Im Schmelztiegel der Klavierliteratur

Neue Notenausgaben als Anregung für eine größere Vielfalt an Unterrichts- und Vortragsstücken


(nmz) -
Die Tendenz zu einfachen Polarisierungen ist kaum mehr zu übersehen. Programme, ob für Schüler-Vorspiel oder -Wettbewerb, führen viel zu oft zu einer Standardisierung, die nur partiell zufriedenstellen kann. Eine Auswahl aus der Fülle von Neuausgaben für Klavier soll als Anregung dienen, solchen Erstarrungsmechanismen entgegenzuwirken.
Ein Artikel von Anke Kies

Béla Bartók: Mikrokosmos. Wiener Urtext Edition UT 50411/ UT50412UT50413

Bartóks großes didaktisches Klavierwerk „Mikrokosmos“ zählt zu den bedeutendsten pädagogisch orientierten Klavierzyklen des 20. Jahrhunderts. Es verknüpft in einzigartiger Weise Zielstellungen, die umfassender kaum sein könnten. Dennoch scheint es so, dass dieses Schlüsselwerk (im Gegensatz zu Bartóks Zyklus „Für Kinder“) in der Praxis des Unterrichts ein eher stiefmütterliches Dasein fris­tet. Fakt ist aber, dass seit dem „Mikrokosmos“ kein weiteres in diesem Umfang konzipiertes Lehrwerk mehr erschienen ist („Játékok“ von György Kurtág ließe sich am ehesten noch in einem Atemzug nennen). Bartók versteht sein Werk nicht als Klavierschule, sondern als Handreichung zu einer psychologisch durchdachten Ausbildung, die sich an der „rezeptiven Progression“ des musikalischen Hörens orientiert. Mit der Neuausgabe der Wiener Urtext Edition rückt der Verlag den „Mikrokosmos“ verstärkt­ ins Bewusstsein. Sie berücksichtigt­ Bartóks ursprünglichen Wunsch nach der Aufteilung in drei Bänden, die ihm sinnvoller erschien. Die sechsbändige Ausgabe, die über Jahrzehnte verwendet wurde (und mit Sicherheit handlicher war), ist mehreren Umständen geschuldet, die die Herausgeber Michael Kube und Jochen Reutter nach vorbildlich erfolgter Recherche in einem umfangreichen Textteil erläutert haben. Einige Kopierfehler, die im zeitlichen Umfeld des Erstdrucks unbemerkt blieben und sich hartnäckig hielten, wurden berichtigt, aber in Teilen auch bewusst beibehalten. Die während der editorischen Arbeit geborgenen, noch unveröffentlichten Stücke und Anmerkungen Bartóks, die auch Auskunft geben über die Methodik seines Unterrichts, wurden in diese Neuausgabe einbezogen. Peter Roggenkamps Anmerkungen zum Studium und der Interpretation sollte der Nutzer der Ausgabe nicht nur im Zweifel zur Hand nehmen.

Am Klavier – Die neue Reihe für Wiedereinsteiger. G. Henle Verlag HN 1800–1811

Die Reihe „Am Klavier“ im Umfang von zwölf Heften wurde von Sylvia Hewig-Tröscher vorwiegend für Wiedereinsteiger konzipiert, die auf hohem Niveau musizieren wollen. Die Ausgabe kann aber genauso gut auch von Klavierschülern ab der Mittelstufe verwendet werden. Die einzelnen Bände widmen sich jeweils einem Komponisten mit einer progressiv angeordneten Auswahl an Klavierstücken. Die Suche erfolgte primär nach dem Gesichtspunkt, bekannte Literatur von Bach bis Debussy zu bündeln. Neben einleitenden Informationen zum Komponisten wird jedem einzelnen Stück ein ausführlicher Text mit Tipps und Kommentaren vorangestellt. Sie können als Hilfestellung dienen, wenn man autodidaktisch vorgehen will. Den vielleicht interessantesten Querschnitt bietet der Band zu Robert Schumann, während in die Ausgabe zu Edvard Grieg größtenteils lyrische Stücke integriert wurden. Die Edition orientierte sich an den bewährten Urtext-Ausgaben des Henle Verlags und wird auch als Library-App erhältlich sein.

