„Ich kann nur schlecht die zweite Geige spielen“

Das „Mozartlabor“ im Würzburger Mozartfest mit Workshops und innovativen Formaten


(nmz) -
Viel frischen Wind bringt Evelyn Meining­ ins Würzburger Mozartfest, seit sie im Jahr 2014 die Intendanz des Traditionsfestivals übernommen hat: neue Spielorte, neue Veranstaltungsformate, eine Kooperation mit dem Kissinger Sommer. Auch die zeitgenössische Musik findet zunehmend Eingang in das vierwöchige Festival, sogar in die traditionellen Konzerte im Kaisersaal der Residenz.
Ein Artikel von Katja Tschirwitz

Im ebenfalls neu eingeführten, viertägigen „Mozartlabor“ knistert es regelrecht vor Neuheit. Hier im Exerzitienhaus Himmelspforten entsteht alljährlich ein offener Schutzraum für gedankliche und künstlerische Untersuchungen, treffen sich jedes Frühjahr zahlreiche Labor-Stipendiaten mit Dozenten aus unterschiedlichsten Bereichen: Sänger, Instrumentalisten, Komponisten, Musikjournalisten, -wissenschaftler, -vermittler, Kulturmanager und Künstlerfotografen. In offenen Proben, Gesprächsforen, Interviews, praktischen Sektionen und Lectures begegnen sich hier Theorie und Praxis, Konsens und produktiver Dissens. Das Labor ermöglicht es den Festivalmacherinnen auf elegante Weise, jüngere Menschen anzuziehen und so nach talentiertem Nachwuchs Ausschau zu halten.

Im diesjährigen Mozartlabor (10. bis 13. Juni) lehrte unter anderem das Minguet Quartett, daneben waren die Sopranistin Christiane Karg als „Artiste étoile“ des Mozartfests sowie der 87-jährige Dieter Schnebel zu Gast, der – als einer der profiliertesten Experimentalkomponisten des 20. Jahrhunderts – den erkrankten Wolfgang Rihm vertrat. (Musik von ihm gab es beim Mozartlabor leider nicht. Zu kurz wäre die Probenzeit nach Rihms Krankmeldung gewesen, dessen Musik in Labor und Festival umfänglich vertreten war.) Um über „Neue Musik in Oper und Konzertsaal“ zu sprechen, traf Schnebel im Mozartlabor auf Ulrich Isfort und Annette Reisinger vom Minguet Quartett sowie auf Kultur-Strategieberater Peter Gartiser.

Richtig Fahrt nahm die von Andreas Kolb moderierte Gesprächsrunde mit den Reiseberichten der beiden Minguet-Geiger auf, die das deutsche Musikleben in wohltuende Dis­tanz rückten: Während hierzulande schnell be- und abgeurteilt würde, begegne man unkonventionellen Programmen in Hongkong mit riesiger Neugier. In Mazedonien würde im Konzert geraucht, im mongolischen Ulan-Bator nahezu alles gierig aufgesogen. „Wir leiden hier an Übersättigung. Die Menschen dort hören wirklich zu.“ Nach einem Konzert in Mumbai mit Mozart, Rihm und Brahms habe eine Journalistin gefragt, welches das moderne Stück gewesen sei – Unvoreingenommenheit wider kontraproduktive Erwartungen. Die Spannung stieg, als sich der Musikwissenschaftler und Mozartforscher Ulrich Konrad aus dem Publikum zum Thema „Event“ einschaltete: „Zu Mozarts Zeit waren Opern immer Events, mit Essen, Trinken und Szenenapplaus wie im Jazz. Wenn ich ein Konzert kriege mit toller Landschaft und ein Glas Sekt dazu – nur her damit!“ Seit dem 19. Jahrhundert beherrsche uns die „fatale deutsche Idee der Kunstreligion“: Konzerthallen als Andachtsräume, Künstler als Priester in strenger Robe, Lauschen mit geschlossenen Augen. „So lange das noch in uns steckt, werden wir uns weiter empören über Dinge wie ‚unangemessenen‘ Zwischenapplaus.“ Das gab Anlass zum Weiterdenken.

