Immer aufs Neue die Schülerperspektive einnehmen

Der VdM Musikschulkongress 2019 in Berlin zwischen Appmusik und Lebenskunst


(nmz) -
Smartphoneorchester. Vor meinem Besuch des Deutschen Musikschulkongresses in Berlin dachte ich, dass das so ziemlich das Gegenteil von dem ist, worum es bei der Musikschularbeit geht. Statt mit Instrumenten sitzen dabei die „Musizierenden“, wie es ja gendergerecht heute heißen muss, im Halbkreis auf Stühlen, jeder mit einem Smartphone oder Tablet auf dem Schoß.
Ein Artikel von Frank Armbruster

Der eine wischt, der andere drückt, auf virtuelle Tasten, Saiten oder Trommeln, und das klingt – nun ja, wie man sich eine digitale Band eben so vorstellt. Aber wenn man Manfred Grunenberg glauben will, der im Rahmen der  Arbeitsgruppe „Digitalisierung: Wie Musikschulen profitieren können“ einen Film über das Computermusizieren an einer Musikschule gezeigt hat, dann ist das Smartphoneorchester eben eine Art niederschwelliges Angebot – Ziel, so Grunenberg, sei es, dass die Spieler erst mal Lust am Musikmachen bekämen und dann später auf ein richtiges Instrument umstiegen.

Ob das klappt? Es wird sich zeigen. Möglich erscheint mir allerdings, dass auch genau der gegenteilige Effekt eintreten könnte: dass nämlich die erste Begeisterung darüber, ohne Technik und Vorwissen Musik machen zu können, rasch verfliegt angesichts der Anstrengungen, die eine ernsthafte Beschäftigung mit einem Musikinstrument nun mal eben mit sich bringt. Frust wäre dann vorprogrammiert. Im Extremfall schaffen sich die Musikschulen mit solcherlei Angeboten letzlich selbst ab. Digitalisierung war grundsätzlich ein wichtiges Thema auf dem Deutschen Musikschulkongress, der am Freitag, den 17. Mai im Kuppelsaal des BCC am Alexanderplatz mit einer zweistündigen Eröffnungsveranstaltung begonnen hatte und am Sonntag mit einer Aufführung von Prokofjews „Peter und der Wolf“ durch das Opernkinderorchester in der Staatsoper Unter den Linden zu Ende ging. Und schon die Eröffnung war ein Paukenschlag. „Berlin bleibt doch Berlin“ war der Titel der begeisternden, mit allerlei historischen Filmausschnitten – darunter Ronald Reagans Rede vor dem Brandenburger Tor: „Mr. Gorbatschow, tear down this wall!“ – gewürzten Collage, einer Koproduktion aller zwölf Musikschulen Berlins, in der die Geschichte der Stadt von den 20erJahren über Nationalsozialismus, Mauerbau und Wiedervereinigung musikalisch wie szenisch mitreißend dargestellt wurde. Das Publikum war am Ende hingerissen, die Ovationen wollten kaum ein Ende nehmen.

Dabei wurde im Übrigen, mal abgesehen von Sound- und Bildtechnik, auf rein analoge Weise Musik gemacht – was wiederum auch als Plädoyer für die These gelten könnte, dass sich Musikschulen nicht unbedingt jedem Trend anpassen müssen, sondern im Gegenteil auch einen Kontrapunkt zum allgegenwärtigen Digitalhype darstellen können. Schließlich fühlt und denkt auch der Mensch nach wie vor analog.

Als Hilfsmittel immerhin sind Musikapps durchaus gut zu gebrauchen. Es dürfte nur noch wenige Musiklehrer geben, die ein mechanisches Metronom benutzen, und auch Tuningapps haben sich im Musikunterricht längst etabliert. Wie raffiniert diese Programme mittlerweile ausdifferenziert sind und mit welchen Features sie aufwarten, zeigte dann Matthias Krebs in einer Arbeitsgruppe zum Thema Musikapps. Krebs ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berliner UdK und leitet da – sowas gibt’s tatsächlich – die „Arbeitsgruppe Appmusik“. Und dass sich Krebs damit ausführlich beschäftigt hat, merkte man seinem kompetenten Vortrag auch an. Ob man die Apps für einen guten Unterricht braucht, ist wieder eine andere Frage.

Es war, zugegeben, mein erster Besuch eines Musikschulkongresses, und das, obwohl ich seit über 30 Jahren hauptberuflich an einer Musikschule als Instrumentallehrer und stellvertretender Schulleiter tätig bin. Ob es daran liegt, dass mich die im Verlauf meines Berufslebens besuchten Fortbildungsveranstaltungen und Meisterkurse selten nachhaltig inspiriert haben? Interessant war es jedenfalls, in Berlin allerlei Kollegen zu treffen, darunter auch einige, die man seit dem Studium nicht mehr gesehen hatte. Insgesamt war die Organisation des Kongresses, von den Einlasskontrollen mit den mürrisch guckenden Muskeltypen über den Ablauf der Veranstaltungen bis zum Getränkeausschank in den Pausen absolut perfekt –  anders als manche vielleicht erwartet haben, gab es keine Zeichen von jenem Schlendrian, der Berlin gelegentlich nachgesagt wird. Da kann man auch als Baden-Württemberger nur den Hut ziehen.

Und los war allerhand. Die Veranstaltungen waren alle sehr gut besucht, an den Ständen der Aussteller, in der Mehrzahl Notenverlage und Hersteller von Musikinstrumenten, herrschte in den Pausen Hochbetrieb. Viele der angebotenen Arbeitsgruppen und Kurse waren schon Wochen vor Beginn ausgebucht, ich konnte froh sein, dass es für einige noch geklappt hat mit der Anmeldung. Darunter war ein Kurs zum Thema „Komposition im Instrumentalunterricht“ eines Professors aus Essen, der mich dann allerdings wieder in meinem Vorurteil bestätigte, dass zwischen akademischer Theorie und Praxis mitunter eine erhebliche Lücke klafft.

Dafür war das Wetter schön in Berlin. Viele setzten sich in den Pausen nach draußen auf den Alexanderplatz und lauschten den musikalischen Open Air-Darbietungen. Denn auch nach der grandiosen Eröffnungsshow gab es musikalisch weitere Highlights wie die Big Band Night mit drei exquisiten Berliner Big Bands, darunter das famose Berlin Jazz Composers Orchestra, das ausschließlich Werke zeitgenössischer Berliner Komponisten spielt.

Was am Ende jeder für sich vom Kongress mitgenommen hat dürfte sehr verschieden sein. Manche Kollegen waren des Lobes voll über das Erfahrene, andere äußerten sich eher skeptisch. Sehr verstanden in seiner Berufssituation als Musiklehrer im Allgemeinen durfte man sich von einem Vortrag im Plenum fühlen, den Ulrich Mahlert unter dem Titel „Lebenskunst als Aufgabe von Musikschullehrenden“ hielt. Dinge so zu betrachten, als sehe man sie zum ersten Mal, lautete eine seiner Kernaussagen – was für einen Musiklehrer vor allem bedeutet, immer wieder aufs Neue die Schülerperspektive einzunehmen. Wer dazu in der Lage ist, für den kann jede Unterrichtsstunde wieder eine neue Erfahrung darstellen, ungeachtet der Frage, wie oft man das Stück schon unterrichtet hat. Das freilich ist eine Sache der persönlichen Einstellung. Ob es dafür auch mal eine App geben wird?

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