischen Momenten bis hin zu plakativen Klezmer-Anklängen schien sich hier mehr eine Orientierungslosigkeit als eine Identitätsfindung manifestiert zu haben. „In der Zeit der Globalisierung“, so Lolea selbst, „neigen Identitäten grundsätzlich dazu, sich in eine sehr verbreitete, allgemeine neue Lebensweise aufzulösen.“

Hiermit war ein Gedanke angestoßen, der dem Festivalthema ohnehin innewohnte: Im Laufe der vier Tage verwandelte sich der anfangs noch konkrete Zugriff auf das Motto „Jüdische Identitäten“ kontinuierlich in die eher abstrakte Frage, was „Identität“ heutzutage überhaupt ausmache. So waren sich die Komponistinnen Sarah Nemtsov und Chaya Czernowin unmissverständlich einig, dass „Heimat“ sich in ihren Fällen weniger über eine lokale Bestimmung definiert, sondern vielmehr über die Arbeit sowie die Summe aller Aufenthaltsorte und sozialen (auch virtuellen) Kontakte. Die in Israel geborene und mittlerweile in Deutschland und den USA lebende Chaya Czernowin lehnt es entschieden ab, als „Komponistin jüdischer Herkunft“ und damit als Trägerin einer bestimmten Geschichte charakterisiert zu werden.

In ihren Kompositionen sucht sie stattdessen nach Zugängen zu Innerlichkeit und Körperlichkeit, die möglichst unabhängig von individuellen Narrativen sind: So stand in ihrem Stück „Adiantum Capillus-Veneris. Etudes in Fragility“ vor allem das – im Gegensatz zur Sing- oder Sprechstimme „neutrale“ – Moment des Atmens im Vordergrund. Auch in ihrer Komposition „Hidden“, dem vom US-amerikanischen JACK Quartet dargebotenen musikalischen Höhepunkt des Festivals, schimmerte eine „jüdische“ Identität nicht mal mehr subkutan durch: Elektronische, über 25 Lautsprecher in den Raum verteilte Sounds bildeten gemeinsam mit dem Streichquartett ein schwarmartiges, zwischen Rauschen und klar definierten Tonhöhen mäanderndes Klangbild, das die Entscheidung, ob mehr Ton- oder mehr Geräuschanteil wahrzunehmen ist, fast unmöglich machte.

Aber gerade diese Uneindeutigkeit der Musik entspricht vermutlich exakt der Idee des „Forum neuer Musik“: Als Ort „des politischen Blicks auf Kultur“, so der künstlerische Leiter Frank Kämpfer, soll das Festival seinen Besuchern weder allgemeingültige Aussagen noch finale Statements liefern, sondern Raum für Diskurs, Kontroverse und Perspektivenvielfalt bieten. Thematisch bewegt sich das „Forum“ vielleicht eher abseits der Hypes und Moden des Neue-Musik-Betriebs, scheint aber dafür umso stärker in aktuellen gesellschaftlichen Debatten verankert zu sein.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.

Ähnliche Artikel