Umfassende persönliche Eindrücke gewährte Schnebels Gespräch („Was ist Reife?“) mit Ulrich Konrad, in dem er – gewitzt und bodenständig – seinem 25 Jahre jüngeren Gesprächspartner auf allen Ebenen das Wasser reichte. Als studierter Theologe, Philosoph und Musikwissenschaftler hatte er sich für einen Brotberuf als Pfarrer und Schullehrer entschieden, um als Künstler frei zu sein. Später folgte eine Professur für Experimentelle Musik an der Hochschule der Künste Berlin. Das Komponieren brachte sich Schnebel selbst bei: Er analysierte Partituren, mischte in den 1950er-Jahren bei der Darmstädter Avantgarde mit und traf dort Koryphäen wie Nono, Boulez, Stockhausen und Cage.

Er experimentierte mit der menschlichen Stimme, die er (etwa in seinen „Maulwerken“) als sinnlichen Geräuschmacher einsetzte: Atemzyklen, Silben und Laute kombinierte er mit körperlicher Bewegung und wurde so zum Vertreter des experimentellen Musiktheaters. Sonst vieles, was so oder so ähnlich schon oft diskutiert wurde: Was ist schön, was hässlich? Sollte man das Publikum mit Neuer Musik „zwangsbeglücken“? Event – ja oder nein? Vielleicht könnte Annette Reisingers Wunsch, Neuer Musik nicht permanent eine Sonderstellung aufzunötigen, sondern sie organisch in „normale“ Programme einzubinden, hier ein Lösungsansatz sein.

Nach ihrer denkwürdigen Liedmatinee (mit dem fabelhaften Andreas Staier­ am Hammerflügel) gab sich Christiane Karg im Gespräch mit Johannes Bultmann als unterhaltsame, reflektierte Erzählerin mit unbedingtem Willen zum Erfolg: „Ich kann nur schlecht die zweite Geige spielen. Wäre ich im Opernchor gelandet, wäre ich immer unzufrieden gewesen.“

Ohne allzu privat zu werden, geizte sie im Mozartlabor nicht mit Persönlichem – über ihren musikliebenden Vater, einen Caféhausbetreiber, ihre Kindheit im Feuchtwangener Kirchenchor, über erste Engagements, richtige Stimmpflege und berufliche Alternativen. Dem Mozartsingen begegne sie undogmatisch – da sei sie offen für viele Stile. Auch warf sie etwas Licht ins Dunkel des Musikbetriebs: „Du musst lernen, nein zu sagen, und bei deiner Stimme bleiben. Du hast die alleinige Verantwortung. Am Ende nimmt keiner Rücksicht auf dich. Veranstalter und Agenten lassen dich fallen, Publikum und Kritiker sind gnadenlos.“ In einer Diskussionrunde über den aktuellen Opernbetrieb („Mozart und seine Sänger: Zwischen klassischem Ideal und lebendiger Praxis“, Moderation: Hansjörg Ewert) sprach sie nachsichtig und diplomatisch, während ihr Tenorkollege Julian Prégardien hinsichtlich überkommener Machtstrukturen deutlichere Worte fand.

In einem Lecture-Konzert spielte das Minguet Quartett mit beeindruckendem Impetus Rihms 4. Streichquartett sowie dessen „Geste zu Vedova“ (Vedova war ein venezianischer Maler des Informel.) In Richtung bildende Kunst bewegte sich auch die Präsentation der Sektion „Künstlerfotografie“ unter Wilfried Hösl – willkommener Kontrast zu zahlreichen Diskussionen, die teils zum Intellektualisieren neigten. Fünf Fotografen hatten während der Labortage ihre Dozenten und Mitstipendiaten auf individuelle Weise abgelichtet. In einem Abschlusskonzert in der Residenz präsentierten die Kammermusik-Stipendiaten die Ergebnisse ihrer Probenarbeit mit dem Minguet Quartett.

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