„Ich brauche immer erst den Text“

Der Komponist Eriks Ešenvalds im Gespräch über sein Chorschaffen


(nmz) -
Der mit zahlreichen Preisen dekorierte und international aufgeführte lettische Komponist Eriks Ešenvalds (*1977) hat sich vor allem im Bereich der Chormusik einen Namen gemacht. Burkhard Schäfer sprach mit ihm über den Schaffens­prozess, seine musikalischen Wurzeln und seine Insprirationsquellen.
Ein Artikel von Burkhard Schäfer

neue musikzeitung: Herr Ešenvalds, woher kommt Ihre Vorliebe für Chormusik und was fasziniert Sie so daran, für Stimmen zu komponieren?

Eriks Ešenvalds: Wenn ich für die menschliche Stimme schreibe, bin ich in der Lage, sowohl das musikalische Material als auch den Text zu erschaffen, das heißt, Chormusik gibt mir die Möglichkeit, diese Kombination aus beidem zu ergründen: Text und Musik. Ein Chor benötigt keinen anderen Zusatz mehr, um seine Musikalität auszuleben, da er ein vollständig ausgestatteter musikalischer Organismus ist, der allein aus sich heraus wunderbare Musik zum Leben erwecken und dabei die Weite einer symphonischen Skala erreichen kann. Die menschliche Stimme hat einen größeren Variationsumfang als ein Instrument – und sie hat zusätzlich die Möglichkeit, einen Text zu produzieren, was eine einmalige Sache ist. Und: ein Chormitglied kann nebenher etwa ein Triangel oder Wassergläser bespielen.

nmz: Als Chorkomponist sind Sie sehr berühmt. Was, glauben Sie, ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Ešenvalds: Ich kann Ihnen die Geheimnisse meiner musikalischen Sprache verraten. Für mich ist das wichtigste die Harmonie. Ich verwende so viele Stunden, Tage und Wochen, um an dem musikalischen Material zu feilen: an der Polyphonie, an der Harmonie. Dann fängt meine Musik an zu fliegen. Jede einzelne Linie in der Polyphonie muss ihr eigenes Innenleben besitzen. Tatsächlich singe ich zuerst selbst alle Stimmen für mich durch. Erster Bass, zweiter Bass, erster Tenor, zweiter Tenor und so weiter. So kann ich beurteilen, wie komfortabel die Komposition zu singen ist. Für mich stellt sich die Frage: Klingt das Werk natürlich für die Stimme? Dies löst dann im Idealfall einen Musik-Flow für die Interpreten aus. In meiner künstlerischen Sprache ist diese fließende Harmonie spürbar. Das heißt für mein Vorgehen auch; ich muss immer zuerst den Text für meine Kompositionen finden. Wenn ich ein neues Werk in Angriff nehme, gehe ich zur Bibliothek und lese Bücher, Texte, Gedichte. Ich muss zuerst eine Idee finden für den Text. Dann erst gehe ich zum Klavier und fange an zu komponieren. Die Lyrik muss fließen, deshalb liebe ich vor allem lange Sätze und Perioden.

nmz: Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen Auftrag erhalten? Sind die Chöre in den Kompositionsprozess mit involviert, auch was die zu vertonenden Texte betrifft?

Ešenvalds: Das ist ein sehr ernsthaftes und sensibles Thema. Ich denke, diese Frage hängt von den jeweiligen Umständen und Komponisten ab. Ich selbst bevorzuge komplette Freiheit. Denn nur, wenn ich komplette Freiheit habe, kann ich die großen Flügel entwickeln, um in meine kreative Vorstellungskraft fliegen zu lassen. Wenn ich Beschränkungen spüre, werden meine Flügel beschnitten. Aber ich bitte einen Chor immer, mir seine Aufnahmen zu schicken, um dessen Möglichkeiten kennenzulernen. Denn ich möchte nicht für einen guten Amateurchor ein zu herausforderndes Stück schreiben, das wiederum einfach wäre für den Chor des Bay­erischen Rundfunks, aber eben für den Amateurchor einen Alptraum bedeuten würde. So wäge ich das Können jedes Chors ab. Aber wenn die Sänger mir einen Text vorschlagen wollen, funktioniert es so herum normalerweise nicht. Ich benötige es für mich, dass der Text frei fließen kann wie ein Fluss. Ganz vereinzelt hatte ich schon Ausnahmefälle, dass ein Dirigent mir ein Gedicht vorschlug, von dem ich sofort wusste, dass es auch für mich fließen würde, dies konnte ich dann als Kompositionsgrundlage zusagen. Auftraggebern, die ein politisches Stück wollten, musste ich schon absagen. Das ist ein Feld, in das ich nicht einsteige.

nmz: Was inspiriert Sie beim Komponieren? Wie entwickelt sich ein Werk?

Ešenvalds: Wenn ich ein Chorstück schreibe, liegt ein Blatt Papier auf meinem Tisch, auf dem eine Liste von verschiedenen Stimm-Elementen notiert ist: Glissando, Staccato und so weiter. Es ist eine vollständige Liste aller Parameter, die mir beim Komponieren zur Verfügung stehen. Ich benötige sie vielleicht nicht alle, verwende sie aber im Hinblick auf die Story. Wie definiert sich das Drama in diesem Stück? Und was sind die Elemente, die dieses Drama darstellen können? Ist es ein Flüstern? Ist es ein Schreien? Ein Gebrüll, ein Pfeifen? Jedoch benütze ich all die Elemente mit größter Umsicht. Es ist vergleichbar mit der Farbpalette eines Malers. Auch ich suche und kombiniere die Farben. Schließlich habe ich Meisterkurse für verschiedene Techniken besucht und dort viele Erfahrungen gesammelt.  

nmz: Was sind Ihre Vorbilder in Sachen Chormusik?