Bohuslav Martinu: Leichte Klavierstücke und Tänze. Bärenreiter BA 9586

Von den mehr als 200 Klavierkompositionen Martinus werden im Unterricht wohl am ehesten die „Marionetten“ gespielt. Dass es da noch viel mehr zu entdecken gibt, zeigt diese Ausgabe mit zum Teil bisher unveröffentlichten Werken. Martinus Affinität zu den Modetänzen der 20er-Jahre – Foxtrott, One-Step oder Black Bottom – erklärt sich durch Stilsicherheit und Humor. Fassungen für Klavier sind nur identisch, wenn auf Sprungtechnik, Großgriffigkeit und Akkordik nicht verzichtet wird. Der Zyklus „Viertel und Achtel“, hier erstmals abgedruckt, kann als ein metrisches Spektakel betrachtet werden. Die Wechseltakte werden zudem mit spieltechnischen Schwierigkeiten unterfüttert, die äußerst knifflig erscheinen. Erfreulich ist auch, dass der dreiteilige Zyklus „Vánoce“ mit in den Band aufgenommen wurde. Die Zuordnung von Titeln, wie in der tschechischen Ausgabe von 1972 geschehen, ist nicht verbürgt, wohl auch nicht korrekt und wurde deshalb weggelassen. Dass ein Kinderwiegenlied im dreifachen Forte schließt, ist so ungewöhnlich nicht (sie­he die Berceuse von Hindemith) und ein Weihnachtslied auch ein Wiegenlied sein könnte, verwirrt aber doch. Zwei sehr ausgelassene und grotesk anmutende Stücke rahmen ein anmutiges, fast entrücktes ein. Die Miniaturen können auch als Einzelstücke vorgetragen werden.

András Hamary: Der Kleine Prinz, Erstes Heft. Musikverlag V. Nickel München MVN 82

András Hamary, geboren 1950 in Budapest, studierte Klavier, Komposition und Dirigieren. Die Musik, die im Kleinen Prinz erklingt, steht hörbar in der Tradition der ungarischen Moderne um Bártok; der Text ist ausnotiert und das Klavier bedarf keiner Präparierung. Durch stumm gedrückte Cluster, dem Klingen von Obertönen, einem raffinierten Pedalgebrauch und ausgefallener spieltechnischer Methoden scheinen sich aus den erzeugten Klängen Bilder zu formen. Das komplexe Werk stellt extreme Ansprüche an den Pianisten. Hamarys Zyklus lehnt sich an das gleichnamige Buch von Antoine de Saint-Exupéry an – die Titel der Stücke stehen in direktem Bezug zur Handlung: „Affenbrotbäume“ oder „Der Laternenanzünder“. In der „Unterhaltung mit dem Fuchs“ spielt die linke Hand allein. Das erste Heft beinhaltet fünf der geplanten zehn Stücke.

Bärenreiter Piano Kaleidoscope, BA 10900

Sammlungen sind praktisch und deshalb auch keine Mangelware. Ein Mangel offenbart sich dann, wenn der Inhalt auf Oberflächlichkeit schließen lässt. Das Kaleidoscope ist eine Sonderausgabe des Bärenreiter-Verlags, die profund bestückt wurde. Wenngleich auch hier die Werke nicht fehlen, die man als erstes in einer Sammlung sucht (Bachs Präludium in C-Dur, die Mondscheinsonate oder ein Venezianisches Gondellied), so gibt es doch Raritäten, wie das erst recht neu verlegte Albumblatt von Brahms, ein Satz aus einer Sonate von Koželuch, oder ein Blues von Schulhoff. Auch das vierhändige „En plus“ von Satie fand Platz. Der Streifzug durch die Jahrhunderte der Klaviermusik tangiert Miniaturen ganz unterschiedlichen Charakters und Schwierigkeitsgrades und verspricht eine lange Nutzungsdauer. Da der Verlag aus seinem eigenen Programm schöpft, können bei Bedarf die einzelnen Bände des jeweiligen Komponisten nachgekauft werden. Das Kaleidoscope erhält man zum Vorzugspreis von 5 Euro.

