Hier schlägt der europäische Puls weiterhin

Eindrücke vom 2. Europäischen Musikschulsymposium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien


(nmz) -
Vom 10. bis 11. Oktober 2019 fand an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien das zweite europäische Musikschulsymposium statt. Das Thema lautete „Music schools – Master of collaboration. Creating interfaces in music education systems“. Beim Symposium kamen 140 Teilnehmende aus ganz Europa zusammen, um sich mit Experten und Expertinnen aus 25 Ländern über die aktuellen Forschungsergebnisse und Trends an Musikschulen auszutauschen. In 32 Präsentationen wurden zahlreiche Ansätze und vielfältige Perspektiven einer umfassenden musischen Bildung in Europa dargestellt, welche institutionelle Grenzen überschreitet und mehr noch, im Regelfall Ergebnis des Zusammenwirkens verschiedener Institutionen ist. Die Atmosphäre unter den Teilnehmenden war angenehm, offen und wertschätzend – so kann sich europäische Gemeinschaft anfühlen, dank all der anwesenden Musiker/-innen, die durch ihren Einsatz für musikalische Bildung länderübergreifend verbunden sind.
Ein Artikel von Heike Henning

Das Symposium startete mit einer kurzen Opening Ceremony, in der Ulrike Sych, Rektorin der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien zusammen mit Philippe Dalarun, dem Präsidenten der European Music School Union (EMU) und Michaela Hahn, Organisatorin der Tagung und Expertin für das Bundesland Niederösterreich in der Konferenz der österreichischen Musikschulwerke (KOMU), die teils weitgereisten Teilnehmer begrüßten. Es folgten zwei Keynote-Vorträge: Im ersten sprach Peter Renshaw (Guildhall School of Music & Drama) zum Thema „Kooperation – Mythos oder Realität?“. Er forderte die anwesenden Vertreter/-innen überwiegend musikschulbezogener Bildung zum Nachdenken darüber auf, wie offen sich Musikschulen in Bezug auf notwendige Veränderungen bzgl. bestehender Musik(schul)kultur zeigen. Es wurde auf Fragen eingegangen wie: Wie groß ist die Kluft zwischen dem Sprechen über Kooperationen und deren Realität im alltäglichen Arbeiten? Welche Rollen kommen Musikschulen künftig zu? Wo sind Adaptionen an eine sich stets verändernde Gesellschaft notwendig? Inwieweit gestalten Musikschullehrkräfte proaktiv den kulturellen Wandel?

Im zweiten Keynote-Vortrag sprach Wolfgang Lessing von der Hochschule für Musik Freiburg über die Unterschiede in der musikpädagogischen Spezialisierung der Instrumentalpädagogen und Schulmusikerinnen. Er differenzierte die Unterschiede in den Zielsetzungen und Sichtweisen dieser Personengruppen, welche jeweils ihrem spezifischen Berufsfeld entstammen und deren Sichtweisen, die hierdurch spezifische Prägungen erfahren. Eine gelungene Kooperation zwischen Lehrpersonen dieser beiden Bereiche fußt auf dem Wissen und der Wertschätzung ihrer jeweils spezifischen Qualitäten. Es gilt, ihre Sicht- und Empfindungsweisen in den anzahlmäßig zunehmenden Kooperationen und Teamteaching-Situationen gewinnbringend zusammenzuführen. Lessing betont, dass im deutschsprachigen Raum nach wie vor große institutionelle Grenzen zwischen schulischer Musikerziehung und Instrumentalunterricht bestehen. Bedingung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sei eine klare Definition der jeweiligen professionseigenen Berufung und der daraus resultierenden Einstellungen gegenüber Lernprozessen.

In drei Roundtable-Gesprächen wurden Möglichkeiten der Talentförderung vorgestellt und verschiedene Wege aufgezeigt, wie Musikschulen, Konservatorien und Universitäten im Bereich der Begabungsförderung zusammenwirken können. Entwicklungen und Kooperationen in diesem Bereich sind für alle Beteiligten (Schüler, Lehrperson und die jeweiligen Institutionen) zielführend, bedenkt man, dass in der Regel an den örtlichen Musikschulen die entsprechenden Begabungen primär entdeckt und gefördert werden bis einzelne Schüler/-innen dann beispielsweise in Pre-College-Programmen oder anderen Talentförderungen den Kunstuniversitäten oder vergleichbaren Institutionen zugeführt werden können. Die eine Ausbildung baut auf der anderen auf, der Lernprozess des Schülers wird weitergeführt. Hier gilt es Schnitt- und Nahtstellen kreativ zu gestalten und Kontaktstellen zwischen den Institutionen zu bedenken und zu erweitern. Eine andere Diskussionsrunde widmete sich dem instrumentalen Gruppenunterricht, der nach wie vor von vielen Instrumentalpädagogen als zweitrangig eingestuft wird. Es wurden Chancen und Herausforderungen dieser Unterrichtsform diskutiert und bestehende Konzepte und Formen der Umsetzung vorgestellt. Hierbei wurde stets auch die gesellschaftliche Verantwortung der Musikschulen thematisiert: Umfassende musikalische Bildung erfordert individuelle Lehr- und Lernformen in sämtlichen Teildisziplinen ebenso wie vielfältige musikalische Unterrichtsformate. Gruppenunterricht ist gerade im Kontext institutioneller Kooperationen notwendig, damit jede Person ihr persönliches musikalisches Ziel erreichen kann. Im dritten Roundtable stand eine der jüngsten gemeinsamen Forschungsaktivitäten der Länder Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark im Mittelpunkt. In einer Zusammenarbeit von fünf nordeuropäischen Forschenden wurden Ergebnisse aus 570 Veröffentlichungen systematisch zusammengefasst und veröffentlicht. Dieser Bericht umfasst Erkenntnisse aus den Bereichen Didaktik, Struktur, Leitung, Politik, Kooperationen mit Allgemeinbildenden Schulen, Schülerperspektiven, beruflicher Werdegang, Demokratie und Inklusion. Im Rahmen dieses Roundtables wurde dieser Bericht vorgestellt und vertieft.

Mit international renommierten Vortragenden bereicherte dieses europäische Symposium zur Musikschulforschung ein zweites Mal all jene, die nach Wien angereist waren und den musikpädagogischen Diskurs durch ihre Beiträge vorangebracht haben. Dieser Austausch in dem europäischen Netzwerk, das sich auch durch dieses Symposium weiterentwickelt, wurde vor zwei Jahren auf Initiative der mdw begonnen und in diesem Jahr erfolgreich fortgesetzt. Dieses Mal mit Festlegung auf eine Thematik, nämlich die der Kooperationen von Musikschulen, welche einen großen Personenkreis angesprochen hat. Der Pulse of Europe ist ungebrochen, spürbar und trotz aller politischen Unruhen zumindest aus musikpädagogischer Sicht weiterhin beständig und stark!

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