Hochfrequente Doppelbelichtungen

Neue CDs neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek


(nmz) -
… was das französische Ensemble LINKS hier mit Steve Reichs üppig eingespielter „Music for 18 Musicians“ (1976) anstellt, ist das Brechen jeglicher Prinzipien wert. | Sabine Liebner verdanken wir maßgebende Einspielungen der Klaviermusik der amerikanischen Avantgarde, in jüngster Zeit widmet sie sich verstärkt dem exzeptionellem ‚Werk‘ Giacinto Scelsis. | „Flock“ (engl.: Schwarm) ist diese erfrischend experimentelle Soloproduktion der schwedischen Geigerin Karin Hellqvist betitelt und in der Tat sind es oft ganze Schwärme von Klängen, die im Dialog mit elektronischen Verfahren hier Hellqvists Arbeitsgerät entspringen und die Grenzen von Instrumentalklang und Elektronik dabei bewusst in vielfältigen Mischformen auflösen.
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

Eigentlich ist hier nicht der Ort, um Klassiker des vergangenen Jahrhunderts in der x-ten Wiedereinspielung vorzustellen, aber was das französische Ensemble LINKS hier mit Steve Reichs üppig eingespielter „Music for 18 Musicians“ (1976) anstellt, ist das Brechen jeglicher Prinzipien wert. So durchhörbar, kristallin, leuchtend und locker groovend hat man Reichs Klassiker selten gehört, vielleicht sogar noch nie. Das liegt nicht allein an einer vergleichsweise flüssigen (aber nie hektischen) Gangart, die auch frühere Interpretationen des Ensembles deutlich überbietet. Die crescendierenden Wellen der Stimmen und Holzbläser und beharrlichen Pulse von Klavier und Schlaginstrumenten verschmelzen hier zu einem atmenden Organismus, der ein Eigenleben jenseits der Gesetze spieltechnischer Schwerkraft zu führen scheint. (Kairos)

Sabine Liebner verdanken wir maßgebende Einspielungen der Klaviermusik der amerikanischen Avantgarde, in jüngster Zeit widmet sie sich verstärkt dem exzeptionellem ‚Werk‘ Giacinto Scelsis. Die Interpretationen seiner Klaviersuiten Nr. 8 und 11 knüpfen nahtlos an die Qualität der Vorgänger-CD (mit den Suiten Nr. 9 und 10) an. Die achte Suite „Bot-Ba“ (1952) reflektiert besonders intensiv Scelsis folgenreiche Affinität zum asiatischen Kulturkreis, der im Untertitel  unmissverständlich annonciert wird: „Eine Evokation Tibets mit seinen Klöstern im Hochgebirge.“ Doch Scelsis Musik ist frei von deskriptiven Exotismen und versenkt sich in seinem dichten Gewebe aus Tremolo, Trillern und Repetitionen immer wieder tief in den Einzelton. Sabine Liebner gestaltet dies mit einer skulpturalen Plastizität und klanglichen Differenzierung, die den Referenzeinspielungen von Hinterhäuser und Wambach in nichts nachsteht, auch wenn sie nicht ganz so brutal in die Extreme geht. Diskografisch interessant wird diese Produktion durch die selten eingespielte Suite Nr. 11 (1956), die als besonders kontrastive (manchmal auch vielleicht etwas inkongruente) Zusammenstellung von Einzelsätzen erscheint. Die generell improvisatorische Herkunft von Scelsis Musik erscheint in seinen Klavierstücken mit der größten Unmittelbarkeit, in manchen Sätzen der Elften kommt dies aber auch mit einer gewissen Unverbindlichkeit daher (z. B. in den melodischen Fragmenten des sechsten Satzes). Im Vergleich zu Scelsis anderen Suiten betont die elfte in auffälliger Weise den Aspekt des Rhythmischen und verweist dabei im „Barbaro“ überschriebenen dritten Satz sogar auf Bartók als Vorbild. Dennoch: Die Energie, die aus der Spannung von Klangereignis und Resonanz erwächst, ist hier zentrales Thema, das Liebner nicht nur in den brachialen Clustern und Akkordbeben des letzten Satzes zum elementaren Ereignis macht. (Wergo)

„Flock“ (engl.: Schwarm) ist diese erfrischend experimentelle Soloproduktion der schwedischen Geigerin Karin Hellqvist betitelt und in der Tat sind es oft ganze Schwärme von Klängen, die im Dialog mit elektronischen Verfahren hier Hellqvists Arbeitsgerät entspringen und die Grenzen von Instrumentalklang und Elektronik dabei bewusst in vielfältigen Mischformen auflösen. Zum Beispiel in Carola Bauckholts „Doppelbelichtung“ (2016), das die Grenzen von Natur und Kunst gleich mit auflöst, wenn die Violine hochfrequente Reaktionen und Imitationen von Vogelstimmen produziert, die in hybriden Wiederholungsschleifen mehrfach belichtete Klangräume projizieren. Ein spannender Dialog mit vorproduzierten Streichersounds findet auch in Jan Martin Smørdals „flock foam fume“ (2016) statt, das in den unterschiedlichen Aggregatzuständen von „Schwarm“, „Schaum“ und „Rauch“ aufgeraute Geräuschflächen mit figurativen Spurenelementen der Violinliteratur konfrontiert. Während Henrik Strindberg sich in „Femte strängen“ (2009) auf ein latent abgegriffenes Arpeggio-Geflimmer beschränkt, durchdringen sich im frühen „… när korpen vitnar“ (2003) von Malin Bång virtuose Violin-Rhetorik aus Folklore und Moderne zu einer vielfach gebrochenen Expressivität. Opus magnum dieser mit feiner Nadel gestrickten Anthologie ist Natasha Barretts „Sagittarius A*“ (2017), eine halbstündige Klangreise durch ungreifbare Sphären von Live-Spiel und elektroakustischer Transformation. (Lawo)

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