Im Altbau Neuland betreten

Der neue Saal im Dresdner Kulturpalast bringt weiteren frischen Wind in die Konzertsaal-Szene


(nmz) -
Genau genommen sind es ja drei Konzertsäle, die sich Deutschland in kurzer Zeit geleistet hat. Im Januar (endlich!) die Elbphilharmonie Hamburg, im März (überraschend!) der Pierre-Boulez-Saal in Berlin und nun (beeindruckend!) der neue Saal im Dresdner Kulturpalast. Wenn wir Berlin einmal außen vor lassen – dort gelang Maestro Daniel Barenboim mit dem Pierre-Boulez-Saal im eins­tigen Kulissendepot der Staatsoper schier ein kleines Wunder –, dann sind es vor allem die Kulturtempel in den Partnerstädten Dresden und Hamburg, die aktuell so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das Dresdner Festspielorchester war sogar der erste Klangkörper, der beide Räume bespielen konnte.
Ein Artikel von Michael Ernst

Damit war erstmals ein direkter Vergleich möglich, und dies sogar unter den akustisch unbestechlichen Bedingungen historischer Aufführungspraxis. Damit hat dieses 2012 gegründete Orchester, das ohnehin von Alleinstellungsmerkmalen lebt (es ist von internationalen Spitzenkräften mit einem ausgeprägten Faible für die Alte Musik besetzt), sich nun eine weitere Sonderheit erspielt.

Kaum war der seit 2013 für den Komplettumbau geschlossene Kulturpalast in Dresden wiedereröffnet – natürlich zunächst durch die dort heimische Dresdner Philharmonie –, schon gab das Festspielorchester den Auftakt zur Reihe der Palastkonzerte. Die wird von den Dresdner Musikfestspielen gestaltet und in den nächsten Monaten beispielsweise mit dem Gewandhausorchester Leipzig, der Staatskapelle Berlin und den Wiener Sängerknaben aufwarten. Intendant Jan Vogler hat also – neben Musikfestspielen und Moritzburg Festival sowie seinen Stradivari-Saiten – so ziemlich die Fäden in der Hand. Auch in den beiden Vergleichskonzerten hatte er als Solist im Cellokonzert von Robert Schumann mitgewirkt. Sein Eindruck: „Ich muss schon zugeben, beide Säle haben mich sehr beeindruckt. In beiden Konzerten fand ich den Klang sehr schön. Dresden klingt vielleicht etwas wärmer, Hamburg dafür etwas heller.“

Vergleich Hamburg – Dresden

Er habe mit dem auf historischen Ins­trumenten sowie originalgetreuen Nachbauten musizierenden Festspielorchester und den Darmsaiten auf seinem Stradivari-Cello eine „sehr gute Transparenz mit Nachhallzeiten und einer Akustik“ erleben können, wie sie auch im 19. Jahrhundert geherrscht haben dürften. Der Cellist kann vergleichen, denn er kennt die Konzertsäle der Welt. Wenn er die Fahne für Dresdens neuen Konzertsaal hochhält, dann gewiss nicht aus lokalpatriotischen Gründen: „Man merkt, hier haben die Architekten nachgedacht über die Zeit, in der der Kulturpalast entstanden ist. Aber natürlich ist Hamburg im Vergleich zum bürgerlich bodenständigen Dresden sehr spektakulär und ambitioniert. Nicht protzig, aber ein absolut ehrgeiziges Projekt.“

Das Hanseatische besticht, keine Frage, zumal hier auch der optische Eindruck mitspielt: edle Materialien, trotz aller räumlichen Weite mit Anmut. Dazu noch der großartige Rundblick vom Hafen zu Michel und Speicherstadt. In Dresden wird auf Springbrunnen und Altmarkt geblickt. Dafür klingt im hiesigen Saal alles ein wenig intimer, wie bei einem Salondampfer im Elbtal. In den hohen Etagen der Elbphilharmonie besticht die schiere Größe, die sich mindestens an Ozeanriesen messen lassen will. Auch finanziell kommt ein solcher Vergleich ja ungefähr hin. Immerhin erwecken die geschwungenen Geländer in Hamburg den Eindruck von Notenlinien. Und Dresden hat endlich den Estradencharme des einstiges Festsaals aus den 1960er-Jahren überwunden.