Ešenvalds: Musikalisch sind es Claude Debussy, Gustav Mahler, Igor Strawinsky und natürlich die lettische Volksmusik. Ich liebe den Impressionismus, der meine Musik geprägt hat.

nmz: Es sind sicherlich die Farb-Valeurs des Impressionismus, die Sie begeistern, richtig?

Ešenvalds: Ja. Es ist wegen der Nuancen und der Fragilität. Mein Werk ist, denke ich, ebenfalls so nuanciert, dass es dem Impressionismus nahesteht.  Die Polyphonie kann bewusst in die impressionistische Textur eingewoben werden. Denken Sie an das Beispiel des New-Complexitiy-Komponisten Michael Finnissy, bei dem ich auch einen Meisterkurs besucht habe. Seine Musik ist voller Energie. Die Noten sehen so komplex aus, so detailliert. Auf den ersten Blick wirkt es unspielbar, geradezu unsingbar. Aber wenn man etwa hört, wie Finnissy seine eigenen Kompositionen spielt, zum Beispiel die „Eng­lish Country Tunes“ für Klavier, dann spürt man die Wucht der Leidenschaft. Ich bewundere diesen großen Komponisten, er ist sehr emotional in seiner Musik und das ist so wunderbar. Deshalb bin ich auch so glücklich, dass die Zuhörer in meiner Musik eine Quelle für ihre eigenen Emotionen finden.

nmz: Sie sagten eben, dass die lettische Volksmusik Sie geprägt hat. Fühlen Sie sich als ein lettischer Komponist – auch wenn Sie längst auf der ganzen Welt zuhause sind?

Ešenvalds: Ja, ich bin ein lettischer Komponist. Ich liebe es zu reisen und den Ensembles bei der Aufführung meiner Musik zu helfen, aber ich liebe es noch mehr, in Lettland zu leben und dort zu komponieren. Denn in meiner Heimat fühle ich die Verbindung zur Natur, zu meinen Leuten, der Sprache, der Geschichte, meinem Unbewussten. Da sind meine Wurzeln spürbar: im Wetter, im Sturm und im Schnee. Ich bin völlig in der Natur integriert, sie inspiriert mich; ich benötige die Natur dringend für mein Leben als Komponist. Wenn ich in einer gro­ßen Stadt im Ausland, etwa in den USA oder in Japan, bin, um an einer Universität zu arbeiten, schaue ich normalerweise, dass ich mir zwei, drei zusätzliche Tage nehme, damit ich dann einen Wagen mieten und in die Natur fahren kann. Dann fühle ich mich bereichert und voller Energie für die nächsten Werke.

nmz: Wissen Sie, welche Ihrer Chorwerke besonders beliebt sind und oft gespielt werden?

Ešenvalds: Ja, mein Verleger gab mir die Papiere, wo alles aufgelistet ist. Es sind vor allem die zwei Werke „Stars“ und „Only in sleep“.

nmz: Ja, „Stars“ ist auch in Deutschland sehr beliebt. Wie kamen Sie auf die Idee mit den Wassergläsern?

Ešenvalds: Der Dirigent der Salt Lake Vocal Artists, Brady R. Allred, beauftragte mich einst, einen kurzen fünfminütigen Song für seinen Chor zu schreiben. Ich überlegte, was ich schreiben soll und dies war gerade zur Weihnachtszeit, als ich mit meiner Familie bei meinen Eltern zu Besuch war. Nach dem Weihnachtsessen versprach ich meiner Mutter, das Geschirr abzuspülen. Doch kurz davor ging ich noch eine Viertelstunde hinaus an die frische Luft. Es war ein kalter Winter mit Schnee und Eis. Ich blickte in den Himmel, sah die Sterne so hell und hatte mit einem Mal das Gefühl, ich könne ganz besonders tief in die Sterne hineinsehen. Es war eine ganz spezielle Atmosphäre, denn niemals zuvor hatte ich die Sterne auf diese besondere Art und Weise wahrnehmen können. Und dabei hatte ich das Gefühl, diese Dimension sogar regelrecht hören zu können, konnte es aber noch nicht genau selbst in Tönen festmachen. Zurück in der Küche, begann ich die Teller abzuwaschen. Im Spülbecken befand sich auch ein nasses Weinglas und ich begann, mit dem Finger damit zu spielen, denn ich kannte den Effekt natürlich. Da lauschte ich den Tönen nach und merkte, dass dies ähnlich dem inneren Klang war, den ich vorher beim Betrachten der Sterne gehört hatte. In dieser Nacht wurde die Idee geboren, daraus ein Stück für Allreds Chor zu machen, bei dem die Sänger die Gläser bespielen. Da rief ich meine Frau und gab ihr ein anderes Glas. Bei meiner Suche nach Lyrik fand ich dann Sara Teasdales amerikanische Gedichte. „Stars“. Das passte wunderbar! Nun konnte ich daran gehen, das Werk zu komponieren.

nmz: Welche Ihrer Werke können Sie jedem Chor empfehlen?

Ešenvalds: Ich denke, da wären die folgenden fünf Werke ein gutes Startpaket (lacht). Zum einen natürlich „Stars“, dann „The Heaven’s Flock“ und „ O salutaris hostia“. Dazu noch „Who can sail without the wind“ und noch das Stück, das ich für die achten „World Choir Games“ 2014 in Riga geschrieben habe: „My Song“.

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