Hoher Eigenwert

Christoph Delz: Sämtliche Werke Vol. 1


(nmz) -
Christoph Delz: Sämtliche Werke Vol. 1: Opp. 1–3, 5–9, 14; verschiedene Interpreten
Audiomax/MDG/Codaex 707 1541-2 (3 CDs)
Ein Artikel von Mátyás Kiss

Der im Umgang freundliche, aber stets ein wenig zurückhaltende Schweizer Christoph Delz (1950–1993) war als Komponist kein Wunderkind, aber auch kein Frühvollendeter. In den achtzehn Schaffensjahren, die ihm vergönnt waren, brachte er es auf gerade vierzehn Opuszahlen, und gewisse Lücken in der Werkbiographie verweisen auf diejenigen Stücke, die der unablässig, sorgfältig und äußerst selbstkritisch Arbeitende nach Vollendung wieder zurückzog.

Um seinen Nachlass kümmert sich eine von ihm selbst ins Leben gerufene Stiftung, und fast ein wenig zu spät – wenn man die von jeher geringe Präsenz seiner Werke im kontinentalen Musikleben bedenkt (manches Wichtige wurde in Großbritannien uraufgeführt) – erscheint nun eine Box mit neun Rundfunkproduktionen, von denen sechs bereits zu Delz’ Lebzeiten auf CD greifbar waren.

Als Tonträgerpremieren erklingen hier „Siegel“ op. 3, „Die Atmer der Lydia“ op. 5 (eine seiner berühmten „Transkompositionen“ für Orchester, übrigens in einer Neuproduktion des SR Saarbrücken) und „Istanbul“ op. 14. Die meisten seiner Werke integrieren des Komponisten ureigenstes Ausdrucksmittel, das Klavier; folglich ist er fast durchgängig auch als Interpret seiner meist virtuose Anforderungen stellenden (und folglich zahlreiche Proben erfordernden) Werke zu erleben – mit einer Ausnahme freilich: „Istanbul“, das letzte und längste Stück seiner Laufbahn, in dem Pi-Hsien Chen den Klavierpart übernahm, denn der Komponist war wenige Tage vor der Uraufführung gestorben.

Kammermusikalische Besetzungen sind auf das Frühwerk (1975–1982) beschränkt: Die Opusnummern 1, 2 und 7 hat Delz respektive Klavier, Klavierquartett und Streichquartett zugedacht. Schon ab 1977 (dem Beginn der Arbeit an der „Kölner Messe“ op. 4) fällt eine in der Generation von Delz eher seltene Vorliebe für den Einsatz von Chören auf. Die vielsprachigen und nur punktuell verständlichen Textvorlagen collagierte er, darin an Nono erinnernd, aus vielerlei Quellen und ließ sie ebenso oft deklamieren wie singen. Auch die Musik lässt seine Vorliebe für Zitate, Anspielungen und Umkehrungen erkennen: Delz war eingestandener Eklektiker, nicht aus einem Mangel an Inspiration, sondern aus der Überzeugung heraus, dass ein wirklicher Personalstil heutzutage nicht mehr möglich ist. Er machte, um ein Wort Strawinskys zu gebrauchen, „Musik über Musik“, gelangte dabei aber ironischerweise zu erstaunlich persönlichen Ergebnissen. Erst die Konserve eröffnet einen adäquaten Zugang zu Delz’ Musikdenken, weil sich Worte und Klänge erst beim wiederholten Hören von den historischen Vorbildern lösen und im veränderten, auch durch das Mithören der ganzen Werkgestalt vergrößerten Kontext ihren hohen Eigenwert erkennen lassen. Möge Vol. 2 also recht bald erscheinen und sowohl in den Konzertsälen als auch in akademischen Kreisen für eine kleine Delz-Renaissance sorgen, die für den Großteil der Öffentlichkeit auf eine posthume Entdeckung hinausliefe.

 

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