Die hiesige Intimität des offensichtlich nach Berliner Philharmonie-Vorbild gestalteten Weinbergsaals hat ihr Gutes, das Publikum sitzt mitten im Klang und wird Teil der Musik. Der Hamburger Großraum bewirkt mehr Distanz, die man getrost als norddeutsch distinguiert werten kann. Dabei geht es in beiden Sälen um perfekte Durchhörbarkeit, wie der direkte Konzertvergleich deutlich gemacht hat. Gerade das Festspielorches­ter mit seinen historischen Instrumenten und den darmbesaiteten Streichern gestattete hier wie da keinerlei Mogeln. Der edle Klang, den Dirigent Ivor Bolton evozierte, ließ mit Absicht auch Schroffheiten zu. Das leise Spiel gelang eher in Hamburg, muss in Dresden noch studiert werden. Was den Nachhall betrifft, nehmen sich beide Säle nicht viel, da müssen nur die unterschiedlichen Volumina beachtet werden. Kieckser übrigens lassen sich hier wie da nicht verstecken. Bei allen Unterschieden überwiegen doch die Gemeinsamkeiten dieser zwei Säle: In beiden steckt wesentlich mehr europäische Leitkultur, als sich in boulevardesken Sonntagsblättern vermarkten lässt. Fazit: 2:1 für Hamburg.

Neubauten, und das sind nicht ihre schlechtesten Attribute, haben noch immer Lernprozesse auslösen können, auch bei Orchestern. Dass nun auch die Dresdner Philharmonie den Vorzeigesaal ihrer elbabwärts gelegenen Partnerstadt austesten will, liegt auf der Hand. Mitte Dezember ist es soweit. Doch erst einmal nimmt sie das eigene Haus in Besitz, schließlich war das 1871 gegründete Orchester während der Bauzeit auch lange genug „unterwegs“. Es spielte in Theater- und Kirchenräumen, in Museen und gas­tierte außerhalb Dresdens. In der kommenden Spielzeit sind solche Ausflüge deutlich seltener, Chefdirigent Michael Sanderling will den eigenen Saal austesten. Nach dem Eröffnungskonzert Ende April konstatierte der Dirigent: „Alles, was ich bisher im Saal erproben konnte, lässt den Schluss zu, dass der Saal für das gesamte sinfonische Repertoire bestens geeignet ist. Und ich gehe davon aus, dass er darüber hinaus für übergreifende Genres gut sein wird. Bei allem, was wir bisher hier gespielt haben, funktioniert er hervorragend.“

Die Dresdner Philharmonie in ihrer neuen Heimstatt

Zur Eröffnung waren dies Schostakowitschs „Festliche Ouvertüre“, das Vio­linkonzert von Mendelssohn Bartholdy, drei für Orchester arrangierte Schubert-Lieder sowie das Finale aus Beethovens 9. Sinfonie, um die klanglichen Dimensionen des jetzt auf knapp 1.800 Plätze reduzierten Saals zu erproben (vorher bis zu 2.700). Damit mag ein Spektrum akustischer Möglichkeiten aufgezeigt worden sein, rein dramaturgisch aber entsprach dieses Programm – nach dem Wegfall eines nun für die nächste Saison geplanten neuen Werkes von Krzysztof Penderecki – einem Weiter-so wie gehabt. Wenn das jüngste Stück bei einer Neueröffnung, die ja nichts weniger als eine neue Ära einläuten soll, aus den 1950er-Jahren stammt, ist das ein Manko.

Dass sich die Musikerinnen und Musiker um Michael Sanderling an solch­ einem vielbeachteten Abend trotzdem wacker geschlagen haben, versteht sich von selbst. Auch die Solisten – Julia Fischer im Violinkonzert und Matthias Goerne bei Schubert – zeigten sich der weihevollen Situation durchaus bewusst. Dass es an Textverständlichkeit mitunter gemangelt hat und sich der Saal insgesamt erst noch „einschwingen“ muss, steht auf einem anderen Blatt. Zumal die Bau­übergabe erst wenige Tage vor dem Konzert stattfand und somit wenig Zeit blieb, die räumlichen Gegebenheiten gründlich zu probieren.

Dennoch ist Sanderling überzeugt, dass die Musikstadt Dresden durch den neuen Saal im alten Haus im internationalen Tourneegeschäft wieder eine wichtige Rolle spielen werde. „Für die Stadt bedeutet dieser Saal im Wesentlichen zwei Dinge: Dresden bekommt für seine reiche Musiklandschaft endlich einen adäquaten Raum und unsere Gäste finden einen Raum, in den sie gerne wiederkommen. Wir werden ja jetzt schon nicht nur gefragt, sondern wir werden mittlerweile beneidet.“

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