In Brasilien ist alles anders

Interview mit der Gründerin des Festivals „Musica em Trancoso“, Sabine Lovatelli


(nmz) -
Das Festival „Musica em Trancoso“ im brasilianischen Bundesstaat Bahia fand in diesem Jahr zum sechsten Mal statt. Es wurde von der aus Deutschland stammenden Wahlbrasilianerin Sabine Lovatelli und Freunden aus Trancoso, Sao Paulo und Europa gegründet. Darunter auch Reinold Geiger, der CEO und Eigentümer des Kosmetikkonzerns L’Occitane, der auch Hauptsponsor des Festivals ist. Eine Woche lang konzertieren Solisten und Ensembles aus Europa sowie Jugendorchester aus Brasilien. Neben den Konzerten liegt ein Schwerpunkt auf Workshops und Meisterklassen für die brasilianischen Nachwuchsmusiker. Im Interview mit Gero Schließ erzählt Festival-Gründerin Sabine Lovatelli, welche Herausforderungen „Musica em Trancoso“ zu bestehen hatte. Und dass diese Erfolgsgeschichte gar nicht so geplant war.
Ein Artikel von Gero Schließ, Sabine Lovatelli

neue musikzeitung: Warum hilft ein Festival den Menschen in Trancoso?

Sabine Lovatelli: Wir haben damit die Tourismussaison verlängert. Eigentlich ist hier nämlich am Sommerende Schluss, also spätestens im Januar. Durch das Festival haben Geschäfte, Restaurants und Pousadas jetzt bis nach Ostern zu tun. Das ist sehr wichtig für die Region. Ein schöner Nebeneffekt ist: Wir haben damit die gesamte Bevölkerung hinter uns. Jeder verteidigt dieses Festival. Viele Leute aus der Gegend kommen zu den Konzerten. Die Eintrittspreise für die hiesige Bevölkerung sind 10 Prozent des normalen Eintrittspreises, der mit umgerechnet 60 Euro auch nicht sehr hoch ist.

nmz: Als der international gefragte Architekt François Valentiny hier das Theater baute, war Ihnen da schon klar, wie Sie das Festival aufziehen wollen?

Lovatelli: Nein. Das Ganze war ja gar nicht geplant und ist hier anders gelaufen als sonst beim Bau eines Theaters. Normalerweise hat man das Musikprogramm bereits entwickelt und die Künstler unter Vertrag. Man hat einen Businessplan, wie man das Theater bewirtschaftet. Das war bei uns anders, das wussten wir alles nicht. Das war für uns genauso ungewiss wie für das Publikum. Wir haben uns einfach entschlossen, das hier mal zu machen. Und dann entwickelte es sich das Schritt für Schritt.

nmz: Gilt das auch für sie Konzerte selbst?

Lovatelli: Wir sind ja eigentlich alle „Ausländer“ hier und wussten nicht, wie die Bevölkerung reagieren würde. Und wir wussten auch nicht, was ihnen gefällt. Also habe ich im ersten Jahr gesagt, wir machen eine Woche Festival und jeden Abend ein anderes Thema und eine andere Formation. So dass ich sehen konnte, wo die Interessen liegen. Ich wollte dann hinterher wissen: Was hat euch am besten gefallen, in welche Richtung soll dieses Festival gehen? Und da haben alle gesagt, wir lieben diese Zusammensetzung. Und so ist es geblieben. Wir haben auch in diesem Jahr wieder alles: klassische Musik, große Sinfonieorchester, Kammermusik, Jazz, Popularmusik, Oper. Und so ist jeder Abend eine Überraschung.

nmz: Wie wichtig sind in diesem Konzept die begleitenden Meisterklassen?

Lovatelli: Gleich von Beginn an war uns klar, dass Education ein Schwerpunkt sein muss. Wir haben das Festival so entwickelt, dass die Orchester in Residence immer Jugendorchester aus Brasilien sind. Wir geben den Orchestern damit einen Ansporn, sich auf etwas vorzubereiten. Gleichzeitig haben sie die Möglichkeit, mit internationalen Künstlern zu arbeiten.

Und wir haben Glück gehabt, dass unsere Festivalidee funktioniert. Der Bürgermeister und die Regionalregierung sind mittlerweile stolz darauf.

nmz: Sind die so stolz, dass die Öffentliche Hand ihre Taschen öffnet und das Festival finanziell unterstützt?

Lovatelli: Also, so stolz sind die noch nicht (lacht). Aber wir haben in Brasilien ein Gesetz, wonach die Sponsoren vier Prozent der zu entrichtenden Steuern in die Kultur investieren können. Der Sponsor zahlt eigentlich gar nicht mit eigenem Geld, sondern nimmt vier Prozent seiner Einkommenssteuer. Aber man muss natürlich diese Firmen erst einmal finden.

nmz: Ist es schwer, Firmen zu überzeugen, hier zu investieren. Immerhin ist Trancoso so fernab von allem, dass es doch schwierig ist, einen finanziellen Return darzustellen?

Lovatelli: Wir hatten von Anfang an unseren Hauptsponsor L’Occitane, der auch die Idee zu dem Festival hatte. Ich hatte durch das Mozarteum in Sao Paulo, das ich seit 36 Jahren leite, sichere Sponsoren, die das Konzept des Mozarteums unterstützen, also Education, Konzerte, internationaler Austausch. Die kennen mich gut und die haben uns geglaubt, als wir sagten, wir machen jetzt was Neues. Hier wird man genannt und bekommt Kontakte. Das Festival ist inzwischen so international geworden, dass auch die Kontakte immer interessanter werden.

nmz: Sprechen wir über die Künstler. War es eigentlich schwer, internationale Künstler nach Trancoso zu holen? Immerhin treten beispielsweise Musiker der Berliner oder Wiener Philharmoniker auf.

Lovatelli: Beim ersten Mal, als wir das provisorisch gemacht hatten, habe ich nur befreundete Künstler gefragt und habe ihnen gesagt, hier ist ein wunderschöner Ort, da müsst ihr hinkommen. Und wenn es nicht klappt mit dem Fes­tival, dann habt ihr zumindest eine schöne Woche am Strand. Da kamen die Labeque Schwestern, da kamen Musiker der Berliner und Wiener Philharmoniker und fanden es alle schön.

Heute wollen viel mehr Künstler kommen, als wir annehmen können. Die sind aber nicht nur hier wegen Sonne und Strand. Sie arbeiten hier sehr hart, haben tagsüber Proben und abends Konzerte, außerdem geben sie fast täglich Masterclasses für die Studenten hier. 

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