From Bach to Schoenberg, 200 Years of Piano Music. Wiener Urtext Edition UT 50406

Die auch hier aus dem Verlagsprogramm zusammengestellte Sammlung lässt sich als Brückenschlag betrachten. Sie richtet sich allerdings an eine andere Zielgruppe und wurde unter Mitarbeit des International Institute for Piano Pedagogy (IIPP) konzipiert. Die Stücke sind wesentlich anspruchsvoller und umfangreicher. Zyklische Werke wie die Toccata e-Moll von Bach, die Arabeske von Schumann oder die „Sechs kleinen Klavierstücke“ op. 19 von Schönberg sind kaum Bestandteil von Sammlungen. Lokalkolorit spiegeln L.M. Gottschalks „Le Bananier“, Grieg´s „Albumblad“ und Albéniz´ Prélude op.232/1 wider. Auch die beiden Sonaten von Haydn As-Dur, Hob.XVI:46 und Beethoven c-Moll, op.10/1 wurden klug eingereiht. Interessant ist ebenfalls die Gegenüberstellung der zwei Ges-Dur-Impromptus von Schubert und Chopin oder die Rhapsodie von Brahms op.79/2 und das „Lied ohne Worte“ op. 53/3 von Mendelssohn, die beide in gleicher Tonart g-Moll stehen und sich im Affekt ähneln. Die zwei ausgewählten Sonaten von Scarlatti in G-Dur sind ebenfalls tonartgleich und kooperieren miteinander. Wenngleich Rachmaninoffs cis-Moll-Prélude und Liszts Liebestraum zu den von Pianisten bevorzugten Stücken gehören, so ist ihr Abdruck in dieser Ausgabe doch mehr als gerechtfertigt. Nicht unerwähnt bleiben soll das wunderbare Adagio in h-Moll (KV 540) von Mozart. Der „Maple Leaf Rag“ von Joplin genießt eine gewisse Einzelstellung, ebenso „La Cathédrale engloutie“ aus den Préludes von Debussy.  

Paul Hindemith: Drei frühe Stücke. Schott ED 22239

Paul Hindemith zeigte gegenüber atonalen Tendenzen eine stets wachsende Skepsis. Polyphonie, die durch Schärfe der Dissonanzen und immer wieder gesuchte Tonunschönheiten aneckte, war ihm wichtiges musikalisches Ausdrucksmittel. Das vorliegende Heft enthält drei kurze Stücke aus den 20er-Jahren, die im Umfeld von Konzerttourneen entstanden. Das erste, ein „Lied“, ist eine introvertierte, nachdenkliche Komposition im langsamen Tempo ohne Taktangabe. Der Einstieg erfolgt unscheinbar im Unisono, das chromatische Linien entfaltet und mit gegenläufigen Stimmen verknüpft. Im „Klavierstück“ von 1929 geben die Achtel den Takt an, die sehr ruhig gezählt werden sollen. Die vielen Punktierungen und metrischen Verschiebungen lassen ein schnelleres Tempo auch gar nicht zu, will man den Charakter nicht verfremden. Die „Berceuse für Klavierpianoforte“, ein aberwitziges, sehr lebhaftes und zugleich lautes Stück, verblüfft durch Virtuosität und Versiertheit. Damit steht es im drastischen Spannungsfeld zum parodistischen Vortrag.

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